„Behinderung“ und „Barrierefreiheit“ – warum bei diesen Begriffen ein Definitionsproblem vorliegt

Barrierefreiheit in der Umwelt

Wenn wir das Wort „Barrierefreiheit“ hören, woran denken wir da zuerst?
Wahrscheinlich an Rampen und Aufzüge die die Zugänglichkeit für Rollstuhlfahrer*Innen sichern, vielleicht auch an Hilfen für blinde Menschen wie Leitsysteme, Blindenschrift oder Blindenampeln.

Das ist schonmal richtig, umfasst aber noch lange nicht alle Maßnahmen, die für eine gänzliche Barrierefreiheit notwendig wären.
Als barrierefrei werden in Deutschland per Gesetz Orte oder Gegenstände deklariert, wenn sie für Menschen mit Behinderung ohne große Schwierigkeiten und ohne fremde Hilfe zugänglich sind.

Dass wir bei dem Wort „Barrierefreiheit“ vor allem an die Zugänglichkeit für körperlich Behinderte Menschen denken liegt an unserer Definition von „Behinderung“. Der Begriff umfasst nicht nur körperbehinderte und sinnesbehinderte Menschen, sondern auch jene, die eine unsichtbare oder nicht körperliche Behinderung haben.

Zu denen gehöre zum Beispiel ich, denn Autismus zählt zu den Behinderungen, ist aber von außen nicht sichtbar. Mir kann das Leben weder mit einer Rampe noch mit einer besonderen Ampel erleichtert werden. Für mich liegt die Hauptschwierigkeit wenn ich unterwegs bin in der Verarbeitung von Umweltreizen. Deshalb ist für mich ein Geschäft das als „Barrierefrei“ betitelt wird oft ganz und gar nicht barrierefrei. Die Barrieren die es für mich gibt sind genau wie meine Behinderung nicht auf den ersten Blick sichtbar.

Meine Vorstellung von einem barrierefreien Geschäft

Ein barrierefreies Geschäft sähe für mich persönlich folgendermaßen aus:

  • Es gibt keine Musik, die beim Einkaufen läuft
  • das Licht ist gedämmt
  • es sind nur wenige Menschen im Geschäft
  • die Regale werden nie umgeräumt, alles bleibt an seinem Platz
  • die Kassen piepsen nicht ununterbrochen

Um ehrlich zu sein: Das Ziel eine für alle Behinderungen barrierefreie Umgebung zu schaffen ist für den Anfang vielleicht noch etwas zu hoch gesteckt. Vielleicht können wir das auch nie ganz schaffen, denn jede Behinderung hat so viele Facetten wie Menschen, die sie haben.

Ein Geschäft so umzubauen wie es zum Beispiel für mich perfekt wäre ist natürlich schlecht möglich. Deshalb ist für mich Barrierefreiheit, wenn Menschen mich nicht schief anschauen, wenn ich mit geräuschreduzierenden Kopfhörern unterwegs bin oder eine Sonnenbrille trage, obwohl die Sonne nicht scheint, wenn man mich nicht gleich als ungeduldig abstempelt, wenn ich beim Warten an der Kasse nervös bin, sondern vielleicht erstmal über meine Gründe dafür nachdenkt.

Letztlich trägt Verständnis und Hilfsbereitschaft einen großen Teil zu unserer Barrierefreiheit bei, denn wenn wir verstehen, dass es auch Behinderungen gibt die wir nicht sofort sehen können, verstehen wir auch dass dadurch Barrieren bestehen, die nicht sofort sichtbar sind.

Barrierefreiheit online

Das Bedürfnis nach mehr Barrierefreiheit endet jedoch nicht, wenn ich meine Haustür hinter mir schließe. Auch im Internet gibt es diesbezüglich noch viel zu tun. Auf vielen Websites gibt es schon Bildbeschreibungen oder die Möglichkeit, Text zu vergrößern. Doch auch hier beschränkt sich die Mehrzahl der Ergänzungen auf die Unterstützung von körperlich behinderten Menschen. Könnte ich nur eine Sache nennen, die das Internet für mich persönlich barrierefreier machen würde, wären es Webseiten die in ihrem Aufbau minimalistischer sind. Auf Webseiten mit weniger farblichen Akzenten oder ohne aufblinkenden Werbeanzeigen würde ich mich weitaus besser zurechtfinden. Ich wäre weniger abgelenkt und könnte mich besser auf das Wesentliche konzentrieren. Auch eine Kennzeichnung für Metaphorik und Ironie in Textform würde mich weiterbringen.

In diesem Bereich ist ein vollkommener „Internet-Umbau“ wohl ebenso wenig möglich. Jedoch gibt es Zwischenlösungen für die von mir genannten Formatierungen. Einige Websites zum Beispiel können in 2 verschiedenen Layouts abgerufen werden: in einem „normal“ farbigem und einem reizarmen.

Letztlich möchte ich dazu auffordern, bei dem Begriff „Behinderung“ weiter über körperliche Behinderungen hinauszudenken. Abseits von diesen gibt es auch Menschen mit geistigen Behinderungen, seelischen Behinderungen oder anderen, ganz individuellen Behinderungen, die von keiner dieser Kategorien erfasst werden. Demnach sollte sich auch der Begriff „Barrierefreiheit“ auf all diese beziehen und nicht nur auf einen Teil. Um auch für Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen mehr Barrierefreiheit zu bieten, gehören deshalb auch das „aufeinander Rücksicht nehmen“, „Verständnis zeigen“ und „Hilfe anbieten“ dazu. Nicht zuletzt ist die Bereitschaft, in Zukunft noch mehr Barrieren abzubauen, jetzt schon ein Teil der Barrierefreiheit. Denn Barrierefreiheit beginnt im Kopf.

2 Kommentare

  • Hallo Annika,

    ich bin Mitarbeiterin einer Inklusions-Projekts und mich hat Dein Verständnis von Barrierefreiheit sehr berührt.
    Wir vom Projekt überlegen auch, wie wir Barrieren abbauen können.
    Uns geht es vor allem auch um das Bewusstsein in der Gesellschaft. Dein Satz: „Letztlich trägt Verständnis und Hilfsbereitschaft einen großen Teil zu unserer Barrierefreiheit bei, denn wenn wir verstehen, dass es auch Behinderungen gibt die wir nicht sofort sehen können, verstehen wir auch dass dadurch Barrieren bestehen, die nicht sofort sichtbar sind.“ trifft es für mich voll und ganz!
    Wenn Du magst, schau doch mal auf unserer Internetseite vorbei und gib mir Rückmeldung wie Du die Seite findest. Wir haben versucht sie minimalistisch aufzubauen.
    Ich würde mich sehr freuen, wenn Du mir schreibst. Wir brauchen Menschen wie Dich, um unsere Ideen weiterzuentwickeln!
    Danke!
    Liebe Grüße
    Elke Bauernfeind
    inklusion@lebenshilfe-vm.de

    • Hallo Frau Bauernfeind,
      vielen Dank für Ihren Kommentar und die Rückmeldung. Ich sehe mir gerne Ihre Website an und habe Ihnen eine Email geschrieben.
      Liebe Grüße,
      Annika

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