Zwei Jahre mit Blindenführhund unterwegs: Fragen und Antworten

Hallo zusammen,

heute ist Tag des Blindenführhundes. Und auch ich werde seit über zwei Jahren von
so einem tollen Hund begleitet. Heute möchte ich mir mal die Zeit nehmen, einige Fragen meiner lieben Bloggerkolleginnen und -Kollegen zu beantworten.

Warum wolltest du einen Blindenführhund haben?

Das ist eine echt gute Frage. Seit ich denken kann, habe ich schon immer Tiere – vor allem Hunde – geliebt. Auf unseren Spaziergängen am Rhein sind wir immer mal welchen begegnet und ich habe mich riesig gefreut, wenn ich diese dann auch streicheln durfte. Auch gab es im Freundes- und Bekanntenkreis immer mal wieder Hunde, mit denen ich gerne Zeit verbracht habe.
Mein erstes besonderes Erlebnis mit Hunden hatte ich mit etwa fünf Jahren. Damals hatte ich große Angst vorm Wasser; ich wollte nur mit meiner Mama oder einer Schwimmhilfe rein. Doch ein Hund – nämlich ein Landseer namens Bootsmann – schaffte es, mir die Angst vorm Wasser zu nehmen. Auch um diese Zeit, erfuhr ich, dass es Blindenhunde gibt. „Toll, ein eigener Hund, der mir auch noch hilft“, dachte ich damals. Und was habe ich gemacht? Ich habe mir jahrelang einen Blindenführhund vom Christkind gewünscht, ihn aber leider nicht bekommen. 2018, also einige Jahre später war es dann soweit und mein Kindheitstraum ging in Erfüllung: Mein Blindenführhund Pitou ist bei mir eingezogen. Er ist ein blonder Labrador und aus meinem Leben schon gar nicht mehr wegzudenken.

Was musstest du machen, um einen Hund zu bekommen?

Der Weg bis zu diesem Tag war gar nicht so kurz und relativ steinig. 2016, kurz nach den Abiprüfungen, fing ich an, mich ernsthaft mit dem Thema Blindenführhund auseinanderzusetzen. Ich recherchierte Führhundschulen aus NRW im Internet. Nachdem ich einige gefunden hatte, habe ich einfach mal bei allen Schulen angerufen. Dabei habe ich festgestellt, dass auch Google nicht immer up to Date ist, denn einige von den Führhundschulen gab es schon gar nicht mehr. Am Ende landeten eine Handvoll Führhundschulen in der engeren Auswahl. Mit diesen Schulen vereinbarte ich dann einen Besuchstermin. Zu jedem dieser Besuche nahm ich mindestens eine sehende Begleitung mit, denn es sollte sich ja auch jemand mit eigenen Augen von der Situation überzeugen. Wie sagt man so schön: Reden kann man viel, wenn der Tag lang ist.
In den Schulen fand ich ganz unterschiedliche Situationen und Hunde vor, davon im Detail zu erzählen, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Als meine Wahl gefallen war, ließ ich mir von meiner favorisierten Blindenführhundschule einen Kostenvoranschlag schicken. Diesen reichte ich dann mit einem Rezept vom Arzt und einem kurzen Begleitschreiben persönlich bei meiner Krankenkasse ein. Vor Ort wurden mir dann direkt einige Fragen gestellt, die wir uns dann aber mitgeben ließen, um sie in Ruhe zu Hause beantworten zu können. Um ja auch die richtigen Antworten zu geben, telefonierte ich mit einigen Führhundhaltern, die mich super beraten haben. Als wir die Fragen dann an die Kasse geschickt hatten, hieß es dann abwarten und Tee – äh Kakao trinken. Immer wieder wurden wir mit Briefen vertröstet, dass die Bearbeitung wohl noch ein paar Wochen dauern würde. Im Juli – also ca. fünf Monate später – erhielten wir dann einen Anruf vom medizinischen Dienst der Krankenkassen. Ein Herr von dort sollte vorbeikommen, um ein Gutachten zu erstellen. Nach einem über fünfstündigen Besuch erhilten wir von dem Herrn höchstpersönlich die niederschmetternde Antwort: Er würde einen Hund für mich nicht befürworten, denn das Gehen mit dem Stock klappe doch recht gut und mit etwas Mobilitätstraining wäre ich dann ausreichend versorgt. Dieser Meinung schloss sich dann ein paar Wochen später auch meine Krankenkasse an. Aber das ließen wir nicht auf uns sitzen und nahmen uns anwaltliche Hilfe für den Widerspruch. Nach langem hin und her zwischen meiner Anwältin und der Krankenkasse erhielt ich dann überraschend einen Brief von meiner Krankenkasse mit einem Ausrufezeichen drauf. Und im Brief steckte die Bewilligung für meinen Hund. Ein Jahr Kampf hatte sich ausgezahlt.

Und wie gings nach der Bewilligung weiter?

Naja, erstmal habe ich meine Freude mit meiner Familie und meinen Freunden geteilt und einen Facebook-Post in die Welt geschickt. Und dann habe ich bei der Blindenführhundschule angerufen. „Hallo, ich habe die Bewilligung, habt ihr einen Hund für mich?“, so oder so ähnlich waren meine ersten Sätze damals. Die Schule sagte mir, sie wollten mal gucken, ob gerade ein passender Hund da wäre und sich dann melden. Nur ca. eine Woche später kam dann der heißersehnte Anruf: „Pitou, ein blonder, kleiner Labradorrüde könnte zu Ihnen passen, wollen Sie sich den mal anschauen?“ Ich bat um etwas Bedenkzeit und nach ein paar Tagen entschieden wir uns für einen Besuch bei Pitou.

Wie war eure erste Begegnung?

Einfach zauberhaft. Ich war damals schon echt gespannt, was Pitou wohl für ein Hund ist. Ist er so lieb und verschmust, wie ich mir ihn wünsche? Lässt er sich von mir überhaupt knuddeln oder hat er nur die Trainerin im Kopf? Als wir damals in der Schule ankamen, wurden wir in einen Raum geführt. Eine Trainerin ging ihn dann holen. Als er dann den Raum betrat, begrüßte er uns stürmisch und gab mir direkt mal die Pfote als wollte er sagen: „Darf ich mich vorstellen: Ich bin Pitou!“ Das war sooo süß!!!!
Dann hat er sich auf den Boden gelegt und wir haben ihn die ganze Zeit lang gekrault. Irgendwann fragte meine Mama dann: „Kann der überhaupt laufen?“ Ja, konnte er. Und zum Abschied musste sich der arme Kerl dann noch übergeben.

Und wobei hilft dir Pitou jetzt eigentlich?

Pitous größte Stärke ist natürlich das Führen in bekannter und unbekannter Umgebung. Er weiß genau, wo rechts und links ist, erkennt Sitzgelegenheiten, Ampeln, Zebrastreifen und vieles mehr und er kann Menschen folgen, wenn sie uns den Weg zeigen. Außerdem hört er (meistens) ziemlich gut auf mich, wenn er Freizeit hat und kommt schwanzwedelnd angelaufen, wenn ich ihn rufe. Im Laufe der Zeit hat sich aber auch gezeigt, dass er neben seinem Hauptberuf auch einige Qualitäten in so manchem Nebenjob hat: Er ist ein reizender Familienhund, ein kompetenter Personaler bei der Assistenzauswahl, ein engagierter Helfer, wenn es darum geht, Leergut wegzuräumen und hat in den letzten Monaten auch sein Talent als Büro- Redaktions- und Reporterhund bewiesen.

Was hat sich in deinem Leben durch den Blindenführhund verändert?

Naja, so ziemlich alles! Bis um 11:00 Uhr im Bett liegen, unmöglich. Schließlich gibt es da so ein Lebewesen mit einer kalten Schnauze, dass dringend seine Gassirunde braucht. Die braucht er natürlich immer, ganz egal, wie das Wetter ist. Aber zum Glück findet Pitou Regen genauso doof wie wir und beeilt sich dann meistens mit seinen Geschäften. Aber auch sonst hat sich so einiges verändert: Unterwegs bin ich nun nie mehr alleine, denn Pitou ist überall mit dabei: Ganz egal, ob es in die Uni, die Bibliothek oder zu meiner besten Freundin geht, die über 200 Kilometer von mir entfernt wohnt. Das ist schon ein tolles Gefühl, wenn man auf der Zugfahrt oder beim Warten auf liebe Freunde, Familienmitglieder und Assistenten einen kuschelig-weichen Hundekopf kraulen kann. Pitou schafft es jeden Tag aufs Neue, uns mit seiner süßen, frechen Art zum Lachen zu bringen. Außerdem habe ich noch kein anderes Lebewesen erlebt, dass sich so freut, wenn man nach Hause kommt, wie Pitou. Auch unser Staubsauger hat jetzt mehr zu tun, denn der Labrador verliert jede Menge Haare. „Pitou bekommt jeden Tag ein neues Fell“, sagt meine Mama immer. Wenn wir ihn kämmen, kommt immer ein kleiner Chihuahua aus Hundehaaren zusammen. Jedes Mal, wenn wir in die Nähe eines Tierladens kommen, werden wir von ihm magisch angezogen. Wir können den Laden dann komischerweise erst wieder verlassen, wenn wir mindestens ein Teil für Pitou gekauft haben. Nur einen Haken hat dieser spezielle Zauber: Die Sachen müssen auch irgendwo verstaut werden.
Und wenn ich mit Pitou unterwegs bin, muss ich auch an so viele Dinge mehr denken: sein Führgeschirr, Leckerlies, ein Glöckchen für den Freilauf, seine Kenndecke, einen Wassernapf, eine Wasserflasche … – seit ich ihn habe, bin ich also ein großer Fan von Rucksäcken.

Stock oder Blindenhund – was ist jetzt eigentlich besser?

Das ist eine schwierige Frage. Stock und Hund haben nämlich beide Vor- und Nachteile. Den Stock kannst du in die Ecke stellen, wenn du ihn nicht mehr brauchst. Ein Hund braucht deine Aufmerksamkeit, Liebe und Freundschaft Tag und Nacht. Wenn dich dein Stock mal nervt, kannst du ihn einfach in die Tasche stecken. Kannst oder willst du deinen Hund mal nicht mitnehmen, musst du dir immer überlegen, was du mit ihm machst und wer ggf. auf ihn aufpasst. Aber ein Stock freut sich auch nicht, wenn du nach Hause kommst, der Hund schon. Der Hund kann auch direkt Hindernissen jeder Art ausweichen und dich vor Gefahren beschützen. Mit dem Stock bleibst du überall hängen und wenn etwas die Stockspitze berührt, musst du erstmal rausfinden, ob es ein Baum, eine Bordsteinkante oder ein Schuh eines Passanten ist. Der Hund führt dich locker an allem vorbei, wenn du ihm im wahrsten Sinne des Wortes blind vertraust. Er umrundet auch (meistens) Pfützen und hat keine Probleme bei viel Laub und Schnee, der Blindenstock kommt in solchen Situationen oft an seine Grenzen. Ein weiterer Vorteil des Blindenführhundes ist, dass du mit ihm schnell mit anderen ins Gespräch kommst. Viele Leute sprechen blinde Menschen mit Hund nämlich eher an, denn die wirken nicht so „behindert“ und dank des Hundes hat man gleich ein Gesprächsthema.

Was soll ich machen, wenn ich dir und Pitou begegne?

Am besten erstmal nichts. Natürlich kannst du mich und Pitou beobachten, wenn du uns nicht bei der Arbeit störst. Wenn Pitou sein weißes Führgeschirr trägt, ist er im Dienst. Immer wenn er arbeitet, muss er sich sehr stark konzentrieren und darf sich nicht ablenken lassen. Du kannst ihm dabei helfen, wenn du

    ihn nicht ansprichst, anstarrst oder streichelst, auch wenn er noch so süß guckt.

  1. ihn nicht fütterst, er bekommt garantiert genügend Leckerlies
  2. deinen Hund von uns fernhält, im Dienst braucht er keine Spielgefährten
  3. deinen Müll und ggf. Essensreste in den Müll schmeißt, er braucht kein „Futter to go“
  4. andere Menschen auf diese Dinge aufmerksam machst
  5. du MICH fragst, ob du helfen kannst und mich nicht einfach über die Straße schleifst

Zum Schluss: Pitou, was ich dir schon immer mal sagen wollte

Meine süße Kuschelmaus,
weißt du eigentlich, wie lieb ich dich habe? Du machst mein Leben so viel bunter und fröhlicher. Es ist sooo schön, mit dir im Arm auf der Couch zu liegen, deine Wärme zu spüren, dein Schnarchen zu hören und immer mal wieder deine kuscheligen Ohren zu kraulen. Faszinierend ist auch, wie viele süße Geräusche du auf Lager hast: dein niedliches gähnen, deine süßen Grunzer oder deine Krallen, die auf dem Boden klappern. Es macht so viel Spaß, mit dir zu toben und ich wundere mich immer, wie laut du im Spiel knurren kannst – das klingt dann schon fast gefährlich. Ich liebe es, dir neue Tricks und Worte beizubringen, weil ich merke, wie schnell du lernst und verstehst – Leberwurst sei Dank. Und mich freut es immer sehr, wie sehr du es genießt, wenn ich dich so richtig ausgiebig kämme.
Aber bitte hör auf zu glauben, dass du IMMER was von uns zu futtern bekommst, wenn wir in die Küche gehen. Und lass mir doch auch mal den Vortritt, wenn ich andere Menschen begrüßen will! Und wenn du dich schon schütteln musst, dann doch bitte im Flur oder vor der Haustür und nicht mitten in der Wohnung!
Pitou from Dogchef of Colines: Ich bin sooo unglaublich dankbar, dass es dich gibt und uns das Schicksal zusammengebracht hat. Ein Leben ohne dich kann und will ich mir einfach nicht vorstellen. Ich möchte gar nicht daran denken, dass es einen Tag geben wird, an dem du nicht mehr sein wirst, denn du bist einfach mein süßer, kuscheliger, lieber, intelligenter, verfressener, schlappohriger und liebenswürdiger Engel auf vier Pfoten.

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