das verzauberte Weihnachtsfest

Wie alles anfing
Es war früh am Morgen des vierundzwanzigsten Dezembers. Eine Familie saß zuhause und überlegte das letzte Mal, ob sie alles für die kommenden Weihnachtsfeiertage im Hause hatten. Sie schauten in alle Schränke und Fächer.
Plötzlich rief die Mutter: „Wir haben kein Obst und Gemüse im Haus. Könntet ihr nicht einmal zum Bauern im nächsten Dorf laufen und welches holen gehen? Schließlich haben alle Geschäfte schon zu.“ Mit diesem Satz wandte sie sich an ihre Kinder, die gelangweilt auf dem Sofa saßen und sich im Fernsehen „Pippi Langstrumpf“ ansahen. „Na klar“, sagte eines begeistert und sprang auf. Hastig folgten die anderen und schlüpften in ihre dicken, warmen Wintersachen. Die beiden kleinsten hatten sich zudem auch noch ihre Schlittschuhe geschnappt. „Wir haben keine Zeit zum Schlittschuh fahren“, erklärten ihnen die Größeren. „na und“, entgegneten die Kleinen trotzig. Damit sie den schweren, großen Korb auf dem langen Rückweg nicht tragen mussten, nahmen sie auch noch ihren großen Schlitten mit. Jetzt ging es aber los. Als sie die Tür öffneten, schneite es leicht. „Mama, Mama“, riefen die Kinder. „Es schneit!“ „Das ist aber fein! Da bekommt ihr ja doch noch euer weißes Weihnachtsfest.“ Sofort stürmten sie nach draußen und die Kleineren unter ihnen sprangen munter durch den fallenden Schnee und sangen: „Wir bekommen weiße Weihnachten. Wir bekommen weiße Weihnachten.“
Bald waren sie auf dem Weg in Richtung Bauernhof und freuten sich an der weißen Pracht. „Wenn wir zurückgehen, machen wir einen Umweg durch den Wald“, schlug eines von ihnen vor. „Au ja!“, stimmten die anderen begeistert zu. Nach langer Zeit erreichten sie das Hoftor des Bauernhofs und klingelten.

Der Bauer und das Obst

Kurz darauf hörten sie das Knirschen von Schritten im Schnee. Das Tor ging auf und sie vernahmen die Stimme des Bauern. Dieser sagte mit seiner rauen freundlichen Stimme zu ihnen: „Hallo Kinder! Was macht ihr denn hier bei diesem Wetter? Habt ihr nicht von diesem Schneesturm gehört, der uns in den nächsten Tagen erreichen soll?“ „Nein, die Sache mit dem Schneesturm ist uns neu. Aber wir hätten da eine Bitte an sie“, entgegnete Jana, ein etwa zehnjähriges Mädchen mit glockenheller Stimme. „Was kann ich denn für euch tun?“, erkundigt er interessiert. „Unsere Mutter schickt uns. Sie sagt, wir hätten kein Obst und Gemüse mehr im Haus. Und sie bat uns darum, Sie aufzusuchen. Haben Sie vielleicht einen Korb voll für uns? Das wäre echt nett von Ihnen“, erklärte der achtjährige Tim. „Gebt mir mal euren Korb. Ich werde mal nachschauen, ob ich euch diesen Gefallen tun könnte.“ Der Bauer drehte sich lächelnd um und wandte sich dem Haus zu. „Was machen wir, wenn die Vorräte des Bauern nicht ausreichen?“, fragte die kleine Svenja besorgt nach. „Darüber denken wir erst nach, wenn es soweit ist“, meinte Hannah, ein etwa dreizehnjähriges Mädchen. Doch Hannah drehte ihrer Schwester nicht den Kopf zu und hielt Blickkontakt, sondern starte unentwegt den Schnee an. Für sie war es egal, wohin sie blickte, denn sie war blind. „Hannah hat Recht“, pflichtete ihr Max bei. Doch ehe die Kinder weiter über dieses Problem weitergrübeln konnten, hörten die Kinder schon die Haustür des Bauernhauses, die scheppernd ins Schloss fiel. „Da kommt der Bauer schon. Und seht mal! Unser großer Korb ist prall mit leckerem Obst und Gemüse gefüllt!“, rief Annika, die eine Laterne in ihrer rechten Hand hielt, über welche sie sich einen warmen Wollhandschuh gezogen hatte. „Da bin ich wieder“, sagte der Bauer. „Hier ist euer Obst und Gemüse“, und drückte dem starken Andre den schweren Korb in die Hand. Andre gehörte nicht direkt zur Familie. Er war der Sohn der besten Freundin ihrer Mutter. Die Familie hatte ihn aber dazu eingeladen, die Weihnachtsfeiertage bei ihnen zu verbringen. Diesem Vorschlag hatte er natürlich sofort zugestimmt, denn nichts war schöner für ihn, als bei seinen Freunden und Freundinnen zu sein. „Vielen Dank, Herr Bauer. Jetzt steht unserem Weihnachtsfest nichts mehr im Wege“, riefen die Kinder gleichzeitig. „Na dann. Fröhliche Weihnachten, Kinder! Und geht jetzt gleich nach Haus, damit ihr dem Schneesturm nicht in die Quere kommt.“ „Fröhliche Weihnachten und noch einmal danke für alles“, riefen alle Kinder im Chor und machten sich wieder auf den Weg.

Waldspaziergang mit Folgen

Nun machten die Kinder sich auf in den Wald. Sie hatten sich ja darauf geeinigt, einen Waldspaziergang zu unternehmen. Bald hatten sie den dichten Wald erreicht. Alle Bäume trugen weiße Mützen aus Schnee und die Kinder gerieten
Ins Schwärmen, als sie den Versuch unternahmen, Hannah diese zauberhafte Landschaft zu beschreiben. Es dauerte nicht lange, bis die Kinder völlig im Dickicht des Waldes verschwunden waren. Es wirkte ganz so wie ein ganz normaler Wintertag. Keine Spur von diesem schrecklichen Schneesturm, der eigentlich kommen sollte. Doch dann frischte der Wind ein wenig auf und ließ die Zweige wackeln. Auf einmal verdunkelte sich der Himmel rasend schnell, an dem soeben noch die Wintersonne so schön geschienen hatte. „Kommt jetzt etwa der schreckliche Schneesturm?“, wollte der Kleine Julian wissen. Man hörte deutlich, wie zittrig seine Stimme war. Zittrig vor Angst und Furcht. „Nein, die Sonne ist nur weg“, beruhigte ihn Jana. Aber auch ihr war nicht wohl in ihrer Haut, denn sie musste jetzt auch über die Worte des alten Bauern nachdenken. Und Julian sollte Recht behalten. Nach geraumer Zeit hatte sich der Himmel völlig verdunkelt und dunkle Wolken bedeckten den gesamten Himmel und ein Sturm rüttelte an der Kleidung der Kinder. Aber er rüttelte nicht nur an der Kinderkleidung, sondern auch an den Bäumen. Dadurch flogen bald kleine Zweige durch die Luft, blieben aber dank der Dichte des Waldes meist in den umstehenden Bäumen hängen. Irgendwann kam dann zu allem Überfluss heftigster Schneefall hinzu. Es schneite so stark, dass es den Kindern bald sehr schwer fiel, Himmel und Erde auseinander zu halten, denn egal in welche Richtung sie ihre Blicke schweifen ließen, sie sahen nur das Weiß des Schnees. Vorsichtig machte Jana ein paar Schritte und stieß gegen einen Baum, den sie vor lauter Weiß nicht erspäht hatte. „Was machen wir jetzt? Wo sind wir überhaupt?“, fragten Julian und Svenja ängstlich. „Keine Ahnung“, gaben die Anderen zu. Das war wirklich eine gute Frage. Bei all dem Schnee hatten alle die Orientierung verloren. Selbst Hannah, die den Anderen sonst immer helfen konnte, wenn sie nichts mehr sahen, hielt sich an Annika fest. Sie hatte keine Ahnung, ob unter ihren Füßen gerade eine Wurzel oder der Waldboden war. Das Einzige, was sie nun tun konnten, war, einfach die Nase nach zu gehen. „Irgendwo wird uns der Weg schon hinführen“, dachten sie zuversichtlich. Langsam stieg der Schnee an und bald versanken die Winterstiefel der Kinder vollends im Schnee. „Ich will die Bescherung nicht verpassen“, schluchzte Julian. „Ich auch nicht“, pflichtete ihm Svenja weinend bei. „Es wird schon nicht so weit kommen“, versuchte Hannah sie zu beruhigen. Aber auch Hannah hatte Sorge, zu spät nach Hause zu kommen, denn sie hatte ihre Brieffreundin aus London zu Gast. Das Mädchen war ebenfalls blind und hieß Jessica. Hannah und Jessica verstanden sich blendend Sie würde die gesamten Weihnachtsferien bleiben und brauchte Hannah. In ihrer Familie beherrschten nämlich nur die Kinder die englische Sprache. Außerdem stand ein Blindenhund auf ihrem Wunschzettel und es interessierte sie sehr, ob ihr ihre Eltern einen gekauft hatten. Natürlich wusste das blinde Mädchen genau, dass Blindenhunde sehr, sehr teuer sind, aber ihre Eltern hatten sehr, sehr viel Geld. Nachdem die Kinder mehrere Stunden ziel- und orientierungslos durch den Wald geirrt waren, sah Annika ein kleines Rehkitz im Schnee liegen.

Das kleine Rehkitz

Annika traute ihren Augen nicht. Wo um alles in der Welt kam dieses Rehkitz denn her? Und vor allem um diese Zeit? Wurden Rehkitze nicht im Sommer geboren? Hatte das arme Tier etwa seine Mutter verloren? Konnte sie es wohl mit nach Hause nehmen? All diese Fragen gingen ihr durch den Kopf, als sie sich dem Tierchen näherten. „Guckt mal, da liegt ein Rehkitz im Schnee“, bemerkte Annika gerade so, als ob ein Rehkitz im Winter nichts Besonderes wäre. „Du hast Recht. Wo kommt das denn her?“ wollte Tim wissen. „Keine Ahnung“, antwortete ihm Annika. „Wo ist ein Rehkitz?“, schaltete sich die sehr tierliebe Hannah neugierig ein. Bisher war sie nur mit den anderen mitgegangen und hatte gelangweilt gewirkt, doch plötzlich war sie wieder Feuer und Flamme für alles, was um sie herum geschah. „Ungefähr fünf Meter von uns entfernt“, erläuterte Svenja, die wegen dieser tollen Entdeckung sogar ihre Sorge bezüglich der Bescherung kurzzeitig vergessen hatte. Sie kannte Rehkitze nur von Fotos und war ganz aus dem Häuschen darüber, endlich mal eines live und in Farbe zu sehen. „Können wir es mit nach Hause nehmen oder ist seine Mutter bei ihm?“, wollte Hannah wissen. Alle Beteiligten wussten, dass Hannah alle Tiere liebte. Oft genug war sie mit einem Frosch auf der Hand herbeigeeilt und hatte mit ihm gespielt. „Ich weiß nicht“, sagte Max, der erst vor kurzem mit seiner Klasse einen Vortrag über Tiere im Winter besucht hatte. „Ach komm schon, Max. Wenn wir das Kleine hier liegen lassen, erfriert es sicher noch oder wird lebendig verschlungen“, argumentierte Hannah. Sie war nämlich nicht nur für ihre Tierliebe, sondern auch für ihr gutes Herz berühmt und berüchtigt. „Warum eigentlich nicht“, meinte Annika. „Es sieht nicht danach aus, als ob es eine Mutter hätte.“ „Also gut. Wie ihr meint. Ich werde mich aber nicht um dieses Tier kümmern“, erklärte Max. Langsam und vorsichtig näherten sich die Kinder dem Kitz. Hannah schlug vor, dass sie einen Kreis um das Reh bilden sollten. Die Kinder stimmten sofort zu und bewegten sich auf das Tierchen zu. Sie gaben sich große Mühe, keine Geräusche zu machen, damit das Rehkitz keine Angst bekam. Als die Kinder den Kreis um das Reh geschlossen hatten, meldete sich Hannah erneut zu Wort: „Jetzt werde ich mich an das Reh heranwagen.“ Gesagt getan. Hannah kroch langsam auf allen Vieren an das Findelkind heran. Jana beleuchtete die gesamte Aktion mit ihrer Laterne. Das Fell des Tierchens war hellbraun mit weißen Flecken. Es schaute die Versammelten mit treuen, freundlichen braunen Augen an. Aber es regte sich nicht. „Ist es… Ist es … tot?“, fragte Svenja erschrocken und wollte erneut mit einem Heulkonzert beginnen, wenn Hannah nicht eingegriffen hätte. „Nein Svenja, es lebt. Es ist noch ganz warm, das spüre ich“, sagte sie. „Du hast es angefasst!“, schrie Max entrüstet. „Weißt du denn nicht, dass seine Mutter es jetzt verstoßen wird!“ Max war die Empörung anzusehen. „Klar, wie hätte ich denn sonst herausfinden sollen, ob es lebt? Ich habe einfach festgestellt, dass das Kitz warm ist und daraus geschlossen, dass es lebt.“ „Jetzt musst du dich um dieses Tier kümmern und nur weil du es angefasst hast! Die Mutter will es jetzt nicht mehr haben, da ihr Kind nach Mensch riecht“, erklärte Max. „Was denkst du, was ich vorhatte!“, brüllte Hannah zurück. „jetzt hört auf zu streiten“, griff endlich Jana ein. Sie mochte es überhaupt nicht, wen sich jemand in ihrer Anwesenheit stritt. Und außerdem fand sie, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für Streitereien war, denn mittlerweile steckten sie schon bis zum Knie im tiefen, kalten Schnee. Es dauerte nicht lange, bis Max und Hannah wieder versöhnt waren. Trotzdem bestand Max darauf, dass Hannah das Reh tragen sollte, da sie es ja angefasst hatte. Hannah gab ihrerseits zu, dass sie sich ohnehin dazu bereit erklärt hätte, den Tragedienst zu übernehmen. Nur kurze Zeit später lag das niedliche Rehkitz in ihren Armen. „Seht nur, wie zutraulich es sich bei mir einkuschelt und den Kopf an meiner Wange reibt“, sprach Hannah glücklich. Sie konnte es selbst kaum fassen, dass sie ein Reh auf dem Arm hielt und war total glücklich. Liebevoll strich sie ihm über das weiche Fell und drückte es behutsam an sich.
„Oh ja! Das ist total niedlich“, sagte Svenja. „Kommt jetzt. Wir müssen weiter, ehe wir noch vollkommen im Schnee versunken sind“, ermahnte Max. Wegen der Sache mit dem Rehkitz hatten die Kinder schon fast den Schneesturm vergessen, der immer noch erbarmungslos durch den Wald tobte. Unterwegs kam Max erneut auf das Kitz zu sprechen: „Das ist ziemlich komisch, dass wir gerade jetzt im Dezember ein mutterloses Rehkitz gefunden haben. Denn diese werden normalerweise schon im Mai oder Juni geboren.“ „Wie viele Monate dauert es denn, bis ein Rehkitz geboren wird?“, fragte Julian interessiert. „Also“, begann Max. „Die Schwangerschaft dauert zehn Monate. Die Schwangerschaft ist die Zeit, während das Lebewesen im Mutterleib gebildet wird. Zwar sollte die Schwangerschaft des Rehs aufgrund seiner Größe nur fünf Monate dauern, aber die befruchtete Eizelle macht eine fünfmonatige Pause, ehe sie mit der Entwicklung beginnt.“ „Ach so, jetzt weiß ich bescheid“, meinte Julian zufrieden. Es begann zu dämmern und Julian und Svenja beschlich erneut die Angst, dass sie nicht rechtzeitig zur Bescherung zu Hause sein würden. Auch Hannah machte sich Sorgen wegen Jessica. Würde sie sich verständlich machen können? Irgendwann hing ein jeder seinen eigenen Gedanken nach.

Der Schlittenunfall

Auf einmal wurden alle aus ihren Gedanken geschreckt. Der große Holzschlitten war irgendwo hängen geblieben und wollte nicht weiter. „Was ist los!? Warum fährt dieser dumme Schlitten nicht weiter?“, schimpfte Max, der wie wild am Zugseil des Schlittens riss. „Wahrscheinlich bist du irgendwo stecken geblieben“, vermutete Jana. „Und was machen wir jetzt“, nörgelte Max. „Wir ziehen einfach alle zusammen“, schlug Svenja vor. „Gute Idee! Aber ich kann nicht mit anfassen, da ich ja Bambi halten muss“, äußerte sich Hannah. „Wer ist denn Bambi? Und außerdem: Du willst dich nur drücken“, meinte Tim. „Bambi ist unser Findeltier“, antwortete Hannah. Hannah hatte sich diesen Namen ausgedacht, weil sie das Rehkitz an den Bambi-Film von Walt Disney erinnerte. Die Kinder machten es so, wie Svenja gesagt hatte. Gemeinsam packten sie das Seil und zogen mit Leibeskräften. „Hau ruck, hau ruck!“, riefen sie dabei. Plötzlich gab es einen gewaltigen Ruck und der Schlitten war wieder frei. „Juchhu….“, machten die Kinder. Doch dann blieb ihnen das Jubeln im Halse stecken. Der gewaltige Korb war in den Schnee gefallen und alles lag auf dem Boden. „Beeilt euch! Wir müssen alles einsammeln, bevor es im Schnee verschwunden ist!“, kommandierte Svenja. „Die soll sich nicht so groß vorkommen“, flüsterte Jana Tim zu. „Du hast Recht“, flüsterte Tim zurück. „Ich habe gehört, was ihr gesagt habt. Ich bin nicht mehr klein. Schließlich bin ich schon fünf Jahre alt und komme nächstes Jahr in die Schule. Dann kann ich genauso lesen und schreiben wie ihr. Und dann brauche ich nur noch drei Jahre, bis ich so alt bin wie Tim“, triumphierte Svenja. „Hört euch nur unsere kleine Svenja an. Die kann ja schon rechnen“, spottete Tim. „Halt den Mund, Tim“, stieß Svenja beleidigt hervor. „Jetzt hört aber auf!“, ging Hannah energisch dazwischen. Schließlich war sie die Älteste und hatte das Sagen, obwohl sie blind war. Alle begannen schweigend die verlorenen Lebensmittel einzusammeln und wieder in den Korb zu verfrachten. „Endlich geschafft“, keuchte Max. „Damit der Korb nicht erneut herunterfallen kann, läuft Tim hinter dem Schlitten her und hält den Korb fest“, bestimmte Hannah. Tim wagte es nicht, ihr zu widersprechen, denn sie war eben älter als er. Aber er zog eine Schnute, was Hannah glücklicherweise nicht sehen konnte. Widerstandslos trat er hinter den Schlitten und packte am Korb an. „Weiter geht’s“, trällerte Jana und der Trupp mit Jana und ihrer Laterne an der Spitze setzte sich in Bewegung. Diesem Zwischenfall folgten in der nächsten Stunde keine mehr. Nur Svenja quengelte herum, weil sie nasse Füße bekam. „Hättest dir wohl besser deine Schneestiefel angezogen“, meinte Hannah. Svenja schwieg, denn ihr war klar, dass Hannah im Recht war. Immer wieder mussten die Kinder die Verglasung von Janas Laterne vom Schnee befreien, damit sie überhaupt etwas Licht hatten. Doch auf einmal entdeckte Jana etwas total Merkwürdiges. „Seht ihr auch so ein kleines Licht, dass aus dem Wald zu uns her leuchtet?“, meldete Jana ihre Entdeckung. „Das einzige Licht, das ich sehe, ist das von Janas Laterne“, höhnte Max. „Das ist kein Scherz. Da ist wirklich ein Licht. Wir laufen direkt darauf zu“, verteidigte sich Jana. „Ich sehe jedenfalls kein Licht“, sagte Hannah. Alle mussten lachen. Die Gruppe ging weiter. Bald hatten alle das seltsame Licht wieder vergessen, bis Jana auf einmal rief: “Da ist es wieder!“ „Was ist wieder da?“, wollte Julian wissen. „Na das Licht natürlich. Hast du das etwa schon wieder vergessen“, antwortete ihm Jana aufgeregt. „Du hast Recht. Jetzt sehe ich es auch“, meinte Max. „Ich auch, ich auch!“, riefen die Anderen aufgeregt. „Was mag das nur für ein Licht sein. Dieses kommt jedenfalls nicht von der Stadt“, stellte Andre fest. Andre war eher still und sprach nur dann, wenn er der Meinung war, dass es nötig oder wichtig war. „Richtig, das Leuchten kommt aus dem Wald. Lasst uns dem Licht nachgehen. Vielleicht ist da, wo das Licht herkommt, ja ein schöner Platz zum Aufwärmen“, schlug Hannah vor, der Svenja gerade die Richtung des Leuchtens beschrieben hatte. Natürlich willigten die Anderen begeistert ein. Sie alle waren neugierig, was es mit diesem mysteriösen Licht auf sich hatte. So schnell es ihnen bei diesen Wetterverhältnissen und dem beinahe meterhohen Schnee möglich war, folgten sie Janas Laterne. Diese bewegte sich schnurstracks auf das Licht zu. Keiner hatte eine Idee, wohin sie das Licht führen würde, ob ins Paradies oder in eine Falle, alles war möglich.

Das seltsame Licht

„Hoffentlich ist das keine Falle. Ich habe einmal ein Buch gelesen, indem Kinder mittels eines Lichtes in der Dunkelheit in eine Falle gelockt wurden“, meinte Tim. „Bestimmt nicht. Dieses Licht sieht so nach einem schönen, gemütlichen Ort aus“, beteuerte Jana. “Aber wenn das doch eine Falle ist“, erwiderte Julian mit zittriger Stimme. „Dann haben wir eben Pech“, meinte Annika. „Vielleicht ist das ja auch die Kerze im Lebkuchenhaus der bösen Hexe aus „Hänsel und Gretel“, spekulierte Svenja. „Da sieht man deutlich, dass Vorlesen Kindern schaden kann. Svenja wurden einfach zu viele Märchen vorgelesen“, stellte Andre fest. Schweigend gingen die Kinder weiter. Irgendwann stellte Jana fest, dass sie sich nur noch ungefähr einen Kilometer vom Licht entfernt befanden. „Wir sind nicht mehr weit vom Licht entfernt, vielleicht noch einen oder zwei Kilometer oder so“, teilte sich Jana ihren Geschwistern mit. „Jetzt geraten wir in die Falle oder ins Haus einer bösen Hexe“, vermuteten Julian und Svenja. „Oder im Paradies“, ergänzte Hannah. „Vielleicht ist es ja nur Rudolf mit seiner roten Nase“, meinte Tim, der gerne Geschichten las und über eine gewaltige Fantasie verfügte. „Nein Tim, das ist nicht Rudolf. Dieses sonderbare Licht ist nicht rot, sondern bunt. Deine Fantasie geht wahrscheinlich mal wieder mit dir durch“, stellte Max fest. Sie gingen weiter. Nach einigen Minuten waren sie nur noch fünfzig Meter von der Lichtquelle entfernt. Allerdings machte der Schnee den Kindern das Vorankommen schwer. Endlich trennte die Kinder nur noch eine Baumgruppe von dieser eigenartigen Lichtquelle. Neugierig umrundeten sie die Baumgruppe und was sie dahinter sahen, verschlug ihnen die Sprache.

Die Weihnachtslichtung

„Hier ist es aber schön“, staunte Jana. „Was siehst du denn?“, erkundigte sich Hannah, die das wunderbare Bild, das sich ihnen bot, natürlich nicht sehen konnte. „Oh, entschuldige Hannah. Ich habe bei all dieser Schönheit glatt vergessen, dir die Landschaft zu beschreiben. Soll ich es jetzt nachholen?“, entschuldigte sich Jana. „Gerne. Das du meine Blindheit vergessen hast, ist nicht so schlimm. Jetzt beschreib mir aber mal, was du denn da so Schönes siehst“, antwortete Hannah fröhlich. „Also“, begann Jana ihre Beschreibung. „Wir befinden uns auf einer verschneiten Lichtung inmitten des Waldes. Ringsherum stehen verschneite Bäume und Sträucher. Genau in der Mitte der Lichtung steht ein gigantischer Weihnachtsbaum, an dem echte Kerzen, rote Kugeln, Lametta, versilberte Nüsse und goldfarbene Äpfel zu sehen sind. Auf manchen Zweigen sitzen sogar Vögel, die etwas Schnee auf dem Rücken haben. Überall auf dem Platz sitzen Engel, Wichtel, Weihnachtsmänner und all solche Wesen herum. Manche Engel spielen ein Instrument, andere singen Weihnachtslieder und wieder andere backen Plätzchen. Ein Weihnachtsmann ist gerade dabei, Rentiere vor einen Schlitten zu spannen und einer seiner Helfer belädt ihn mit Geschenken für die Kinder, also auch für uns.“ „Jetzt geht aber die Fantasie mit dir durch“, stellte Hannah stirnrunzelnd fest. Sie konnte einfach nicht glauben, dass das, was ihr ihre kleine Schwester beschrieben hatte. „Nein. Deine Schwester hat dir alles richtig beschrieben, Hannah“, sprach eine dunkle Stimme. „Wer sind Sie? Woher kennen Sie meinen Namen? Was wollen Sie von uns?“, fragte Hannah ängstlich. „Ich bin Rudolf, eines der Rentiere des Weihnachtsmannes. Und alle Gehilfen des Weihnachtsmannes wissen, wer ihr seid, woher ihr stammt und warum ihr hier seid. Was ich von euch will, wolltest du wissen. Ich möchte euch die Welt des Weihnachtsmannes zeigen. Ihr müsst wissen, dass ihr die ersten Kinder seid, die auf diese Lichtung geraten sind“, erklärte Rudolf sachlich. „Ich wusste ja noch gar nicht, dass du sprechen kannst, Rudolf“, sagte Hannah mutig und erstaunt zugleich. „Dann weißt du es ja jetzt“, erwiderte Rudolf mit seiner dunklen, freundlichen Stimme. „Dann kommt mal mit auf eine Führung durch die fantastische Welt des Weihnachtsmannes“, lud sie Rudolf ein. „Entschuldige Rudolf. Ich habe ein Rehkitz auf dem Arm und dieses hat Hunger. Könnten wir vielleicht etwas Milch für das arme Tier bekommen?“, bat Hannah. „Natürlich. Ich bin gleich wieder mit einer Milchflasche zurück“, sagte Rudolf und verschwand inmitten des Getümmels auf dieser sonderbaren Weihnachtslichtung. „Habt ihr schon das Schild dort drüben bemerkt?“, wollte Max von den anderen wissen.
„Nein, aber was steht denn auf dem Schild?“, wollten die Anderen wissen. Sie sprachen es wie aus einem Munde. „Auf dem Schild steht: „Willkommen auf der Weihnachtslichtung. Hier ist der Hauptsitz des Weihnachtsmannes. Schauen Sie sich nur um und genießen die fantastischen Momente, die sie hier erleben. Aber bitte setzen Sie keinen Artikel in die Zeitung oder wie das heißt, denn wir wollen nicht zu viele Zuschauer. Natürlich haben wir nichts dagegen, wenn Sie ihren Familien von diesem Ort erzählen, solange sie den genauen Standpunkt verschweigen. Vielen Dank für ihr Verständnis.
Ihre Bewohner der Weihnachtslichtung““, las Max vor. Kaum hatte er zu Ende gelesen, da war Rudolf schon wieder zurück. Auf seinem Geweih lag eine Flasche, in der sich noch warme Milch befand. Vorsichtig stellte Hannah das Kleine Tier auf den Boden und hielt ihm den Sauger entgegen. Es dauerte nicht lange, bis das Kleine den Sauger im Mäulchen hatte und heftig daran saugte. Es hörte erst auf, als sich in der Flasche kein einziger Tropfen mehr befand. „Die Milch scheint ihm geschmeckt zu haben“, stellten alle zufrieden fest. „Lasst das Kitz ruhig auf der Lichtung herumlaufen. Dann ist es dir keine Last und du kannst alles anfassen, Hannah“, schlug das rotnasige Rentier vor. „Das ist eine gute Idee!“, willigte Hannah begeistert ein. „Also kommt. Die Führung beginnt!“, rief das Rentier vergnügt. Nun machten sie sich auf, die Weihnachtslichtung zu erkunden.

Rudolfs Familie

Rudolf führte die Kinder direkt auf eine Herde Rentiere zu. „Das sind meine Geschwister, meine Eltern und meine Freunde und Kollegen“, sagte Rudolf. „und das sind Kinder, die es wegen des Schneesturms zu uns verschlagen hat“, wandte sich Rudolf an seine Familie. „Herzlich Willkommen bei uns“, begrüßten die Rentiere die Kinder im Chor. „Was macht ihr Rentiere heutzutage denn? Ich vermute, dass die meisten Rentierschlitten von Autos abgelöst wurden“, wollte Andre wissen. „Autos, was ist das denn?“, fragten die Rentiere verwundert. „Autos sind von Motoren betriebene Fahrzeuge, die eine möglichst schnelle Fortbewegung ermöglichen“, erklärte Hannah. „Ach so. Bei uns ist nämlich noch nie so ein Ding vorbei gekommen. Wir bleiben bei der Methode mit dem Schlitten. Das ist viel sicherer. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn der Motor des Autos einmal kaputt ist. Dann würdet ihr ja keine Geschenke bekommen und das wäre ja schrecklich, oder?“, meinte die Rentiermutter. „Das stimmt“, sagten alle Kinder im Chor. „Entschuldigt, aber wir müssen jetzt weiter. Ich muss den Kindern ja noch so viel zeigen“, unterbrach Rudolf die Unterhaltung. Alle hatten sich mittlerweile daran gewöhnt, dass hier auch die Tiere sprechen konnten. „Es war schön, Sie kennen zu lernen. Schöne Weihnachten und viel Glück beim Schlittenfliegen“, sagten alle Kinder zu den Rentieren und gingen weiter.

die fleißigsten Weihnachtslichtler

Wenige Minuten später erreichten sie die vielen Engel, die sehr vielfältigen Tätigkeiten nachgingen. Sie buken Kekse, spielten Instrumente, sangen Weihnachtslieder im Chor oder schwebten tanzend durch die Luft. „Hier befinden wir uns auf der Engelswiese.“, erzählte Rudolf seinen jungen Zuhörern. „Wie groß ist denn diese Wiese?“, erkundigte sich Hannah gespannt. „Sie ist ungefähr 250 mal 250 Hektar groß“, beantwortete Rudolf ihre Frage. „Das ist aber echt riesengroß“, bemerkte Hannah fasziniert und erstaunt. „Ich werde euch nun unsere fleißigen Engelchen der Reihe nach vorstellen“, berichtete Rudolf.

Er führte sie auf ein Baumzelt zu. Ein Baumzelt ist eine Baumgruppe in Form eines gigantischen Parkplatzes. Bei dieser Baumgruppe bilden alle Zweige ein dichtes, schützendes Dach. An einen Baum war ein Schild befestigt, welches verkündete, dass sich hier „die Engelischen Beckerfreunde“ befanden. Als sie das Zelt betraten, erblickten sie viele emsige Engelchen, die Teig machten, ihn in Form brachten, Teig verzierten oder ihn auf Blechstücken über einem kolossalen Lagerfeuer buken. „Warum habt ihr noch keinen Herd und backt Kekse wie im Mittelalter? Mittlerweile gibt’s schon Mixer und Co. und was macht ihr? Ihr benutzt Löffel und Schneebesen aus Holz. Warum lebt ihr nicht modern?“, plapperte Jana los. „Mit welcher Frage sollen wir denn anfangen. Oder eher: Wer seid ihr und warum seid ihr überhaupt hier?!“, antwortete die 16-jährige Joana mit einer sanften, dünnen und piepsigen Stimme. „Also“, begann Hannah ruhig, „wir sind Kinder aus dem nächsten Dorf. Wir gerieten in diesen schrecklichen Schneesturm, der außerhalb dieser Waldlichtung herrscht, sahen das Licht von hier und folgten ihm. Deshalb sind wir hier. Übrigens, ich bin Hannah und das sind meine Geschwister Svenja, Jana, Annika, Julian, Max, Tim und unser Freund Andre.“ „Ach so. Und wer hat euch erlaubt, unsere Backstube zu sehen?“, entgegnete Joana. „Das war ich“, mischte sich Rudolf in das Gespräch ein. „Warum hast du das getan, Rudolf?“, fragte der Engel vorwurfsvoll. „Vielleicht ist dir entgangen, dass dies die allerersten Kinder sind, die unsere Lichtung betreten haben“, erklärte das Rentier freundlich. „Na, wenn das so ist, habe ich nichts gegen eure Anwesenheit. Ihr hattet doch ein paar Fragen, oder?“, griff Joana die Fragen zu Anfang wieder auf. „Ja, das stimmt“, riefen alle Kinder gemeinsam. „Dann will ich sie euch nun beantworten. Wir wissen zwar, dass es Mixer und Co gibt, aber sie sind zu teuer und wir haben auch keinen Strom oder wie ihr das nennt. Außerdem ist unsere Methode umweltfreundlicher, da wir keine Energie verschwenden“, erklärte sie und lächelte den Kindern zu. Diese erwiderten das Lächeln. „Dürfen wir einen Keks probieren?“, fragte Julian, der für sein Leben gern naschte. „Natürlich, aber jeder nur einen, denn die anderen Kinder wollen auch noch was abhaben“, meinte die Gefragte. Mit Neugier und Appetit griffen sich alle Kinder einen Keks, der sogar noch heiß war. Genussvolles Knuspern verriet Joana, dass es ihnen schmeckte. Trotzdem fragte sie: „Schmeckt es euch?“ „Ja, die Kekse sind echt lecker. Wir können sie nur weiter empfehlen“, sprach Hannah im Namen aller. Diese bestätigten ihre Zustimmung, indem sie heftig mit dem Kopf nickten. „Das freut mich. Geht jetzt aber besser mal weiter, damit ihr noch heute zu Haus ankommt“, empfahl Joana den Besuchern. „Machen wir und vielen Dank für alles“, riefen alle im Gehen. Rudolf führte sie weiter zu einer Ansammlung von Baumzelten und sagte: „Hier befinden wir uns im Musikrundel. Hier wird gesungen und ein Instrument gespielt. In dem dritten Zelt von links gibt’s auch eine Musikschule. Diese wird von Frau Engels geleitet. Gerade ist dort Musikunterricht. Wollt ihr mal kurz vorbeischauen?“ „Au ja!!“, johlten die Kinder begeistert. Also machten sie sich auf, um den engelischen Musikunterricht kennenzulernen.

Als sie vor dem Zelt standen, vernahmen sie schöne, klare Engelstimmen und diverse Musikinstrumente. „Das klingt aber herrlich“, stellte Hannah fest. Vorsichtig und völlig lautlos betraten alle das Musikzelt. Vor einem hohen Holztisch saß ein ungefähr 30-jähriger Engel und beobachte seine Schüler von einem hohen, thronartigen Stuhl aus. Vor diesem Tisch standen und saßen viele Kinder in einem Halbkreis. Die Sänger und Sängerinnen hielten dicke, in Samt und Leder gebundene Gesangbücher in den Händen, aus welchen sie ihren Text ablasen. Die Musiker und Musikerinnen hielten Harfen, Gitarren oder Blasinstrumente in den Armen und starten auf Notenblätter, welche auf Holzplatten befestigt waren. Ein paar der Musiker benutzten auch Trommeln, um den Liedern den passenden Rhythmus zu verpassen. In den Ecken standen riesige Kerzenständer, die ein gemütliches, angenehmes Licht verstrahlten. Im hintersten Winkel stand ein Kamin, der leise knackend seine wohltuende Wärme verströmte. Rudolf räusperte sich leise und trat auf Frau Engels zu. Diese blickte ihm sehr verwirrt an und wandte sich an ihre Schüler: „Übt bitte als Nächstes ,Stille Nacht, heilige Nacht’,, Hallelulia’ und, Oh du fröhliche’, während ich mich mit den Kindern und Rudolf unterhalte.“ „Ihre Stimme ist wirklich entzückend“, dachte Jana, „so eine hätte ich auch gern.“ „Hallo Kinder. Wie seid ihr denn zu uns gekommen und wie gefällt es euch hier?“, wollte Frau Engels wissen. „Also“, begann Max, „wir gerieten heute morgen in einen schrecklichen Schneesturm. Nachdem wir einige Stunden gelaufen und viel Seltsames erlebt haben, sah meine Schwester Jana eines der Lichter dieser Lichtung. Wir folgten dem Schein und gelangten auf diese Weise hierher.“ „Interessant. Und wie gefällt es euch denn hier?“ Diesmal ergriff Svenja das Wort: „Es ist einfach spitze. Die Kekse aus dem Backzelt sind echt gut und alle sind so freundlich zu uns. Aber ich will trotzdem pünktlich zur Bescherung daheim sein.“ „Das wirst du auch“, sagte die Musiklehrerin, um Svenja zu trösten. Sie hatte nämlich gesehen, dass Svenja Tränen über die Wangen gekullert waren. „Wirklich?“, jammerte Svenja. „Klar doch“, ermutigten sie auch ihre Geschwister. Svenja gab nach. Sie wusste, dass ihre Eltern ohnehin auf sie warten würden. Also würde sie auch die Bescherung nicht verpassen. „Es freut mich sehr, dass es euch so gut bei uns gefällt. Was wollt ihr denn von mir wissen?“, forderte sie die Lehrerin auf, etwas zum Gespräch beizusteuern. „Mich würde interessieren, ob Sie auch blinde Schüler haben?“, fragte Hannah nach. Seit sie denken konnte, hatte sie sich für andere blinde interessiert – egal ob Mensch oder Tier. „Weshalb interessiert dich denn das?“, hakte die Frau bestimmt nach. In ihrer Stimme lag eine Mischung aus Wut, Neugier und Pflichtbewusstsein. „Na ja“, murmelte Hannah zaghaft, „Ich bin selbst blind und interessiere mich halt für andere Blinde. Das ist alles. Ich will Sie nicht aushorchen oder so.“ Hannah war erschrocken gewesen, als sie mitbekam, wie diese sympathische Engeldame auf ihre Frage reagiert hatte. Doch nun hatte sich jeder schlechte Klang aus ihrer Stimme entfernt. Völlig freundlich antwortete sie ihr: „Ach so. Ich dachte schon, du willst eine Geschichte in der Zeitung veröffentlichen. Blinde Engel wären doch ein tolles Thema, oder nicht?“ „Ja, aber …“, wollte sich Hannah soeben verteidigen. Frau Engels stoppte sie aber und fuhr fort: „Du brauchst dich nicht zu verteidigen, mein Kind. Jetzt ist ja alles in Ordnung. Natürlich gibt’s bei uns blinde Engel und so, aber die singen meistens oder helfen den Anderen.“ „Vielen Dank für diese Auskunft, Frau Engels“, bedankte sich Hannah freundlich. Sie war zufrieden, denn sie hatte erfahren, was sie wissen wollte. „Habt ihr Anderen denn keine Fragen?“, wandte sie sich wieder den Übrigen zu. „Ja, ich wüsste gern, was ihr während den Tagen im Frühling und Sommer macht?“, meldete sich Tim zu Wort. „Während dieser Tage bereiten wir neue Weihnachtslieder vor oder helfen dem Weihnachtsmann dabei, neue Geschenke zu basteln“, erklärte Frau Engels. Allen anderen fielen keine Fragen mehr ein und sie lauschten deshalb den probenden Engeln. „Das klingt wirklich wunderhübsch“, flüsterten sie sich gegenseitig zu. Nach geraumer Zeit entschieden sie sich einstimmig dazu, weiter zu gehen. „Schönen Heiligabend“, sagten sie zu den Engeln, während sie sich zum Gehen umwandten. „Schöne Weihnachten, Kinder“, sang die gesamte Musikschule zum Abschied. „Ihr habt jetzt fast alles auf der Engelswiese besucht“, erklärte Rudolf seinen jungen Zuhörern. „Und was fehlt noch?“, bohrte Julian nach. „Dazu komme ich jetzt. Als letztes besuchen wir die kreativen Engel. Diese schreiben Lieder, Geschichten und Gedichte. Manche von ihnen stellen auch Kunstwerke her“, ergänzte Rudolf sich selbst. „Auf zu den kreativen Engeln“, schrien die Kinder gemeinsam.

Sie machten sich nun auf den Weg zu einem kleinen, von niedrigen Tannen umrundeten Rechteck. Inmitten dieses Rechtecks hockten einige Engelchen auf Baumstümpfen und schrieben, bastelten und probierten Melodien aus. „Hallo Engel! Ich habe heute Besuch mitgebracht. Diese Kinder hier haben dank eines Schneesturmes zu uns gefunden. Ich führ sie gerade rum und wollte sie mit euch bekannt machen“, begrüßte Rudolf die Engelschar. „Aha! Das ist ja sehr aufregend. Mögt ihr Geschichten und so was?“, erkundigte sich ein Engel, welcher an einer langen Geschichte arbeitete. „Ja, wir lieben Geschichten und Märchen über alles“, sprachen Hannah und Tim genau im selben Moment. „Das freut mich natürlich überaus“, entgegnete der Engel. „Übrigens, ich heiße Lisa. Und ihr“, ergänzte sie. Alle bis auf Rudolf stellten sich der Reihe nach vor. „Was macht ihr überhaupt alles?“, erwiderte Hannah. „Wir schreiben verschiedene Textsorten wie Geschichten oder Gedichte, bauen Skulpturen und Statuen, fertigen Dekoration an und helfen dabei, die Lichtung je nach Jahreszeit zu gestalten und zu tarnen, damit nicht jeder diesen tollen Ort ausfindig machen kann“, lautete die Antwort. „Und wo lernt ihr lesen und schreiben?“, fragte Andre, der es ungeheuer wichtig fand, dass man lesen und schreiben lernt. Irgendwo her mussten diese Engel ja auch schreiben gelernt haben. „Das ist wirklich eine interessante Frage. Wir alle haben bei Frau Engels, der…“, begann der Lisa. „Musiklehrerin der engelischen Musikschule“, vervollständigten die Anderen im Chor. „Woher … Woher wisst ihr das?“, fragte der Engel verdutzt und erstaunt. „Wir haben sie schon kennengelernt“, sagte Jana frei heraus. „Ach so, dann ist ja alles klar. Sie kann das echt gut. Alle Wesen hier hatten Unterricht bei ihr“, erläuterte die nette Lisa. Sie hatte große, goldene Flügel, ein rundes, freundliches Gesicht und ein langes, silbernes Kleid. „Interessant, nicht?“, meinte Tim zu den Anderen. Er war extrem stolz darauf, so eine gute Frage gestellt zu haben. „Was hieltet ihr davon, wenn wir nun in den Süßigkeitengarten gehen?“, fragte Rudolf seine Gäste. „Au ja! Das ist eine prima Idee!“, stimmten ihm die Kinder begeistert zu. Gesagt. Getan.

Der Süßigkeitengarten

Kaum waren sie ein paar hundert Meter gegangen, da erreichten sie einen riesengroßen Garten. Dieser sah eigentlich genauso aus wie jeder andere. Es gab jedoch ein paar Unterschiede, die sich Hannah von Annika erklären ließ. „Also“, begann das Mädchen ihre Erklärung, „an den Bäumen hier hängen keine Früchte oder so. Hier hängen Lebkuchen, goldene Nüsse und silberne Äpfel an den Bäumen. Außerdem gibt es ein Feld, auf dem Schokoladentafeln wachsen. Mitten durch den Garten fließt ein langer Schokoladenfluss.“ „Der Schokoladenfluss erinnert mich irgendwie an das Buch ,Charlie und die Schokoladenfabrik’, welches ich kürzlich erst gelesen habe“, bemerkte Hannah. „Echt, ,Charlie und die Schokoladenfabrik’ gibt es auch als Buch. Ich kenn‘ nur den Film und der ist echt gut. Wie ist denn das Buch?“, wunderte sich Tim, der ständig auf der Suche nach spannender Literatur war. „Ja, das Buch ist echt gut. Darin wird genau gesagt, dass…“, fing Hannah an zu schwärmen. Doch Rudolf unterbrach sie sanft: „Es ist zwar gut, dass ihr viel lest, aber ich würde euch gern den tollen Garten und sein System erklären.“ „Einverstanden“, sagten die beiden Leseratten betrübt. Gemächlich wanderten sie durch den wundervollen Garten und genossen die Bilder, die sie erblickten. Es versteht sich von selbst, dass alle ihr Bestes taten, um Hannah die Augen zu ersetzen. Dies erwies sich jedoch als schwierig, da es nicht so einfach ist, etwas Irreales mit Worten aus der realen Welt zu beschreiben. Hannah konnte sich trotzdem alles lebhaft vorstellen oder tat zumindest so. Auf einmal rief Max, der für seine Adleraugen bekannt war: „Da hängt etwas total Komisches im Schokolebkuchenbaum direkt neben dem Strauch mit den Zuckerkringeln!“ „Ich komme und schau mal nach“, entgegnete Rudolf und machte sich auf den Weg zu Max. In besagtem Baum hing tatsächlich etwas. Es sah aus wie ein Mensch mit sehr langen Armen und Beinen. Außerdem fiel auf, dass er sehr, sehr groß war und lange, spitze Ohren hatte. „Hierbei handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um ein besonders großes Exemplar eines Wichtels“, stellte Julian fest, der Wichtelfilme liebte. „Das stimmt“, bestätigte ihm Rudolf. „Entschuldigen Sie da oben, können wir Ihnen irgendwie helfen?!“, schrie Hannah nach oben. „Ja, indem ihr seltsamen Wesen mich aus diesem Baum befreit“, stöhnte der Wichtel von dort oben. „Wie heißt du denn?“, fragte Svenja. Sie hasste es, wenn sie nicht wusste, wie ihr Gegenüber hieß. „Ich bin Laurenz, der Boss des Süßigkeitengartens. Wer oder was seid ihr?“, erkundigte sich Laurenz neugierig. Seiner Stimme war zu entnehmen, dass ihm ziemlich kalt war. „Das erklären wir dir, wenn wir dich befreit haben. Es scheint so, als ob es dir super kalt wär‘“, schlug Svenja vor. „Hör dir nur unsere Schwester an, Tim. Wie die sich mal wieder aufführt“, raunte Jana ihrem Bruder zu. „Ja, du hast Recht“, hauchte er kaum hörbar zurück. Svenja hatte nichts gehört und unterbreitete den Anderen ihren Plan: „Hannah und ich klettern auf das Geweih von Rudolf. Ich schätze, dass wir dann hoch genug sind, um die Beine vom Wichtel zu erreichen.“ „Sie macht auch noch weiter“, flüsterte Tim stöhnend und kichernd. Jana nickte ihm zustimmend zu. „Hört auf zu tuscheln und äußert euch lieber zu Svenja Vorschlag“, beendete Annika die Tuschelstunde. „Ich finde ihren Vorschlag gut. So machen wir das. Mein Geweih hält zwei von euch aus und vielleicht kommt ja auch noch ein Engelchen vorbei, welches uns helfen kann“, entschied Rudolf. Nun wurde Svenja Plan in die Tat umgesetzt. Gekonnt schwangen sich Hannah und Svenja auf Rudolfs Rücken und machten sich daran, an seinem Geweih hochzuklettern. Es war den beiden nicht schwer gefallen, das Rentier zu besteigen, da beide über eine gute Reitausbildung verfügten. Sie hatten gerade die Füße von Laurenz erreicht und damit begonnen, sie aus dem Geäst befreit, als ein kleiner Engel vorbeiflog. Verwundert über diesen Anblick blieb es in der Luft direkt über den Kindern stehen und sagte: „Hallo Kinder. Ihr seid doch Kinder, oder? Ich heiße Lena und ihr? Könnte ich euch vielleicht auf irgendeine Art und Weise weiterhelfen?“ „Na, das ist doch mal ein sehr netter Engel“, dachten Hannah und Svenja. Hannah ergriff das Wort: „Ja, du könntest uns helfen, Lena. Wir haben Laurenz entdeckt, der in diesem Baum festhängt. Wir sind auch schon dabei ihn zu befreien, aber wir kriegen nur seine Füße los. Kannst du möglicherweise von oben mithelfen?“ „Na klar“, rief Lena erfreut und machte sich so gleich an die Arbeit. „Ich wollte noch wissen, ob ihr Kinder seid und wie ihr heißt?“, wiederholte Lena geduldig ihre Fragen. „Du hast ganz richtig erkannt, dass wir Kinder sind. Ich bin Svenja und das ist meine blinde Schwester Hannah. Unter uns sind noch unsere Geschwister Julian, Tim, Annika, Andre und Max. Rudolf mit der roten Nase kennst du ja sicher. Wir haben sein stabiles Geweih benutzt, um auf diesen tollen Baum zu gelangen“, antwortete Svenja fröhlich, während sie das linke Bein des Wichtels befreite. „Das ist interessant. Wie habt ihr denn zu uns gefunden?“, wollte das Engelchen nun wissen. Hannah erzählte nochmals die lange Geschichte vom Bauern, dem Schneesturm und von dem Licht, dass Jana entdeckt hatte. Lena lächelte und befreite die Handgelenke des Wichtels von einem widerspenstigen Lebkuchenast befreite. Bei dieser Aktion brach er leider ab und fiel dem kleinen Julian direkt vor die Füße. Verdutzt bückte er sich und hob ihn auf. „Laurenz, dürfen wir den Ast bitte, bitte mitnehme?“, bettelte de sechsjährige. „Na klar. Dann könnt ihr euren Eltern auch beweisen, dass ihr wirklich hier wart“, erlaubte Laurenz den Kindern. „Mist, warum habe ich nicht an die Sache mit dem Beweis gedacht“, dachte Julian ärgerlich. „Rudolf! Stell dich mal unter mich, damit du mich gleich auffangen kannst“, befahl Laurenz. Rudolf gehorchte widerstandslos und postierte sich genau unter dem noch im Baum hängenden Wichtel. Lena und die Kinder lockerten noch die letzten winzigen Äste und mit einem „Plumps“ fiel der Befreite vom Baum. Um ein Haar wäre er auf dem Schnee aufgekommen, doch dem klugen Rudolf gelang es in letzter Sekunde, ihn mit seinem Rücken aufzufangen. „Vielen Dank für eure Hilfe“, keuchte Laurenz atemlos. „Gern geschehen“, erwiderten Hannah, Lena und Svenja freundlich. „Jetzt interessiert es mich aber brennend, wer und was ihr seid“, fragte der Gerettete erneut nach. „Das kann ich dir erklären“, fing Hannah an. „Dann schieß mal los“, forderte Laurenz in einem spaßigen Tonfall. „Wir sind Menschenkinder und haben alle Namen. Ich heiße zum Beispiel Hannah und meine Geschwister sagen dir gleich auch ihre Namen. Noch ein Wort über mich: Ich bin blind“, beantwortete Hannah die Frage des Wichtels. „Was bedeutet blind“, erkundigte dieser sich. „Blind ist, wenn man nichts sieht“, antwortete Svenja für Hannah. „Halt den Mund. Er hat nicht dich, sondern mich gefragt“, zischte Hannah wütend. Sie hasste es, wenn man Fragen für sie beantwortete. Sie konnte zwar nichts sehen, aber hatte keine Probleme mit ihrer Sprache. Ihrer Meinung nach sollte sie alle Fragen beantworten, die auch an sie gestellt wurden. Svenja hatte sich also in ihren Augen völlig falsch verhalten. „Jetzt fang doch keinen Streit an, Hannah. Ich hab‘ doch nicht dich gefragt, sondern keinen angeredet“, beruhigte Laurenz die ganze Situation. „Schon okay“, murmelte Hannah bedrückt. Statt sich weiter zu streiten, stellte Svenja lieber eine Frage: „Sag‘ mal Laurenz, was machst du eigentlich als Süßigkeitengartenboss so und woran erkennt man eigentlich ob die Süßigkeiten reif sind oder nicht?“ „Diese Fragen beantworte ich dir sofort. Als Boss muss ich entscheiden, was meine Mitarbeiter zu tun haben. Außerdem muss ich die Sachen zur Packstation bringen und neue Bäume pflanzen. Du wolltest doch wissen, woran man reife Süßwaren erkennt. Das ist so: Wenn die Schokolade von einem Lebkuchen an diesem Baum schön braun und der Lebkuchen angenehm weich ist, ist er reif und kann geerntet werden. Bei normalen Lebkuchen und ähnlichem Gebäck zählt nur die dieses Gebäck typische Farbe und Konsistenz. Zuckerkringel und Zuckergras müssen aber gut knuspern, bevor wir sie an euch verschenken“, erklärte der Süßwarenchef. „Wer gehört denn zu deinen Angestellten“, fragte Annika. „Wichtel und Engel sowie ein paar Tiere“, antwortete er. „Á propos Tiere. Da kommt Bambi“, rief Julian erfreut und tänzelte auf das Rehkitz zu.

Dieses hatte inzwischen die gesamte Lichtung erkundet und sehnte sich nun nach einem Fläschchen Milch und ein paar Händen zum streicheln. Hannah freute sich besonders, denn sie hoffte, dass Bambi sie als Mutter wählen würde. Es wäre doch grandios, wenn sie in ihrer Blindenschule erzählen könnte, dass sie ein Rehkitz aufzöge und zugleich auch noch einen Führhund zu Weihnachten bekommen hätte. Allein der Gedanke an all die schönen Dinge ließ ihr Gesicht strahlen. Bambi kam in kleinen Schritten auf Hannah zu und stupste sie sacht an. „Ach, es mag mich“, dachte Hannah zufrieden. Zaghaft streckte sie ihre Hand aus und strich dem Kleinen über den kuscheligen Kopf. Langsam kam es immer näher und blieb schließlich genau vor ihr stehen. Das blinde Mädchen spürte die Wärme des Tieres an ihrem Bein und Hannah war vollkommen glücklich. „Schaut mal“, sprach Lena, „Dieses Reh dort schmust mit eurer blinden Schwester. Vielleicht ist es ja wild und trotzdem so zahm.“ „Nein, das stimmt nicht“, widersprach Hannah Lena. „Dieses Rehkitz hier haben wir auf unserem Weg zu euch gefunden. Es war rehmutterseelenallein und wir haben es mitgenommen, damit es nicht stirbt. Nun denkt es, ich wär‘ seine Mama und kommt zu mir. Fließt hier vielleicht irgendwo auch Milch?“ „Natürlich. Womit sollten wir denn sonst die Schokoladenstückchen mit Milchfüllung machen“, erläuterte der Chef. „Wo ist denn die Milch?“, hakte Hannah nach. „Ich führ dich hin, einverstanden?“, schlug Laurenz hilfsbereit vor. Hannah nickte. Laurenz schritt auf sie zu und packte sie am Arm. „Bitte etwas lockerer“, bat Hannah mit schmerzverzerrtem Gesicht. Augenblicklich wurde der Griff erheblich lockerer. Die Geführte lächelte zufrieden und achtete darauf, dass Bambi keinen Fluchtversuch unternahm. Hin und wieder versuchte die neugierige Bambi, etwas Neues zu entdecken. Ihrer „Mutter“ gelang es aber gerade noch rechtzeitig dies zu vermeiden. „Fünf Meter von uns entfernt liegt der „Milkriver“. Ich habe den „Milkriver“ ausgewählt, weil hier die beste Milch fließt“, verkündete Laurenz. Vorsichtig und mit kleinen Schrittchen näherten sich Hannah und ihr Kitz diesem überaus kuriosen Gewässer. „Halt! Bleib stehen!“, warnte Andre. Doch es war bereits zu spät. Hannah war mit ihren hohen Stiefeln geradewegs in den weißen Fluss geraten. Glücklicherweise war dieses Missgeschick an einer der niedrigsten Stellen des „Milkrivers“ geschehen, sodass nichts Gravierendes passiert war. Sie stieg einfach aus der Milch und ging ans Ufer zurück. Sofort kam Bambi angesprungen und leckte ihr die Stiefel sauber. Anschließend lief es munter auf den milchigen Fluss zu und begann gierig zu trinken. Als Bambi fertig war, schob es mit seinen winzigen Hufen etwas Schnee zur Seite und knabberte schmatzend an etwas. „Was frisst es denn da?“, erkundigte sich Hannah interessiert. „Wahrscheinlich hat dein Findelkind unser Zuckergras entdeckt. Aus diesem Gras stellen wir meistens Zuckerguss oder Zuckerstreusel her“, mutmaßte Laurenz. Alle Kinder bückten sich gleichzeitig und suchten sich ebenso etwas Zuckergras zum probieren. Lautes Knuspern verriet sie jedoch. „Na, macht ihr Bambi nach“, stellte Lena belustigt fest. „Dürfen wir auch nen‘ Schluck Milch kosten?“, wollte Jana wissen. Für sie war es total unfair, dass Bambi Milch trinken durfte und sie bisher noch nicht. „Nur zu“, forderte Laurenz alle auf. Lena, Rudolf und die Kinder auf, um selbst auch Milch trinken zu gehen. Die Milch schmeckte vorzüglich. Sie war lauwarm und schön süß. „Hm“, machten alle während des Trinkens. Nachdem alle getrunken hatten, leckten sich alle die Milchbärte von den Lippen. „Nun haben wir weiße Weihnachtsmannbärte aus Milch“, dachten Julian und Svenja und kicherten da bei. „Was gibt es denn so lustiges?“, fragte Jana. „Nichts, nichts“, erwiderten die beiden schnell. Ihnen wäre es unangenehm gewesen, wenn sie den großen Geschwistern ihre Gedanken mitgeteilt hätten. „Ihr habt bestimmt an was lustiges gedacht“, vermutete Lena. Kaum merklich nickten sie ihr zu. „Was war’s denn?“, wollte sie nun wissen. Unauffällig griffen sie sich an ihre Münder und malten die Umrisse eines Bartes. Lena begriff und schmunzelte. „Gibt’s hier noch mehr Beweise zum Mitnehmen?“, erkundigte sich der kleine Julian freundlich. Er hielt immer noch den Ast mit den Schokolebkuchen in Händen. Statt ihm seine Frage zu beantworten, rupfte Laurenz etwas Zuckergras für sie aus. Außerdem schnitt er noch Zweige mit Zuckerkringeln und anderem Gebäck ab. Julian nahm sie dankend entgegen. Leider konnte er nicht alles fassen, sodass Svenja ihm zu Hilfe eilen musste. „Wo tun wir die Sachen denn hin? Vielleicht auf den Schlitten? Nein! Da ist leider kein Platz mehr wegen des Korbs“, überlegte Svenja laut. „Dein Gedanke ist aber gar nicht so schlecht“, widersprach ihr Hannah. Anschließend bat sie: „Lena, könntest du nicht unseren Schlitten holen fliegen? Du bist die schnellste von uns.“ „Das kann ich machen, wenn ihr mir erstens sagt wo er ist und mir zweitens versprecht, mich mit nach Hause zu nehmen. Dann habt ihr auch einen Beweis dafür, dass ihr Engel getroffen habt“, entgegnete der Engel listig. Einen Moment lang herrschte nachdenkliches Schweigen. Dann sagte Hannah: „Wir sind einverstanden.“ Begeistert erhob sich Lena in die Lüfte und flog zu dem Ort, den Rudolf ihr zuvor beschrieben hatte. Währenddessen erfuhren die Kinder die nächsten Stationen auf ihrer Reise durch die Weihnachtswelt: Zuerst sollte es zu den Produktions- und Industriehallen gehen. Anschließend standen ein Besuch bei Frau Holle, die Besichtigung des Post- und Packamtes sowie die Bekanntschaft mit dem Weihnachtsmann und seinen Helfern auf dem Programm. Wenn sie dies alles gesehen hatten, sollte die Heimreise beginnen. Mittlerweile war Lena mitsamt des Schlittens wieder zurück. Lächelnd parkte sie den Schlitten vor den Kindern und bat sie, ihre Beweise aufzuladen. Sacht legten die Kleinen die Zweige auf den Schlitten und bedeckten den Korb mit Zuckergras. „Alle Beweise verstaut“, sagten sie hastig. „Gut gemacht“, lobte Hannah. „Sollen wir nun in die Produktions- und Industriehallen gehen?“, fragte Max nach. „Wenn ihr wollt“, antwortete Rudolf. „Ja!!!“, brüllten die Kinder.

Produktion und Industrie

Wenige Augenblicke waren vergangen, da erreichten sie ein paar kleine Häuschen aus Holz. „Endlich keine Baumzelte mehr“, freute sich Jana. Sie war es satt, immer nur diese blöden Baumzelte zu sehen. Auch die anderen freuten sich über den Anblick echter Häuser. „Jetzt sind wir nicht mehr in der Antike, sondern immer hin im Mittelalter oder in der Renaissance“, meinte Hannah. Lena hatte einen Strick um Bambis Hals gelegt und führte es wie einen Hund. „Was heißen denn diese Wörter?“, fragte Svenja. „Das sind Namen von vergangenen Zeiten“, erklärte Hannah ihrer kleinen Schwester. „Lasst uns reingehen“, schlug Rudolf vor. Alle waren einverstanden und folgten ihrem rotnasigen Gefährten, welcher sich dazu bereiterklärt hatte, den Schlitten zu ziehen. Kurz vor dem ersten Haus machten sie Rudolf vom Schlitten los und stellten ihn an einen sicheren Platz. „Alle Häuser sind miteinander verbunden“, flüsterte Annika Hannah zu. Diese nickte. Das war eine spannende Info, fand die Blinde. Sie gingen auf das erste Haus zu und Rudolf stieß mit seinem Geweih die Tür auf. Sie betraten einen großen Raum, in welchem mehrere Wichtel Spielzeuge und Süßigkeiten produzierten. Ein Wichtel im Anzug stolzierte umher. „Hallo, wer bist denn du?“, sagte Jana. „Ich bin Domminnick, der Industrie- und Produktionsleiter hier“, antwortete dieser. „Und wer seid ihr?“, fügte er hinzu. „Wir sind Kinder, die wegen eines Schneesturms hierher gekommen sind“, beantwortete Hannah seine Frage. „Was machen denn alle hier so?“, wollte Hannah wissen. „Wir produzieren Spielzeug und Süßwaren. Außerdem bilden wir junge Wichtel aus“, erläuterte Domminnick. „Kannst du uns mal rumführen?“, bat Svenja. „Na klar“, entgegnete er freundlich. Der Wichtel schritt voran und führte seine Gäste in einen Raum, in welchem viele Wichtel und Engel an Fließbändern standen und diverses Spielzeug bastelten. Einer der Engel drehte andauernd eine Kurbel. „Warum musst du immer an dieser Kurbel drehen?“, fragte Max. „Ich treibe das Fließband an. Aber geht jetzt bitte weiter. Ich habe keine Zeit für eine Plauderei“, antwortete der Engel knapp, während er weiterdrehte. Langsam gingen sie weiter. Auf dem Weg zum nächsten Häuschen sahen sie noch so manchen Arbeitern zu, die mit verschiedenen Werkzeugen an zukünftigen Geschenken bastelten. Im nächsten Haus duftete es himmlisch. Hier schien sich die Süßwarenfabrik zu befinden. „Hier riecht’s fantastisch. Ist hier etwa die Süßigwarenproduktion?“, spekulierte Hannah. „Das hast du sehr gut erkannt, obwohl du ja blind bist“, lobte der Produktions- und Industriechef. „Woher wussten sie das denn?“, fragte Hannah verblüfft. „Das ihr hier seid, hat mir Laurenz gerade von einem Boten sagen lassen. Er erwähnte, dass du blind bist“, erklärte der Wichtel. „Ach so“, sagte Hannah beruhigt. Sie hatte schon vermutet, dass Domminnick Zauberkräfte besaß und daher über sie Bescheid wusste. „Was wird hier denn Leckeres gemacht?“, wollte Julian wissen. „In den Süßwarenhäusern werden Pralinen, Schokofiguren, Lebkuchenhäuser und solche Sachen gemacht“, gab er Auskunft. „Jetzt zeige ich euch noch unseren Ausbildungstrakt und dann sind wir schon fertig“, verkündete ihr Führer. „Schade“, schluchzte Lena und flatterte matt mit ihren Flügelchen. Sie liefen noch an etlichen Abeitern vorbei, die etwas herstellten oder kontrollierten. Nach einigen Augenblicken erreichten sie endlich den Ausbildungstrakt. „Hannah. Hier stehen viele Arbeiter rum und erklären anderen Wesen ungefähr in deinem Alter was sie zu tun haben“, beschrieb Jana. „Danke“, erwiderte das blinde Mädchen erfreut. Es war sehr angenehm, wenn sie nicht immer alle um eine Beschreibung bitten musste. Domminnick erklärte ihnen, dass es sehr viele Ausbildungssberufe gab und führte ihnen die Übungsgeräte vor. „Die Übungsgeräte brauchen wir, damit unsere Lehrlinge nichts beschädigen können“, fügte er hinzu. Nachdem sie alles gesehen hatten, wollten sie Frau Holle einen Besuch abstatten.

Auch Kissenschütteln und Deckenfalten muss man lernen

Sie waren bereits eine halbe Stunde durch den tiefen Schnee gestapft, als sie eine Frau und einen Jungen erblickten. Sie hockten in einem Zelt und schüttelten Kissen. „Hallo! Sie müssen Frau Holle sein. Wir sind Menschenkinder und durch den Schneesturm hierher gelangt“, plapperte Svenja los. „Das hast du gut erkannt. Der Junge neben mir ist Yannic und gerade in Ausbildung. Er kann euch alles zeigen und erklären“, antwortete Frau Holle. „Mach ich, Frau Holle“, stimmte ihr ihr Azubi zu. Lächelnd führte Yannic seine Besucher in ein weiteres Haus. Dort standen überall Betten herum. Sehr viele Engelkleinkinder schüttelten eifrig Kissen und falteten Decken. „Wie ihr seht, …“, begann ihr Führer. „Ich seh‘ nichts“, sagte Hannah dazwischen. „Oh! Warum denn nicht?“, fragte Yannic teilnahmsvoll. „Ich bin blind“, erklärte die 13-jährige schnell. Es klang so, als ob es nichts Besonderes wäre, blind zu sein. „Was ist denn blind genau?“, hakte Yannic nach. „Wenn man blind ist, kann man nichts sehen“, berichtete Julian sachlich. Er wollte unbedingt beweisen, dass er auch über die Behinderung seiner Schwester Bescheid wusste. In diesem Moment hörte man ein leises klicken. Alle drehten die Köpfe herum und erblickten Bambi. Dieses kleine, verflixt clevere Reh hatte es tatsächlich fertiggebracht, sich von Lenas Strick zu befreien und sie aufzuspüren. „Ist dieses Reh etwa dein Blindenführreh?“, fragte Yannic neugierig. „Nein, das ist Bambi. Wir haben ihr das Leben gerettet. Sie lag ganz allein im Schnee ohne ihre Mutter“, berichtete Hannah stolz. „So ist das also. Aber nun will ich euch erklären und zeigen, was Frau Holle, die Engelchen und ich den ganzen Tag so machen“, meinte ihr Referent lachend. Gemeinsam gingen sie auf einen Raum zu, an dessen Tür „Übungsraum“ geschrieben stand. „In diesem Raum lernen wir alles“, sagte Yannic, als sie durch die hölzerne Eingangstür schritten. „Wenn ihr nur Schneeregen haben wollt, müsst ihr die Wattekissen ganz leicht klopfen und ab und zu schütteln“, erläuterte er fachkundig. „Dürfen wir das, was du uns erzählst, auch ausprobieren?“, fragten die Kinder. „Natürlich. Deshalb bin ich auch mit euch in den Übungsraum gegangen. Was immer ihr auch tut, es wird nur in diesem Raum geschehen“, antwortete der Auszubildende. „Hä?“, machte Svenja. „Also, wenn du hier die Kissen schüttelst, schneit es nur in diesem Zimmer hier“, erklärte ihr Yannic das Prinzip des Raumes. Svenja hatte verstanden. Zielsicher schritt sie auf ein Bett zu und nahm ein Wattekissen in beide Hände. Sacht klopfte sie auf das Kissen und schüttelte es ab und zu heftig durch, sodass sich die Watte wieder verteilte. Auf einmal rief Hannah: „Ich, es ist ja ganz nass geworden!!“ Erst jetzt sahen alle, was geschah. Von irgendwoher kamen Unmengen von Schneeregen. Auch Svenja blickte nach oben und bekam eine gewaltige Ladung Schneeregen ins Gesicht. „Ich bin erst seit ein paar Minuten völlig trocken. Wie soll ich bis zu Hause wieder trocknen? Und das Christkind bringt nassen Kindern garantiert keine Geschenke?“, maulte Svenja beleidigt. „Ach, das ist doch kein Problem, Lass mich nur machen. Du wirst in wenigen Minuten wieder trocken sein“, beschwichtigte Yannic. Interessiert sahen ihm alle dabei zu, wie er eine kleine Schneeflocke in Decken wickelte und darüber rieb. Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis alle einen warmen Sommerwind spürten. „Wir bestimmen das Wetter auf der ganzen Welt“, erklärte Yannic voller Stolz. „Und wie erzeugt man Pulverschnee?“, fragte tim. „Ganz einfach. Du schüttelst die kleinen Wattekissen“, erwiderte der angehende Herr Holle. „Darf ich das mal probieren?“, wollte Tim wissen. „Nur zu“, erlaubte der Führer. Zügig marschierte Tim auf ein anderes Bett zu und schüttelte ausgiebig ein Kissen. Sofort verebbte der Sommersturm. Stattdessen setzte Schneefall ein. Langsam fielen kleine, feine Schneeflocken zu Boden. Hannah bückte sich und berührte die weiße Pracht mit den Fingern. Es handelte sich wirklich um Schnee, der sehr kalt war. Das blinde Mädchen hob etwas Schnee hoch und ließ ihn durch ihre Finger rutschen. „Gut gemacht, Tim. Du hast tollen Pulverschnee erzeugt“, lobte Hannah. „Nur ich darf loben“, schimpfte Yannic. Hannah senkte beschämt den Kopf. Ihr Lehrer sah dies und fügte rasch hinzu: „Aber du hast Recht, das Ergebnis ist erstklassig.“ Tim sprang freudig in die Luft und wirbelte dabei Schnee auf. „Und wie geht Pappschnee?“, erkundigte sich Julian. „Hm, ich weiß es zwar, aber vielleicht habt ihr ja eine Idee“, entgegnete der Azubi. „Man muss die großen Federkissen schütteln“, vermutete Hannah. „Goldrichtig“, sagte Yannic. Er fand es verwunderlich, dass ausgerechnet das blinde Mädchen die richtige Antwort wusste. „Darf ich das ausprobieren?“, bat Hannah. „Wenn du dir das zutraust, gern“, meinte Yannic. Hannah ging vorsichtig auf ein Bett zu und tastete alle Kissen ab. Als sie ein passendes Kissen entdeckt hatte, schüttelte sie es so heftig, als ob es um ihr Leben ginge. Kurz darauf begann es stark zu schneien und alle waren auf einmal mit dem weißen Schnee bedeckt. Kaum hatte Hannah aufgehört zu schütteln, da hörte das Schneien auch schon wieder auf und der Schnee schmolz. „Wie macht man denn Kälte und Wind?“, wollte Andre wissen, der bemerkt hatte, dass noch Wettererscheinungen fehlten. „Das werde ich euch nun demonstrieren“, verkündete ihr Lehrmeister. Selbstsicher schritt er auf ein riesiges Bett zu. „Er nimmt eine Decke in die Hand und schüttelt sie“, beschrieb Jana. Dankbar nickte Hannah ihrer kleinen Schwester zu. Mal wieder eine Beschreibung, um die sie nicht bitten musste. Wellenartig bewegte er die Decke und schüttelte sie kräftig. Ein Wirbelsturm ging los und riss Svenja fast um, wenn sie sich nicht in letzter Minute an einem Bett festgeklammert hätte. „So geht also Wind“, stellte Annika fest, die Bambi festgehalten hatte, damit sie nicht davonflog. „Exakt“, erwiderte Yannic. „Und wie geht Kälte?“, hakte Andre nach. Schließlich hatte der Azubi seine Frage nur halb beantwortet. „Das zeige ich euch jetzt“, sagte der Gefragte. Routiniert ging er auf einen Schrank zu und nahm eine kleine Nachbildung einer Sonne heraus, die gelblich leuchtete. Behutsam legte er sie auf eine Decke und wickelte sie darin ein. Augenblicklich sank die Temperatur in diesem Übungsraum und die Kinder begannen zu frösteln. Hastig nahm der Junge die Sonne wieder aus den Decken und brachte sie an ihren Stammplatz zurück. „Endlich ist es wieder warm hier drin“, stellte Hannah fest. Dann fuhr sie fort: „Ich frag‘ mich nur, wie du als normaler Mensch hierher kommen konntest.“ „Das ist eine berechtigte Frage“, erklärte Yannic. „Ich bin der kleine Bruder von Knecht Ruprecht. Dieser hat mich hierher geholt, als ich gerade sprechen konnte. Mittlerweile wohne ich schon 12 Jahre bei Frau Holle und werde in vielen, vielen Jahren ihr Nachfolger werden müssen, wenn mich niemand mit in die Menschenwelt mitnimmt“, fügte er hinzu. „Wir können dich doch mitnehmen“, schlug Svenja vor. Das kleine Mädchen war für ihre Gutherzigkeit bekannt. „Da müsst ihr aber erst mit meiner Chefin, Frau Holle, verhandeln“, empfahl Yannic. „Kommen wir den auch wieder pünktlich zur Bescherung nach Hause?“ sorgte sich Svenja. „Aber natürlich“, beschwichtigte Yannic und strich dem kleinen Mädchen liebevoll übers Haar. Gemeinsam gingen sie wieder zu Frau Holle zurück. „Na, hat Yannic euch alles gezeigt?“, erkundigte sich Frau Holle und sah die Kinder streng an. „Hat er und wir durften sogar Sachen ausprobieren“, versicherte Svenja. „Ich hätte noch eine Frage“, begann Hannah vorsichtig. „Und die wäre“, bohrte Frau Holle nach. „Dürfen wir Yannic mitnehmen?“, setzte Hannah ihren Satz fort. Frau Holle dachte einen Moment lang nach und sagte anschließend: „Eigentlich benötige ich ihn dringend, aber ich weiß genau so gut, wie sehr sich in die Menschenwelt zurücksehnt. Vielleicht kann er ja in eurer Welt für das Wetter sorgen.“ „Heißt das etwa, dass ich mitdarf?“, freute sich ihr Azubi. „Hmm“, machte Frau Holle, ehe sie weitersprach: „Du darfst.“ Jubelnd sprang Yannic hinter den Kindern, Rudolf und Lena her. „Hör das Schneien auf, damit wir nach Haus‘ kommen“, riefen ihr alle hinterher.

Verpacken, verladen, verschicken? und auspacken

Wenig später erreichten sie zwei Häuser, über deren Türen ein langes Stoffschild prangte auf dem stand: „Post- Verladungs- und Packstation“. „Ich bin gespannt, wer hier arbeitet“, sagte Svenja zu Hannah. „Vielleicht Elfen“, spekulierte Hannah munter drauf los. „Ihr werdet es rechtzeitig genug erfahren“, murmelte Rudolf geheimnisvoll. Sie betraten eines der Häuser und steuerten zielstrebig auf zwei Wesen zu. Bei diesen „Wesen“ handelte es sich um zwei Elfenkinder, die sich liebevoll um ein paar Vögel und Geschenke kümmerten. „Wer seid ihr denn?“, fragte Hannah lächelnd. „Ich bin Bruna“, sagte das jüngere Elfenkind. „Und ich bin Inês“, fügte das Andere hinzu. „Und ihr?“, fragte Inês.
„Wir sind Kinder, die ein Schneesturm hierhin verschlagen hat“, antwortete Jana. „Ey du, warum siehst du mich nicht an!“, meckerte Inês Hannah an. „Wenn ich dich anschauen würde, würde ich dich trotzdem nicht sehen können“, erklärte Hannah ruhig. „Hä“, machte Bruna. „Ganz einfach. Ich bin blind. Und ehe ihr fragt, was blind eigentlich bedeutet, erklär’ ich es euch: Blind sein heißt, dass jemand nichts sehen kann“, meinte Hannah sachlich. „Achso“, erwiderte Bruna. Sie hatte verstanden, was Hannah gemeint hatte. „Warum hast du sie hierhin geführt, Rudolf?“, wollte die neugierige Inês wissen. „Ich dachte, dass es interessant sein könnte, zu erfahren, wie die Geschenke verpackt und verschickt werden“, gestand Rudolf. Das Rentier hatte Angst davor, was die beiden kleinen Elfen als Nächstes sagen würden. Doch es geschah etwas Unerwartetes. „Oh, habt ihr da ein süßes Reh. Darf ich es mal anfassen“, bat Inês. „Natürlich“, sagte Hannah. Das kleine Elfenmädchen streckte seine Hand aus und berührte liebevoll das weiche Fell. „Wie heißt das niedliche Tierchen denn?“, erkundigte sich Inês. „Sie hört auf den Namen Bambi“, plapperte Svenja los. „Psst. Plapper nicht, bevor du nicht gefragt wurdest“, zischte Hannah. „Sollen wir euch mal alles zeigen“, schlug Bruna vor. „Gute Idee“, stimmten ihr alle im Chor zu. „Dann fangen wir mal mit diesen Vögeln hier an. Dies sind Posteulen, die die Geschenke zu Kindern fliegen, die für unseren Schlitten zu weit weg wohnen begann Bruna. „Die Eulen erinnern mich an Harry Potter“, sagte Hannah. „Was ist denn das schon wieder?“, fragte Inês. „Das ist ein total bekanntes Buch bei uns in der Menschenwelt“, erläuterte Hannah. „Warum nehmt ihr denn Lena und Yannic mit? Die sind doch so nett“, trauerte Bruna. „Ich möchte wieder zurück in die Menschenwelt“, antwortete Yannic. „Und ich möchte die Menschenwelt kennen lernen“, ergänzte Lena. „Kommt ihr uns denn mal besuchen?“, bat Bruna. „Wenn wir können“, garantiert. Ihr müsst wissen, dass wir nur hier her finden, solange wir hier leben. Natürlich kann man trotzdem hier her gelangen, wie ihr so schön an diesen Kindern seht, aber diese werden den Weg nicht mehr finden“, berichtete Lena. „Vielleicht lässt der Weihnachtsmann ja mit sich reden“, ermutigte Yannic die beiden Kleinen. „Wir wollten euch doch etwas über die Eulen erzählen. Also, die Eulen haben gelernt, Päckchen herum zu fliegen. Sie fressen….“, sprudelte es aus Inês heraus. Nun mussten sich die Kinder einen minutenlangen Vortrag über Eulen und deren Pflege anhören. Glücklicherweise gelang es ihnen irgendwann, die kleinen Eulenexperten dazu zu bewegen, ihnen etwas anderes zu zeigen. „Hier sind wir bei den packern“, sagte Bruna und deutete auf ein Grüppchen von Elfen, die diverse Geschenke in Papier oder Kartons packten. „Hierfür müssen sie nur das Packen lernen, was aber ganz schön schwer ist“, ergänzte Inês eilig. Sacht schob Rudolf die Elfchen weiter und die Kinder erfuhren noch so manche Dinge. Sie erfuhren zun Beispiel, dass man ein Jahr brauchte, um ein fertiger Packer zu werden. Irgendwann meinte Bruna: „Hier werden die Süßigkeiten verpackt.“ Plötzlich drehten sich alle Kinder um und riefen: „Hallo Laurenz!!“ „Woher kennt ihr denn Laurenz?“, fragte Inês sofort. „Sie hatten bereits die Ehre, mich kennen zu lernen“, antwortete Laurenz für die Kinder. „Bruna, ich hab’ noch ein paar Schlitten voll Süßwaren für euch. Könntet ihr die bitte noch heute verpacken und auf die Reise schicken“, trug Laurenz auf. „Wird gemacht“, erwiderte Bruna und eilte mit Inês davon, um die Schlitten herein zu holen. „Könnt ihr mich auch noch mit in die Menschenwelt nehmen?“, bat der Wichteljunge. „Wir würden dich gern mitnehmen, wenn wir könnten“, entgegnete Hannah. „Du kannst uns aber immer besuchen kommen, wann immer du möchtest. Einverstanden?“, schlug Svenja vor. Mal wieder versuchte das kleine Mädchen die Situation zu retten. „Svenjas Idee ist auch in Ordnung“, nahm Laurenz Svenjas Vorschlag dankbar an. „Wohin soll eure Reise denn als Nächstes gehen?“, erkundigte sich Laurenz bei den Kindern. „Wir müssen nur noch zum Weihnachtsmann“, erklärte Julian. „Kennst du den Weg, Rudolf?“, vergewisserte sich der Wichtel. „Klar doch!“, versicherte das rotnasige Rentier. „Ich begleit’ euch trotzdem“, bot Laurenz an. „Mach das“, stimmten ihm alle zu. So machten sie sich dann auf den Weg zum Weihnachtsmann.

Die Wahrheit über Nikolaus, Christkind und Weihnachtsmann

Nach ungefähr zehn Minuten erreichten sie die Mitte der Lichtung. Hier stand der wundervolle Weihnachtsbaum, dessen Licht sie im Wald gesehen hatten. Rund um den Weihnachtsbaum saßen Weihnachtsmänner, Nikoläuse und Christkinder. An dieser Stelle verabschiedete sich Laurenz von den Kindern. Er müsse wieder nach den Süßigkeiten sehen, sagte er den Kindern. Aber er versprach, sie bald wieder zu besuchen. Rudolf brachte sie zu einem besonders alten Weihnachtsmann und flüsterte ihnen zu: „Das ist unser Ältester. Er kann euch all eure Fragen beantworten. Ich werde jedenfalls mal den Rentierschlitten dort hinten besuchen.“ „Hallo Weihnachtsmann. Ich dachte immer, dass Coca Cola dich erfunden hat“, plapperte Julian. „Nein, nein. Das ist die Geschichte, die den Eltern vorgegaukelt wird, damit sie nicht an uns glauben“, sagte der Weihnachtsmann mit seiner tiefen, ruhigen Stimme. „Warum gibt’s denn so viele von euch“, sagte Julian mehr zu sich selbst. „Ganz einfach, die Arbeit wäre für einen von uns zu viel“, erklärte der bärtige Weihnachtsmann. „Die Lichtung ist so groß und trotzdem konnten mir meine Geschwister diesen Mittelpunkt beschreiben. Wie kann das den sein?“, erkundigte sich Hannah. „Ich weiß, dass du blind bist und deshalb finde ich es merkwürdig, dass ausgerechnet du diese Frage stellst. Wir haben diese Lichtung einfach verhext, sodass sie kleiner erscheint“, erläuterte der Weihnachtsmannälteste. Hannah nickte ihm verständnisvoll zu. Es leuchtete ihr ein, dass jeder, der diese Lichtung sah, sie für eine ganz gewöhnliche Lichtung halten würde. „Hast du Kinder?“, fragte Julian neugierig. Er hatte sich schon immer gefragt, ob der Weihnachtsmann Kinder hat. „Aber natürlich!“, antwortete er und drehte sich um. Wenig später hörten sie, wie der Weihnachtsmann zwei Namen rief. Kurz darauf erschienen zwei Kinder in Hannahs Alter. „Wer seid ihr denn?“, fragte Hannah freundlich. Sie hatte die Kinder zwar nicht gesehen, aber das blinde Mädchen hatte ihre Schritte wahrgenommen. „Wir sind die Kinder vom Weihnachtsmann“, sagten sie stolz. „Das wissen wir bereits“, stellte Jana knapp fest. „Ich wollte wissen, wie ihr heißt und nicht wessen Kinder ihr seid.“, stellte Hannah streng klar. „Ach so, sag das doch gleich“, nörgelte eines der Kinder. „Und wie heißt ihr jetzt?“, half Hannah nach. „Ich bin Adina“, sagte das eine Mädchen. „Und ich heiße Yassemin“, sagte die andere. „Und wie alt seid ihr?“, fragte Hannah. „Ich bin zwölf“, sagte Yassemin. „Und ich dreizehn. Und wie alt bist du?“, entgegnete Adina. „Ich bin auch dreizehn“, erwiderte Hannah. Beide Mädchen lachten. Es war schon ein lustiger Zufall, dass beide genau gleich alt waren. „Helft nur ihr beiden eurem Vater?“, wollte Max wissen. „Wir bringen Geschenke zu manchen Kindern, aber wir haben auch noch zwei andere Helfer“, erklärte adina. „Holt sie doch mal“, bat sie Hannah. „Schon dabei!“, rief Adina und rannte los. „Bist du blind oder wie das heißt?“, wandte sich Yassemin an Hannah. „Ja, bin ich“, gab Hannah zu. „Da bin ich wieder“, keuchte Adina. Ihr folgten zwei etwas jüngere Mädchen. „Dies sind unsere Helferinnen Miriam und Anna. Übrigens, Anna ist auch so wie du“, berichtete Adina. „Hi Anna!“, sagte Hannah. „Wo ist ein Hai?“, erkundigte sich Anna erschrocken. „Nirgendwo ist ein Hai. Hi ist bei uns ein anderes Wort für hallo“, beruhigte sie Hannah. „Achso“, erwiderte das blinde Mädchen. „Kommt, wir zeigen und erklären euch alles“, forderten sie die Kinder auf. Bereitwillig folgten die Kinder den Mädchen, die geradewegs auf einen Nikolaus zuliefen. „Hallo Nikolaus“, riefen alle Kinder im Chor. „Hallo Kinder“, brummte der Nikolaus mit seiner tiefen, rauhen Stimme. „Hast du auch Kinder?“, wollte Svenja wissen. „Nein, aber Engel. Die Engelchen helfen mir eure kilometerlangen Wunschzettel zu lesen“, gab der Nikolaus als Antwort. „Mein Wunschzettel ist aber nur 30 Zentimeter lang“, verteidigte sich Hannah. „Das wissen wir auch“, entgegnete der Nikolaus. „Meine Aufgabe ist es, alle Geschenke für blinde zu beschaffen und Punktschriftwunschzettel vorzulesen“, erzählte Anna stolz. „Und ich muss die Wunschzettel in Schwarzschrift übersetzen“, fügte Miriam hinzu. Auf einmal sprang Anna erschrocken zur Seite und schrie: „Achtung, ein Rentier ist entlaufen!“ Doch ehe ein Weihnachtsmann hätte eingreifen können, rief Hannah: „Nein, das ist nur Bambi, unser Reh!“ „Ihr habt ein Rehkitz?“, fragte Anna erstaunt. „Ja. Warte, ich bringe es zu dir“, antwortete Annika, während sie das Tierchen zu Anna lockte. Hannah und Anna verdrückten sich mit Bambi in eine Ecke, um sich einen Moment lang zu unterhalten. Hannah erzählte ihrer Leidensgenossin, welche Hilfsmittel es für Blinde in ihrer Welt gab. Anna bekam manchmal vor Staunen ihren Mund nicht zu. Im Gegensatz dazu erklärte Anna Hannah, wie sie hier mit ihrer Blindheit zurecht kam. „Wir wollen weiter“, mahnte Adina irgendwann. Schweren Herzens folgten die beiden Mädchen den Anderen und lauschten, was diese über das Geschenke verteilen zu erzählen wussten. Sie erfuhren, dass nicht nur die Menschenkinder, sondern auch die Tierkinder Geschenke erhielten. Außerdem fanden sie heraus, dass manche Engel als Menschen verkleidet in der Menschenwelt Einkäufe machten. Adina verriet ihnen auch noch, dass die Eltern mit dem Weihnachtsmann gemeinsame Sache machten. Die Eltern verrieten den Helfern des Weihnachtsmannes, was sich ihre Kinder wünschten und der Weihnachtsmann oder das Christkind besorgten sie und brachten sie den Kindern. „Du hast gerade das Christkind erwähnt. Ich glaube, die Kinder möchten es gern kennen lernen“, erwähnte Lena. Sie hatte ein Gespür dafür entwickelt, was genau diese Kinder zu interressieren schien. Zustimmend nickten alle mit den Köpfen. „Also auf zum Christkind“, sagte Yassemin. Einen Augenblick später standen alle vor einem großen Engel. Mit warm blickenden, braunen Augen sah er die Kinder, den Engel, das Rehkitz und Rudolf an. „Hallo. Bist du das Cristkind?“, meldete sich Andre zu Wort. „Ja, das bin ich“, antwortete das Christkind mit seiner hohen, hellen Stimme. „Du hast es gut. Du musst wahrscheinlich nur einen Sack Geschenke nehmen, ihn dir umbinden und losfliegen“, mutmaßte Hannah. „Ungefähr“, bestätigte das Christkind. „Es war nett mit dir zu plaudern, aber wir müssen langsam wieder nach Hause“, unterbrach Hannah die Unterhaltung. „Wenn ihr noch was wissen wollt, schreibt uns einfach“, schlug das Christkind vor. „OK und auf Wiedersehen!“, riefen alle, ehe sie zum Weihnachtsmannältesten zurückkehrten. „Habt ihr alles gesehen?, erkundigte sich dieser bei den Besuchern. „Ja, haben wir“, erwiderte Tim begeistert. „Wir würden jetzt gern wieder nach Hause zurückgehen, aber da gibt’s ein kleines Problem“, begann Hannah. „Welches Problem denn?“, hakte der Weihnachtsmann nach. „Wir wissen nicht, wie wir dorthin gelangen sollen“, vervollständigte Hannah. „Wenn das das einzige Problem ist, weiß ich, wie ihr es lösen könnt. Wir binden einfach euren Schlitten an meinen Rentierschlitten und fliegen euch bis in die Nähe eures Hauses. Einverstanden?“, schlug der Weihnachtsmann vor. „Einverstanden“, erwiderten die Anderen. Gemeinsam wurden alle Sachen auf dem Schlitten der Kinder festgeschnürt. Anschließend holte der Weihnachtsmann seinen größten Rentierschlitten und spannte seine Rentiere ein. Natürlich war auch Rudolf unter den Zugtieren. Nun war es so weit. Aber bevor die Kinder auf den Schlitten kletterten, verabschiedeten sie sich von Adina, Anna, Yassemin und Miriam. „Können wir starten?“, fragte Rudolf, als die Kinder auf denSchlitten geklettert waren. „Noch nicht. Unser Schlitten ist noch nicht mit eurem verbunden“, stellte Jana fest. Hastig verbanden die vier Kinder, von denen sich die Gäste der Weihnachtslichtung bereits verabschiedet hatten, beide Schlitten miteinander. „Auf geht’s in Richtung Heimat“, riefen alle ausgelassen.

Endstation Heimat

Einige Sekunden später befanden sich alle in der Luft. Sie flogen noch einmal über die Lichtung, ehe sie sich in Richtung zu Hause bewegten. Während ihres Rundflugs über die Lichtung, winkten ihnen alle nach, die sie kennen gelernt hatten. Doch auf einmal war die Lichtung verschwunden. Sie befanden sich nun wieder in dem Wald, in welchem ihr Abenteuer begonnen hatte. Hier bekamen sie auch tüchtig den Schneesturm zu spüren, welcher immer noch wütete. „Ich dachte, der Sturm wäre schon weg“, flüsterte Svenja ihren Geschwistern zu. „Zum Glück kommen wir noch rechtzeitig zur Bescherung“, murmelte Julian seiner Schwester zu. Svenja nickte. In diesem Punkt waren sich die Nesthäkchen mal wieder einig. „Bald verlassen wir den Wald“, verkündete der Weihnachtsmann. Kurz darauf lichtete sich der Wald und die Kinder überflogen den Bauernhof am anderen Ende ihres Dorfes. Lena warf dem Bauern ein paar Lebkuchen hinunter, die sie heimlich in einen Sack gesteckt hatte. „Schließlich hab‘ ich’s dem Bauern zu verdanken, dass ich jetzt hier bin“, dachte sie dabei. „Wir setzen zur Landung an“, hörten die Kinder die Rentiere rufen. Mit einem samften Ruck setzte der Schlitten auf dem verschneiten Boden auf. „Ich sehe unser Haus. Aber der Schhnee liegt hier so hoch. Wir müssen uns durchkämpfen“, berichtete Annika. „Auf Wiedersehen Weihnachtsmann“, riefen die Kinder und stapften los. Im Gehen verabschiedeten sie sich auch von Rudolf und sprachen ihm ihren Dank aus. Nach einer halben Ewigkeit – so kam es den Kindern zumindest vor, erreichten sie endlich ihr Zuhause.

Bescherung, Wiedersehen und Geschichten

Bei den Kinderzu Hause. Die Eltern der Kinder machten sich Sorgen über den Verbleib ihrer Kinder. Jessica fragte immer wieder: „Where is Hannah?“ „Hannah is my Tochter”, antwortete Hannahs Mutter. Aber dies wusste Jessica bereits. Das Mädchen hatte danaach gefragt, wo Hannah war. Doch die Mutter hatte „where“ (Wo) mit dem deutschen Wort „Wer“ verwechselt. Jessica lief durch die Wohnung und rief nach ihrer Brieffreundin. Endlich verstand Hannahs Mutter, was sie wissen wollte. „No Ahnung“, sagte sie. Plötzlich klingelte es. „It rings“, stellte Jessica fest. „May that’s Hannah“, fügte die Engländerin hinzu. „May“, wiederholte die Mutter und ging zur Tür. Jessica folgte ihr. Sie hoffte, dass Hannah und ihre Geschwister nun endlich wieder da waren. Es war schwierig gewesen, sich in ihrer Abwesenheit mit der Mutter zu verständigen. „Wenigstens bin ich nicht verhungert“, dachte sie. Währenddessen öffnete Hannahs Mutter die Tür. Ihr bot sich ein seltsamer Anblick: Vor der Tür standen ihre Kinder. Sie waren von oben bis unten mit Schnee bedeckt. Außerdem war ein Rehkitz, ein Engel und ein fremder Junge bei ihnen. Ihre Mutter hielt nach dem Schlitten Ausschau. Als sie ihn entdeckt hatte, blieb ihr der Mund offen stehen. Neben dem Obst und Gemüse lagen dort noch seltsame Äste mit Weihnachtsgebäck. „Kommt rein und erzählt mir, wo ihr gesteckt habt“, presste sie mühevoll hervor. Es gelang ihr nicht ihrer Stimme einen strengen Klang zu verleihen. Stattdessen klang ihre Stimme matt und kraftlos. „Hannah? Are you here? Wat’s happened this evening?“, fragte Jessica. „Yes, I’m here”, antwortete ihr Hannah und schritt auf sie zu. Bevor sie ihr auf Englisch alles erklärte, sagte sie: „Jessica hat mich gefragt, ob ich da wäre und was heute passiert ist.“ Da Hannah nur Englisch redete, verstand die Mutter und ihr Vater, der gerade zu ihnen gestoßen war, nur Bahnhof. Annika entschloss sich dazu, ihren Eltern alles zu erklären. „Wir waren beim Bauern und haben Obst und Gemüse geholt. Dann sind wir noch mal in den Wald gegangen, um spazieren zu gehen. Im Wald legte dann der Schneesturm los und wir verirrten uns. Irgendwann sind wir auf die Weihnachtslichtung gelangt. Dort…“, begann sie. Gemeinsam erzählten die Kinder nun die ganze Geschichte. Als sie geendet hatten, war auch Hannah mit ihren Ausführungen fertig. Deshalb sagte sie: „Der Engel heißt Lena und der Junge heißt Yannick. Und das Reh hab‘ ich Bambi getauft.“ Jana hatte Jessica Hannahs Worte übersetzt. Nun fragte sie für das englische Mädchen: „Jessica fragt, ob sie Bambi mal anfassen darf?“ Statt ihr zu antworten holte Hannah das Reh herein und stellte es vor die tastenden Finger der blinden Engländerin. „This is Bambi“, sagte sie dazu. „She is soft“, stellte das Mädchen fest, nachdem sie das Tier angefasst hatte
(Sie ist weich) “Da habt ihr euch aber eine tolle Geschichte einfallen lassen“, meinte die Mutter. Sie schien ihnen nicht recht zu glauben. Deshalb holten sie ihre Beweise und ließen Lena durch die Wohnung fliegen. Yannick beschrieb den Eltern und Jessica, für die dies natürlich übersetzt wurde, wie man Schnee und andere Wetterphänomene erzeugt. Endlich glaubten ihnen alle ihre Geschichten und schwiegen erstaunt. „Wir wollen Bescherung, wir wollen Bescherung“, sprachen Svenja und Julian im Chor. „Genau“, pflichteten ihnen die Anderen bei. „OK. Alles ist bereit für die Bescherung“, verkündete die Mutter. „Auf zur Bescherung!“, brüllten alle, sogar Jessica. Bei ihr klang es aber eher wie „Ouf surr Beserung“.

Wenige Augenblicke später betraten alle das Wohnzimmer. In der Mitte des Raumes stand ein prächtiger Weihnachtsbaum. Er war zwar nicht so schön wie der auf der Lichtung, aber dafür lagen jede Menge Geschenke darunter. „Jessica, her eis a present for you“, erklärte Hannah, während sie Jessica ein Paket gab. „Das ich ein Geschenk kriege, hätte ich nie gedacht“, dachte sie glücklich. Freudig riss sie das Geschenkpapier ab und hielt einen Karton in der Hand. Vorsichtig öffnete sie den Karton und ertastete einige Kassetten und ein Braillebuch. „What’s this?“, fragte sie neugierig. „That’s a German learn programme“, sagte Jana. „Thank you“, bedankte sie sich bei ihrer Besuchsfamilie und strahlte. Die Anderen erhielten Bücher, Spielzeug, Süßigkeiten und so mancherlei Anderes. Ganz zum Schluss blieb nur noch ein einziger, riesiger Karton übrig. „Dieser Karton ist für dich, Hannah“, wandte sich ihre Mutter an ihre älteste Tochter. „Aber ich hab‘ doch schon einen DAISY-Player, ein paar Bücher, Hörspiele und Hörbücher und Hörfilme gekriegt. Außerdem habt ihr mir ja vor zwei Wochen eine sprechende Hightech-Uhr vorträglich zu Weihnachten geschenkt“, wunderte sich Hannah. „Möchtest du dein Geschenk denn nicht?“, erkundigte sich ihre Mutter. „Jessica würde es auch gerne nehmen“, fügte ihr Vater hinzu. „Doch, doch“, sagte Hannah rasch. Sie wollte sich gerade auf den Karton stürzen, als sie merkwürdige Geräusche vernahm. Als sie dann im Begriff war den Karton zu öffnen, nahm sie auch noch Bewegungen wahr. „Das muss aber ein komisches Geschenk sein, dass Geräusche macht und sich bewegt“, dachte Hannah bei sich. Mutig öffnete sie den Karton. Ein weißer Border Collie sprang heraus und schleckte ihr das Gesicht ab. „Ein Hund!“, rief Hannah erfreut aus. „Fühl mal weiter“, forderte sie ihr Vater auf. Vorsichtig glitt ihre Hand in denKarton. Sie fand ein Buch, dessen Titel lautete: „Wie arbeitet man am besten mit Blindenhunden? Was muss man über Hunde wissen?“. Außerdem fand sie Hundezubehör und ein auf sie zugeschnittenes Führgeschirr. „Ein Blindenhund! Vielen, vielen Dank!“, jubelte sie und vollführte einen Freudentanz, der von Sammi, so hatte sie den Hund bereits getauft, mittanzte. „Im neuen Jahr kommt jemand vorbei und hilft dir dabei, ihn richtig zu handhaben“, erklärte ihre Mutter. Während der gesamten Weihnachtsfeirtage verbrachten alle eine wunderbare Zeit mit Bambi, Sammi, Lena und Yannick. Sie spielten mit ihren Geschenken und genossen die verbleibenden Tage mit Jessica.

Ungefähr ein Jahr später

Mittlerweile hatte Hannah gelernt, mit Sammi umzugehen. Die Beiden waren ein unzertrennliches Team geworden und folgten einander überall hin. Lenas Flügel waren verschwunden und tauchten nur manchmal auf. Yannick und Lena gingen mit den Kindern in die Schule und nahmen am ganz normalen Leben der Menschen teil. Bambi war zu einem ausgewachsenen Reh geworden. Julian und Svenja hatten ihr ein Geweih gemacht und ritten mit Hannahs Führung oft auf ihr. Sie hätten die Begebenheiten von vor einem Jahr fast vergessen, wenn Yannick und Lena nicht gewesen wären. Die Kinder waren gerade dabei, Julian auf Bambi spazieren zu führen, als Jana plötzlich ausrief: „Seht mal dort oben. Da fliegt der Schlitten, mit dem wir vor einem knappen Jahr hierher geflogen hat!“ „Du hast Recht“, stimmten ihr die Anderen zu. Der Schlitten setzte zur Landung an. Joana, Frau Holle, Frau Engels, Domminnick, Lisa, das Christkind, der Nikolaus, Adina, Yassemin, Anna, Miriam, Inês und Bruna sowie der Weihnachtsmann stiegen aus. Annika erblickte auch Laurenz, der auf Rudolfs Rücken saß. „Hallo Kinder. Wir wollten euch doch besuchen“, sagte Rudolf. „Ah. Das freut uns sehr“, erwiderte Hannah. „Das ist übrigens Sammi, mein Blindenhund“, fügte Hannah hinzu. „Mama! Mama! Komm mal schnell! Die Weihnachtslichtler sind da!“, rief Julian. Augenblicklich erschien ihre Mutter auf der Bildfläche. Neugierig musterte sie alle und begann glücklich mit allen ein Gespräch zu führen. Es dauerte lange, bis die Besucher wieder verschwanden. Besuche dieser Art wiederholten sich noch oft, sogar noch, als alle Kinder selbst Kinder hatten. Sie erzählten ihnen dann immer diese Geschichte, die ihr gerade gelesen habt. Ich bin unglaublich gespannt, wie ihr sie weitererzählt.
Ich mache es jedenfalls so:
„Es war früh am Morgen dWie alles anfing

Es war früh am Morgen des vierundzwanzigsten Dezembers. Eine Familie saß zuhause und überlegte das letzte Mal, ob sie alles für die kommenden Weihnachtsfeiertage im Hause hatten. Sie schauten in alle Schränke und Fächer.
Plötzlich rief die Mutter: „Wir haben kein Obst und Gemüse im Haus. Könntet ihr nicht einmal zum Bauern im nächsten Dorf laufen und welches holen gehen? Schließlich haben alle Geschäfte schon zu.“ Mit diesem Satz wandte sie sich an ihre Kinder, die gelangweilt auf dem Sofa saßen und sich im Fernsehen „Pippi Langstrumpf“ ansahen. „Na klar“, sagte eines begeistert und sprang auf. Hastig folgten die anderen und schlüpften in ihre dicken, warmen Wintersachen. Die beiden kleinsten hatten sich zudem auch noch ihre Schlittschuhe geschnappt. „Wir haben keine Zeit zum Schlittschuh fahren“, erklärten ihnen die Größeren. „na und“, entgegneten die Kleinen trotzig. Damit sie den schweren, großen Korb auf dem langen Rückweg nicht tragen mussten, nahmen sie auch noch ihren großen Schlitten mit. Jetzt ging es aber los. Als sie die Tür öffneten, schneite es leicht. „Mama, Mama“, riefen die Kinder. „Es schneit!“ „Das ist aber fein! Da bekommt ihr ja doch noch euer weißes Weihnachtsfest.“ Sofort stürmten sie nach draußen und die Kleineren unter ihnen sprangen munter durch den fallenden Schnee und sangen: „Wir bekommen weiße Weihnachten. Wir bekommen weiße Weihnachten.“
Bald waren sie auf dem Weg in Richtung Bauernhof und freuten sich an der weißen Pracht. „Wenn wir zurückgehen, machen wir einen Umweg durch den Wald“, schlug eines von ihnen vor. „Au ja!“, stimmten die anderen begeistert zu. Nach langer Zeit erreichten sie das Hoftor des Bauernhofs und klingelten.

Der Bauer und das Obst

Kurz darauf hörten sie das Knirschen von Schritten im Schnee. Das Tor ging auf und sie vernahmen die Stimme des Bauern. Dieser sagte mit seiner rauen freundlichen Stimme zu ihnen: „Hallo Kinder! Was macht ihr denn hier bei diesem Wetter? Habt ihr nicht von diesem Schneesturm gehört, der uns in den nächsten Tagen erreichen soll?“ „Nein, die Sache mit dem Schneesturm ist uns neu. Aber wir hätten da eine Bitte an sie“, entgegnete Jana, ein etwa zehnjähriges Mädchen mit glockenheller Stimme. „Was kann ich denn für euch tun?“, erkundigt er interessiert. „Unsere Mutter schickt uns. Sie sagt, wir hätten kein Obst und Gemüse mehr im Haus. Und sie bat uns darum, Sie aufzusuchen. Haben Sie vielleicht einen Korb voll für uns? Das wäre echt nett von Ihnen“, erklärte der achtjährige Tim. „Gebt mir mal euren Korb. Ich werde mal nachschauen, ob ich euch diesen Gefallen tun könnte.“ Der Bauer drehte sich lächelnd um und wandte sich dem Haus zu. „Was machen wir, wenn die Vorräte des Bauern nicht ausreichen?“, fragte die kleine Svenja besorgt nach. „Darüber denken wir erst nach, wenn es soweit ist“, meinte Hannah, ein etwa dreizehnjähriges Mädchen. Doch Hannah drehte ihrer Schwester nicht den Kopf zu und hielt Blickkontakt, sondern starte unentwegt den Schnee an. Für sie war es egal, wohin sie blickte, denn sie war blind. „Hannah hat Recht“, pflichtete ihr Max bei. Doch ehe die Kinder weiter über dieses Problem weitergrübeln konnten, hörten die Kinder schon die Haustür des Bauernhauses, die scheppernd ins Schloss fiel. „Da kommt der Bauer schon. Und seht mal! Unser großer Korb ist prall mit leckerem Obst und Gemüse gefüllt!“, rief Annika, die eine Laterne in ihrer rechten Hand hielt, über welche sie sich einen warmen Wollhandschuh gezogen hatte. „Da bin ich wieder“, sagte der Bauer. „Hier ist euer Obst und Gemüse“, und drückte dem starken Andre den schweren Korb in die Hand. Andre gehörte nicht direkt zur Familie. Er war der Sohn der besten Freundin ihrer Mutter. Die Familie hatte ihn aber dazu eingeladen, die Weihnachtsfeiertage bei ihnen zu verbringen. Diesem Vorschlag hatte er natürlich sofort zugestimmt, denn nichts war schöner für ihn, als bei seinen Freunden und Freundinnen zu sein. „Vielen Dank, Herr Bauer. Jetzt steht unserem Weihnachtsfest nichts mehr im Wege“, riefen die Kinder gleichzeitig. „Na dann. Fröhliche Weihnachten, Kinder! Und geht jetzt gleich nach Haus, damit ihr dem Schneesturm nicht in die Quere kommt.“ „Fröhliche Weihnachten und noch einmal danke für alles“, riefen alle Kinder im Chor und machten sich wieder auf den Weg.

Waldspaziergang mit Folgen

Nun machten die Kinder sich auf in den Wald. Sie hatten sich ja darauf geeinigt, einen Waldspaziergang zu unternehmen. Bald hatten sie den dichten Wald erreicht. Alle Bäume trugen weiße Mützen aus Schnee und die Kinder gerieten
Ins Schwärmen, als sie den Versuch unternahmen, Hannah diese zauberhafte Landschaft zu beschreiben. Es dauerte nicht lange, bis die Kinder völlig im Dickicht des Waldes verschwunden waren. Es wirkte ganz so wie ein ganz normaler Wintertag. Keine Spur von diesem schrecklichen Schneesturm, der eigentlich kommen sollte. Doch dann frischte der Wind ein wenig auf und ließ die Zweige wackeln. Auf einmal verdunkelte sich der Himmel rasend schnell, an dem soeben noch die Wintersonne so schön geschienen hatte. „Kommt jetzt etwa der schreckliche Schneesturm?“, wollte der Kleine Julian wissen. Man hörte deutlich, wie zittrig seine Stimme war. Zittrig vor Angst und Furcht. „Nein, die Sonne ist nur weg“, beruhigte ihn Jana. Aber auch ihr war nicht wohl in ihrer Haut, denn sie musste jetzt auch über die Worte des alten Bauern nachdenken. Und Julian sollte Recht behalten. Nach geraumer Zeit hatte sich der Himmel völlig verdunkelt und dunkle Wolken bedeckten den gesamten Himmel und ein Sturm rüttelte an der Kleidung der Kinder. Aber er rüttelte nicht nur an der Kinderkleidung, sondern auch an den Bäumen. Dadurch flogen bald kleine Zweige durch die Luft, blieben aber dank der Dichte des Waldes meist in den umstehenden Bäumen hängen. Irgendwann kam dann zu allem Überfluss heftigster Schneefall hinzu. Es schneite so stark, dass es den Kindern bald sehr schwer fiel, Himmel und Erde auseinander zu halten, denn egal in welche Richtung sie ihre Blicke schweifen ließen, sie sahen nur das Weiß des Schnees. Vorsichtig machte Jana ein paar Schritte und stieß gegen einen Baum, den sie vor lauter Weiß nicht erspäht hatte. „Was machen wir jetzt? Wo sind wir überhaupt?“, fragten Julian und Svenja ängstlich. „Keine Ahnung“, gaben die Anderen zu. Das war wirklich eine gute Frage. Bei all dem Schnee hatten alle die Orientierung verloren. Selbst Hannah, die den Anderen sonst immer helfen konnte, wenn sie nichts mehr sahen, hielt sich an Annika fest. Sie hatte keine Ahnung, ob unter ihren Füßen gerade eine Wurzel oder der Waldboden war. Das Einzige, was sie nun tun konnten, war, einfach die Nase nach zu gehen. „Irgendwo wird uns der Weg schon hinführen“, dachten sie zuversichtlich. Langsam stieg der Schnee an und bald versanken die Winterstiefel der Kinder vollends im Schnee. „Ich will die Bescherung nicht verpassen“, schluchzte Julian. „Ich auch nicht“, pflichtete ihm Svenja weinend bei. „Es wird schon nicht so weit kommen“, versuchte Hannah sie zu beruhigen. Aber auch Hannah hatte Sorge, zu spät nach Hause zu kommen, denn sie hatte ihre Brieffreundin aus London zu Gast. Das Mädchen war ebenfalls blind und hieß Jessica. Hannah und Jessica verstanden sich blendend Sie würde die gesamten Weihnachtsferien bleiben und brauchte Hannah. In ihrer Familie beherrschten nämlich nur die Kinder die englische Sprache. Außerdem stand ein Blindenhund auf ihrem Wunschzettel und es interessierte sie sehr, ob ihr ihre Eltern einen gekauft hatten. Natürlich wusste das blinde Mädchen genau, dass Blindenhunde sehr, sehr teuer sind, aber ihre Eltern hatten sehr, sehr viel Geld. Nachdem die Kinder mehrere Stunden ziel- und orientierungslos durch den Wald geirrt waren, sah Annika ein kleines Rehkitz im Schnee liegen.

Das kleine Rehkitz

Annika traute ihren Augen nicht. Wo um alles in der Welt kam dieses Rehkitz denn her? Und vor allem um diese Zeit? Wurden Rehkitze nicht im Sommer geboren? Hatte das arme Tier etwa seine Mutter verloren? Konnte sie es wohl mit nach Hause nehmen? All diese Fragen gingen ihr durch den Kopf, als sie sich dem Tierchen näherten. „Guckt mal, da liegt ein Rehkitz im Schnee“, bemerkte Annika gerade so, als ob ein Rehkitz im Winter nichts Besonderes wäre. „Du hast Recht. Wo kommt das denn her?“ wollte Tim wissen. „Keine Ahnung“, antwortete ihm Annika. „Wo ist ein Rehkitz?“, schaltete sich die sehr tierliebe Hannah neugierig ein. Bisher war sie nur mit den anderen mitgegangen und hatte gelangweilt gewirkt, doch plötzlich war sie wieder Feuer und Flamme für alles, was um sie herum geschah. „Ungefähr fünf Meter von uns entfernt“, erläuterte Svenja, die wegen dieser tollen Entdeckung sogar ihre Sorge bezüglich der Bescherung kurzzeitig vergessen hatte. Sie kannte Rehkitze nur von Fotos und war ganz aus dem Häuschen darüber, endlich mal eines live und in Farbe zu sehen. „Können wir es mit nach Hause nehmen oder ist seine Mutter bei ihm?“, wollte Hannah wissen. Alle Beteiligten wussten, dass Hannah alle Tiere liebte. Oft genug war sie mit einem Frosch auf der Hand herbeigeeilt und hatte mit ihm gespielt. „Ich weiß nicht“, sagte Max, der erst vor kurzem mit seiner Klasse einen Vortrag über Tiere im Winter besucht hatte. „Ach komm schon, Max. Wenn wir das Kleine hier liegen lassen, erfriert es sicher noch oder wird lebendig verschlungen“, argumentierte Hannah. Sie war nämlich nicht nur für ihre Tierliebe, sondern auch für ihr gutes Herz berühmt und berüchtigt. „Warum eigentlich nicht“, meinte Annika. „Es sieht nicht danach aus, als ob es eine Mutter hätte.“ „Also gut. Wie ihr meint. Ich werde mich aber nicht um dieses Tier kümmern“, erklärte Max. Langsam und vorsichtig näherten sich die Kinder dem Kitz. Hannah schlug vor, dass sie einen Kreis um das Reh bilden sollten. Die Kinder stimmten sofort zu und bewegten sich auf das Tierchen zu. Sie gaben sich große Mühe, keine Geräusche zu machen, damit das Rehkitz keine Angst bekam. Als die Kinder den Kreis um das Reh geschlossen hatten, meldete sich Hannah erneut zu Wort: „Jetzt werde ich mich an das Reh heranwagen.“ Gesagt getan. Hannah kroch langsam auf allen Vieren an das Findelkind heran. Jana beleuchtete die gesamte Aktion mit ihrer Laterne. Das Fell des Tierchens war hellbraun mit weißen Flecken. Es schaute die Versammelten mit treuen, freundlichen braunen Augen an. Aber es regte sich nicht. „Ist es… Ist es … tot?“, fragte Svenja erschrocken und wollte erneut mit einem Heulkonzert beginnen, wenn Hannah nicht eingegriffen hätte. „Nein Svenja, es lebt. Es ist noch ganz warm, das spüre ich“, sagte sie. „Du hast es angefasst!“, schrie Max entrüstet. „Weißt du denn nicht, dass seine Mutter es jetzt verstoßen wird!“ Max war die Empörung anzusehen. „Klar, wie hätte ich denn sonst herausfinden sollen, ob es lebt? Ich habe einfach festgestellt, dass das Kitz warm ist und daraus geschlossen, dass es lebt.“ „Jetzt musst du dich um dieses Tier kümmern und nur weil du es angefasst hast! Die Mutter will es jetzt nicht mehr haben, da ihr Kind nach Mensch riecht“, erklärte Max. „Was denkst du, was ich vorhatte!“, brüllte Hannah zurück. „jetzt hört auf zu streiten“, griff endlich Jana ein. Sie mochte es überhaupt nicht, wen sich jemand in ihrer Anwesenheit stritt. Und außerdem fand sie, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für Streitereien war, denn mittlerweile steckten sie schon bis zum Knie im tiefen, kalten Schnee. Es dauerte nicht lange, bis Max und Hannah wieder versöhnt waren. Trotzdem bestand Max darauf, dass Hannah das Reh tragen sollte, da sie es ja angefasst hatte. Hannah gab ihrerseits zu, dass sie sich ohnehin dazu bereit erklärt hätte, den Tragedienst zu übernehmen. Nur kurze Zeit später lag das niedliche Rehkitz in ihren Armen. „Seht nur, wie zutraulich es sich bei mir einkuschelt und den Kopf an meiner Wange reibt“, sprach Hannah glücklich. Sie konnte es selbst kaum fassen, dass sie ein Reh auf dem Arm hielt und war total glücklich. Liebevoll strich sie ihm über das weiche Fell und drückte es behutsam an sich.
„Oh ja! Das ist total niedlich“, sagte Svenja. „Kommt jetzt. Wir müssen weiter, ehe wir noch vollkommen im Schnee versunken sind“, ermahnte Max. Wegen der Sache mit dem Rehkitz hatten die Kinder schon fast den Schneesturm vergessen, der immer noch erbarmungslos durch den Wald tobte. Unterwegs kam Max erneut auf das Kitz zu sprechen: „Das ist ziemlich komisch, dass wir gerade jetzt im Dezember ein mutterloses Rehkitz gefunden haben. Denn diese werden normalerweise schon im Mai oder Juni geboren.“ „Wie viele Monate dauert es denn, bis ein Rehkitz geboren wird?“, fragte Julian interessiert. „Also“, begann Max. „Die Schwangerschaft dauert zehn Monate. Die Schwangerschaft ist die Zeit, während das Lebewesen im Mutterleib gebildet wird. Zwar sollte die Schwangerschaft des Rehs aufgrund seiner Größe nur fünf Monate dauern, aber die befruchtete Eizelle macht eine fünfmonatige Pause, ehe sie mit der Entwicklung beginnt.“ „Ach so, jetzt weiß ich bescheid“, meinte Julian zufrieden. Es begann zu dämmern und Julian und Svenja beschlich erneut die Angst, dass sie nicht rechtzeitig zur Bescherung zu Hause sein würden. Auch Hannah machte sich Sorgen wegen Jessica. Würde sie sich verständlich machen können? Irgendwann hing ein jeder seinen eigenen Gedanken nach.

Der Schlittenunfall

Auf einmal wurden alle aus ihren Gedanken geschreckt. Der große Holzschlitten war irgendwo hängen geblieben und wollte nicht weiter. „Was ist los!? Warum fährt dieser dumme Schlitten nicht weiter?“, schimpfte Max, der wie wild am Zugseil des Schlittens riss. „Wahrscheinlich bist du irgendwo stecken geblieben“, vermutete Jana. „Und was machen wir jetzt“, nörgelte Max. „Wir ziehen einfach alle zusammen“, schlug Svenja vor. „Gute Idee! Aber ich kann nicht mit anfassen, da ich ja Bambi halten muss“, äußerte sich Hannah. „Wer ist denn Bambi? Und außerdem: Du willst dich nur drücken“, meinte Tim. „Bambi ist unser Findeltier“, antwortete Hannah. Hannah hatte sich diesen Namen ausgedacht, weil sie das Rehkitz an den Bambi-Film von Walt Disney erinnerte. Die Kinder machten es so, wie Svenja gesagt hatte. Gemeinsam packten sie das Seil und zogen mit Leibeskräften. „Hau ruck, hau ruck!“, riefen sie dabei. Plötzlich gab es einen gewaltigen Ruck und der Schlitten war wieder frei. „Juchhu….“, machten die Kinder. Doch dann blieb ihnen das Jubeln im Halse stecken. Der gewaltige Korb war in den Schnee gefallen und alles lag auf dem Boden. „Beeilt euch! Wir müssen alles einsammeln, bevor es im Schnee verschwunden ist!“, kommandierte Svenja. „Die soll sich nicht so groß vorkommen“, flüsterte Jana Tim zu. „Du hast Recht“, flüsterte Tim zurück. „Ich habe gehört, was ihr gesagt habt. Ich bin nicht mehr klein. Schließlich bin ich schon fünf Jahre alt und komme nächstes Jahr in die Schule. Dann kann ich genauso lesen und schreiben wie ihr. Und dann brauche ich nur noch drei Jahre, bis ich so alt bin wie Tim“, triumphierte Svenja. „Hört euch nur unsere kleine Svenja an. Die kann ja schon rechnen“, spottete Tim. „Halt den Mund, Tim“, stieß Svenja beleidigt hervor. „Jetzt hört aber auf!“, ging Hannah energisch dazwischen. Schließlich war sie die Älteste und hatte das Sagen, obwohl sie blind war. Alle begannen schweigend die verlorenen Lebensmittel einzusammeln und wieder in den Korb zu verfrachten. „Endlich geschafft“, keuchte Max. „Damit der Korb nicht erneut herunterfallen kann, läuft Tim hinter dem Schlitten her und hält den Korb fest“, bestimmte Hannah. Tim wagte es nicht, ihr zu widersprechen, denn sie war eben älter als er. Aber er zog eine Schnute, was Hannah glücklicherweise nicht sehen konnte. Widerstandslos trat er hinter den Schlitten und packte am Korb an. „Weiter geht’s“, trällerte Jana und der Trupp mit Jana und ihrer Laterne an der Spitze setzte sich in Bewegung. Diesem Zwischenfall folgten in der nächsten Stunde keine mehr. Nur Svenja quengelte herum, weil sie nasse Füße bekam. „Hättest dir wohl besser deine Schneestiefel angezogen“, meinte Hannah. Svenja schwieg, denn ihr war klar, dass Hannah im Recht war. Immer wieder mussten die Kinder die Verglasung von Janas Laterne vom Schnee befreien, damit sie überhaupt etwas Licht hatten. Doch auf einmal entdeckte Jana etwas total Merkwürdiges. „Seht ihr auch so ein kleines Licht, dass aus dem Wald zu uns her leuchtet?“, meldete Jana ihre Entdeckung. „Das einzige Licht, das ich sehe, ist das von Janas Laterne“, höhnte Max. „Das ist kein Scherz. Da ist wirklich ein Licht. Wir laufen direkt darauf zu“, verteidigte sich Jana. „Ich sehe jedenfalls kein Licht“, sagte Hannah. Alle mussten lachen. Die Gruppe ging weiter. Bald hatten alle das seltsame Licht wieder vergessen, bis Jana auf einmal rief: “Da ist es wieder!“ „Was ist wieder da?“, wollte Julian wissen. „Na das Licht natürlich. Hast du das etwa schon wieder vergessen“, antwortete ihm Jana aufgeregt. „Du hast Recht. Jetzt sehe ich es auch“, meinte Max. „Ich auch, ich auch!“, riefen die Anderen aufgeregt. „Was mag das nur für ein Licht sein. Dieses kommt jedenfalls nicht von der Stadt“, stellte Andre fest. Andre war eher still und sprach nur dann, wenn er der Meinung war, dass es nötig oder wichtig war. „Richtig, das Leuchten kommt aus dem Wald. Lasst uns dem Licht nachgehen. Vielleicht ist da, wo das Licht herkommt, ja ein schöner Platz zum Aufwärmen“, schlug Hannah vor, der Svenja gerade die Richtung des Leuchtens beschrieben hatte. Natürlich willigten die Anderen begeistert ein. Sie alle waren neugierig, was es mit diesem mysteriösen Licht auf sich hatte. So schnell es ihnen bei diesen Wetterverhältnissen und dem beinahe meterhohen Schnee möglich war, folgten sie Janas Laterne. Diese bewegte sich schnurstracks auf das Licht zu. Keiner hatte eine Idee, wohin sie das Licht führen würde, ob ins Paradies oder in eine Falle, alles war möglich.

Das seltsame Licht

„Hoffentlich ist das keine Falle. Ich habe einmal ein Buch gelesen, indem Kinder mittels eines Lichtes in der Dunkelheit in eine Falle gelockt wurden“, meinte Tim. „Bestimmt nicht. Dieses Licht sieht so nach einem schönen, gemütlichen Ort aus“, beteuerte Jana. “Aber wenn das doch eine Falle ist“, erwiderte Julian mit zittriger Stimme. „Dann haben wir eben Pech“, meinte Annika. „Vielleicht ist das ja auch die Kerze im Lebkuchenhaus der bösen Hexe aus „Hänsel und Gretel“, spekulierte Svenja. „Da sieht man deutlich, dass Vorlesen Kindern schaden kann. Svenja wurden einfach zu viele Märchen vorgelesen“, stellte Andre fest. Schweigend gingen die Kinder weiter. Irgendwann stellte Jana fest, dass sie sich nur noch ungefähr einen Kilometer vom Licht entfernt befanden. „Wir sind nicht mehr weit vom Licht entfernt, vielleicht noch einen oder zwei Kilometer oder so“, teilte sich Jana ihren Geschwistern mit. „Jetzt geraten wir in die Falle oder ins Haus einer bösen Hexe“, vermuteten Julian und Svenja. „Oder im Paradies“, ergänzte Hannah. „Vielleicht ist es ja nur Rudolf mit seiner roten Nase“, meinte Tim, der gerne Geschichten las und über eine gewaltige Fantasie verfügte. „Nein Tim, das ist nicht Rudolf. Dieses sonderbare Licht ist nicht rot, sondern bunt. Deine Fantasie geht wahrscheinlich mal wieder mit dir durch“, stellte Max fest. Sie gingen weiter. Nach einigen Minuten waren sie nur noch fünfzig Meter von der Lichtquelle entfernt. Allerdings machte der Schnee den Kindern das Vorankommen schwer. Endlich trennte die Kinder nur noch eine Baumgruppe von dieser eigenartigen Lichtquelle. Neugierig umrundeten sie die Baumgruppe und was sie dahinter sahen, verschlug ihnen die Sprache.

Die Weihnachtslichtung

„Hier ist es aber schön“, staunte Jana. „Was siehst du denn?“, erkundigte sich Hannah, die das wunderbare Bild, das sich ihnen bot, natürlich nicht sehen konnte. „Oh, entschuldige Hannah. Ich habe bei all dieser Schönheit glatt vergessen, dir die Landschaft zu beschreiben. Soll ich es jetzt nachholen?“, entschuldigte sich Jana. „Gerne. Das du meine Blindheit vergessen hast, ist nicht so schlimm. Jetzt beschreib mir aber mal, was du denn da so Schönes siehst“, antwortete Hannah fröhlich. „Also“, begann Jana ihre Beschreibung. „Wir befinden uns auf einer verschneiten Lichtung inmitten des Waldes. Ringsherum stehen verschneite Bäume und Sträucher. Genau in der Mitte der Lichtung steht ein gigantischer Weihnachtsbaum, an dem echte Kerzen, rote Kugeln, Lametta, versilberte Nüsse und goldfarbene Äpfel zu sehen sind. Auf manchen Zweigen sitzen sogar Vögel, die etwas Schnee auf dem Rücken haben. Überall auf dem Platz sitzen Engel, Wichtel, Weihnachtsmänner und all solche Wesen herum. Manche Engel spielen ein Instrument, andere singen Weihnachtslieder und wieder andere backen Plätzchen. Ein Weihnachtsmann ist gerade dabei, Rentiere vor einen Schlitten zu spannen und einer seiner Helfer belädt ihn mit Geschenken für die Kinder, also auch für uns.“ „Jetzt geht aber die Fantasie mit dir durch“, stellte Hannah stirnrunzelnd fest. Sie konnte einfach nicht glauben, dass das, was ihr ihre kleine Schwester beschrieben hatte. „Nein. Deine Schwester hat dir alles richtig beschrieben, Hannah“, sprach eine dunkle Stimme. „Wer sind Sie? Woher kennen Sie meinen Namen? Was wollen Sie von uns?“, fragte Hannah ängstlich. „Ich bin Rudolf, eines der Rentiere des Weihnachtsmannes. Und alle Gehilfen des Weihnachtsmannes wissen, wer ihr seid, woher ihr stammt und warum ihr hier seid. Was ich von euch will, wolltest du wissen. Ich möchte euch die Welt des Weihnachtsmannes zeigen. Ihr müsst wissen, dass ihr die ersten Kinder seid, die auf diese Lichtung geraten sind“, erklärte Rudolf sachlich. „Ich wusste ja noch gar nicht, dass du sprechen kannst, Rudolf“, sagte Hannah mutig und erstaunt zugleich. „Dann weißt du es ja jetzt“, erwiderte Rudolf mit seiner dunklen, freundlichen Stimme. „Dann kommt mal mit auf eine Führung durch die fantastische Welt des Weihnachtsmannes“, lud sie Rudolf ein. „Entschuldige Rudolf. Ich habe ein Rehkitz auf dem Arm und dieses hat Hunger. Könnten wir vielleicht etwas Milch für das arme Tier bekommen?“, bat Hannah. „Natürlich. Ich bin gleich wieder mit einer Milchflasche zurück“, sagte Rudolf und verschwand inmitten des Getümmels auf dieser sonderbaren Weihnachtslichtung. „Habt ihr schon das Schild dort drüben bemerkt?“, wollte Max von den anderen wissen.
„Nein, aber was steht denn auf dem Schild?“, wollten die Anderen wissen. Sie sprachen es wie aus einem Munde. „Auf dem Schild steht: „Willkommen auf der Weihnachtslichtung. Hier ist der Hauptsitz des Weihnachtsmannes. Schauen Sie sich nur um und genießen die fantastischen Momente, die sie hier erleben. Aber bitte setzen Sie keinen Artikel in die Zeitung oder wie das heißt, denn wir wollen nicht zu viele Zuschauer. Natürlich haben wir nichts dagegen, wenn Sie ihren Familien von diesem Ort erzählen, solange sie den genauen Standpunkt verschweigen. Vielen Dank für ihr Verständnis.
Ihre Bewohner der Weihnachtslichtung““, las Max vor. Kaum hatte er zu Ende gelesen, da war Rudolf schon wieder zurück. Auf seinem Geweih lag eine Flasche, in der sich noch warme Milch befand. Vorsichtig stellte Hannah das Kleine Tier auf den Boden und hielt ihm den Sauger entgegen. Es dauerte nicht lange, bis das Kleine den Sauger im Mäulchen hatte und heftig daran saugte. Es hörte erst auf, als sich in der Flasche kein einziger Tropfen mehr befand. „Die Milch scheint ihm geschmeckt zu haben“, stellten alle zufrieden fest. „Lasst das Kitz ruhig auf der Lichtung herumlaufen. Dann ist es dir keine Last und du kannst alles anfassen, Hannah“, schlug das rotnasige Rentier vor. „Das ist eine gute Idee!“, willigte Hannah begeistert ein. „Also kommt. Die Führung beginnt!“, rief das Rentier vergnügt. Nun machten sie sich auf, die Weihnachtslichtung zu erkunden.

Rudolfs Familie

Rudolf führte die Kinder direkt auf eine Herde Rentiere zu. „Das sind meine Geschwister, meine Eltern und meine Freunde und Kollegen“, sagte Rudolf. „und das sind Kinder, die es wegen des Schneesturms zu uns verschlagen hat“, wandte sich Rudolf an seine Familie. „Herzlich Willkommen bei uns“, begrüßten die Rentiere die Kinder im Chor. „Was macht ihr Rentiere heutzutage denn? Ich vermute, dass die meisten Rentierschlitten von Autos abgelöst wurden“, wollte Andre wissen. „Autos, was ist das denn?“, fragten die Rentiere verwundert. „Autos sind von Motoren betriebene Fahrzeuge, die eine möglichst schnelle Fortbewegung ermöglichen“, erklärte Hannah. „Ach so. Bei uns ist nämlich noch nie so ein Ding vorbei gekommen. Wir bleiben bei der Methode mit dem Schlitten. Das ist viel sicherer. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn der Motor des Autos einmal kaputt ist. Dann würdet ihr ja keine Geschenke bekommen und das wäre ja schrecklich, oder?“, meinte die Rentiermutter. „Das stimmt“, sagten alle Kinder im Chor. „Entschuldigt, aber wir müssen jetzt weiter. Ich muss den Kindern ja noch so viel zeigen“, unterbrach Rudolf die Unterhaltung. Alle hatten sich mittlerweile daran gewöhnt, dass hier auch die Tiere sprechen konnten. „Es war schön, Sie kennen zu lernen. Schöne Weihnachten und viel Glück beim Schlittenfliegen“, sagten alle Kinder zu den Rentieren und gingen weiter.

die fleißigsten Weihnachtslichtler

Wenige Minuten später erreichten sie die vielen Engel, die sehr vielfältigen Tätigkeiten nachgingen. Sie buken Kekse, spielten Instrumente, sangen Weihnachtslieder im Chor oder schwebten tanzend durch die Luft. „Hier befinden wir uns auf der Engelswiese.“, erzählte Rudolf seinen jungen Zuhörern. „Wie groß ist denn diese Wiese?“, erkundigte sich Hannah gespannt. „Sie ist ungefähr 250 mal 250 Hektar groß“, beantwortete Rudolf ihre Frage. „Das ist aber echt riesengroß“, bemerkte Hannah fasziniert und erstaunt. „Ich werde euch nun unsere fleißigen Engelchen der Reihe nach vorstellen“, berichtete Rudolf.

Er führte sie auf ein Baumzelt zu. Ein Baumzelt ist eine Baumgruppe in Form eines gigantischen Parkplatzes. Bei dieser Baumgruppe bilden alle Zweige ein dichtes, schützendes Dach. An einen Baum war ein Schild befestigt, welches verkündete, dass sich hier „die Engelischen Beckerfreunde“ befanden. Als sie das Zelt betraten, erblickten sie viele emsige Engelchen, die Teig machten, ihn in Form brachten, Teig verzierten oder ihn auf Blechstücken über einem kolossalen Lagerfeuer buken. „Warum habt ihr noch keinen Herd und backt Kekse wie im Mittelalter? Mittlerweile gibt’s schon Mixer und Co. und was macht ihr? Ihr benutzt Löffel und Schneebesen aus Holz. Warum lebt ihr nicht modern?“, plapperte Jana los. „Mit welcher Frage sollen wir denn anfangen. Oder eher: Wer seid ihr und warum seid ihr überhaupt hier?!“, antwortete die 16-jährige Joana mit einer sanften, dünnen und piepsigen Stimme. „Also“, begann Hannah ruhig, „wir sind Kinder aus dem nächsten Dorf. Wir gerieten in diesen schrecklichen Schneesturm, der außerhalb dieser Waldlichtung herrscht, sahen das Licht von hier und folgten ihm. Deshalb sind wir hier. Übrigens, ich bin Hannah und das sind meine Geschwister Svenja, Jana, Annika, Julian, Max, Tim und unser Freund Andre.“ „Ach so. Und wer hat euch erlaubt, unsere Backstube zu sehen?“, entgegnete Joana. „Das war ich“, mischte sich Rudolf in das Gespräch ein. „Warum hast du das getan, Rudolf?“, fragte der Engel vorwurfsvoll. „Vielleicht ist dir entgangen, dass dies die allerersten Kinder sind, die unsere Lichtung betreten haben“, erklärte das Rentier freundlich. „Na, wenn das so ist, habe ich nichts gegen eure Anwesenheit. Ihr hattet doch ein paar Fragen, oder?“, griff Joana die Fragen zu Anfang wieder auf. „Ja, das stimmt“, riefen alle Kinder gemeinsam. „Dann will ich sie euch nun beantworten. Wir wissen zwar, dass es Mixer und Co gibt, aber sie sind zu teuer und wir haben auch keinen Strom oder wie ihr das nennt. Außerdem ist unsere Methode umweltfreundlicher, da wir keine Energie verschwenden“, erklärte sie und lächelte den Kindern zu. Diese erwiderten das Lächeln. „Dürfen wir einen Keks probieren?“, fragte Julian, der für sein Leben gern naschte. „Natürlich, aber jeder nur einen, denn die anderen Kinder wollen auch noch was abhaben“, meinte die Gefragte. Mit Neugier und Appetit griffen sich alle Kinder einen Keks, der sogar noch heiß war. Genussvolles Knuspern verriet Joana, dass es ihnen schmeckte. Trotzdem fragte sie: „Schmeckt es euch?“ „Ja, die Kekse sind echt lecker. Wir können sie nur weiter empfehlen“, sprach Hannah im Namen aller. Diese bestätigten ihre Zustimmung, indem sie heftig mit dem Kopf nickten. „Das freut mich. Geht jetzt aber besser mal weiter, damit ihr noch heute zu Haus ankommt“, empfahl Joana den Besuchern. „Machen wir und vielen Dank für alles“, riefen alle im Gehen. Rudolf führte sie weiter zu einer Ansammlung von Baumzelten und sagte: „Hier befinden wir uns im Musikrundel. Hier wird gesungen und ein Instrument gespielt. In dem dritten Zelt von links gibt’s auch eine Musikschule. Diese wird von Frau Engels geleitet. Gerade ist dort Musikunterricht. Wollt ihr mal kurz vorbeischauen?“ „Au ja!!“, johlten die Kinder begeistert. Also machten sie sich auf, um den engelischen Musikunterricht kennenzulernen.

Als sie vor dem Zelt standen, vernahmen sie schöne, klare Engelstimmen und diverse Musikinstrumente. „Das klingt aber herrlich“, stellte Hannah fest. Vorsichtig und völlig lautlos betraten alle das Musikzelt. Vor einem hohen Holztisch saß ein ungefähr 30-jähriger Engel und beobachte seine Schüler von einem hohen, thronartigen Stuhl aus. Vor diesem Tisch standen und saßen viele Kinder in einem Halbkreis. Die Sänger und Sängerinnen hielten dicke, in Samt und Leder gebundene Gesangbücher in den Händen, aus welchen sie ihren Text ablasen. Die Musiker und Musikerinnen hielten Harfen, Gitarren oder Blasinstrumente in den Armen und starten auf Notenblätter, welche auf Holzplatten befestigt waren. Ein paar der Musiker benutzten auch Trommeln, um den Liedern den passenden Rhythmus zu verpassen. In den Ecken standen riesige Kerzenständer, die ein gemütliches, angenehmes Licht verstrahlten. Im hintersten Winkel stand ein Kamin, der leise knackend seine wohltuende Wärme verströmte. Rudolf räusperte sich leise und trat auf Frau Engels zu. Diese blickte ihm sehr verwirrt an und wandte sich an ihre Schüler: „Übt bitte als Nächstes ,Stille Nacht, heilige Nacht’,, Hallelulia’ und, Oh du fröhliche’, während ich mich mit den Kindern und Rudolf unterhalte.“ „Ihre Stimme ist wirklich entzückend“, dachte Jana, „so eine hätte ich auch gern.“ „Hallo Kinder. Wie seid ihr denn zu uns gekommen und wie gefällt es euch hier?“, wollte Frau Engels wissen. „Also“, begann Max, „wir gerieten heute morgen in einen schrecklichen Schneesturm. Nachdem wir einige Stunden gelaufen und viel Seltsames erlebt haben, sah meine Schwester Jana eines der Lichter dieser Lichtung. Wir folgten dem Schein und gelangten auf diese Weise hierher.“ „Interessant. Und wie gefällt es euch denn hier?“ Diesmal ergriff Svenja das Wort: „Es ist einfach spitze. Die Kekse aus dem Backzelt sind echt gut und alle sind so freundlich zu uns. Aber ich will trotzdem pünktlich zur Bescherung daheim sein.“ „Das wirst du auch“, sagte die Musiklehrerin, um Svenja zu trösten. Sie hatte nämlich gesehen, dass Svenja Tränen über die Wangen gekullert waren. „Wirklich?“, jammerte Svenja. „Klar doch“, ermutigten sie auch ihre Geschwister. Svenja gab nach. Sie wusste, dass ihre Eltern ohnehin auf sie warten würden. Also würde sie auch die Bescherung nicht verpassen. „Es freut mich sehr, dass es euch so gut bei uns gefällt. Was wollt ihr denn von mir wissen?“, forderte sie die Lehrerin auf, etwas zum Gespräch beizusteuern. „Mich würde interessieren, ob Sie auch blinde Schüler haben?“, fragte Hannah nach. Seit sie denken konnte, hatte sie sich für andere blinde interessiert – egal ob Mensch oder Tier. „Weshalb interessiert dich denn das?“, hakte die Frau bestimmt nach. In ihrer Stimme lag eine Mischung aus Wut, Neugier und Pflichtbewusstsein. „Na ja“, murmelte Hannah zaghaft, „Ich bin selbst blind und interessiere mich halt für andere Blinde. Das ist alles. Ich will Sie nicht aushorchen oder so.“ Hannah war erschrocken gewesen, als sie mitbekam, wie diese sympathische Engeldame auf ihre Frage reagiert hatte. Doch nun hatte sich jeder schlechte Klang aus ihrer Stimme entfernt. Völlig freundlich antwortete sie ihr: „Ach so. Ich dachte schon, du willst eine Geschichte in der Zeitung veröffentlichen. Blinde Engel wären doch ein tolles Thema, oder nicht?“ „Ja, aber …“, wollte sich Hannah soeben verteidigen. Frau Engels stoppte sie aber und fuhr fort: „Du brauchst dich nicht zu verteidigen, mein Kind. Jetzt ist ja alles in Ordnung. Natürlich gibt’s bei uns blinde Engel und so, aber die singen meistens oder helfen den Anderen.“ „Vielen Dank für diese Auskunft, Frau Engels“, bedankte sich Hannah freundlich. Sie war zufrieden, denn sie hatte erfahren, was sie wissen wollte. „Habt ihr Anderen denn keine Fragen?“, wandte sie sich wieder den Übrigen zu. „Ja, ich wüsste gern, was ihr während den Tagen im Frühling und Sommer macht?“, meldete sich Tim zu Wort. „Während dieser Tage bereiten wir neue Weihnachtslieder vor oder helfen dem Weihnachtsmann dabei, neue Geschenke zu basteln“, erklärte Frau Engels. Allen anderen fielen keine Fragen mehr ein und sie lauschten deshalb den probenden Engeln. „Das klingt wirklich wunderhübsch“, flüsterten sie sich gegenseitig zu. Nach geraumer Zeit entschieden sie sich einstimmig dazu, weiter zu gehen. „Schönen Heiligabend“, sagten sie zu den Engeln, während sie sich zum Gehen umwandten. „Schöne Weihnachten, Kinder“, sang die gesamte Musikschule zum Abschied. „Ihr habt jetzt fast alles auf der Engelswiese besucht“, erklärte Rudolf seinen jungen Zuhörern. „Und was fehlt noch?“, bohrte Julian nach. „Dazu komme ich jetzt. Als letztes besuchen wir die kreativen Engel. Diese schreiben Lieder, Geschichten und Gedichte. Manche von ihnen stellen auch Kunstwerke her“, ergänzte Rudolf sich selbst. „Auf zu den kreativen Engeln“, schrien die Kinder gemeinsam.

Sie machten sich nun auf den Weg zu einem kleinen, von niedrigen Tannen umrundeten Rechteck. Inmitten dieses Rechtecks hockten einige Engelchen auf Baumstümpfen und schrieben, bastelten und probierten Melodien aus. „Hallo Engel! Ich habe heute Besuch mitgebracht. Diese Kinder hier haben dank eines Schneesturmes zu uns gefunden. Ich führ sie gerade rum und wollte sie mit euch bekannt machen“, begrüßte Rudolf die Engelschar. „Aha! Das ist ja sehr aufregend. Mögt ihr Geschichten und so was?“, erkundigte sich ein Engel, welcher an einer langen Geschichte arbeitete. „Ja, wir lieben Geschichten und Märchen über alles“, sprachen Hannah und Tim genau im selben Moment. „Das freut mich natürlich überaus“, entgegnete der Engel. „Übrigens, ich heiße Lisa. Und ihr“, ergänzte sie. Alle bis auf Rudolf stellten sich der Reihe nach vor. „Was macht ihr überhaupt alles?“, erwiderte Hannah. „Wir schreiben verschiedene Textsorten wie Geschichten oder Gedichte, bauen Skulpturen und Statuen, fertigen Dekoration an und helfen dabei, die Lichtung je nach Jahreszeit zu gestalten und zu tarnen, damit nicht jeder diesen tollen Ort ausfindig machen kann“, lautete die Antwort. „Und wo lernt ihr lesen und schreiben?“, fragte Andre, der es ungeheuer wichtig fand, dass man lesen und schreiben lernt. Irgendwo her mussten diese Engel ja auch schreiben gelernt haben. „Das ist wirklich eine interessante Frage. Wir alle haben bei Frau Engels, der…“, begann der Lisa. „Musiklehrerin der engelischen Musikschule“, vervollständigten die Anderen im Chor. „Woher … Woher wisst ihr das?“, fragte der Engel verdutzt und erstaunt. „Wir haben sie schon kennengelernt“, sagte Jana frei heraus. „Ach so, dann ist ja alles klar. Sie kann das echt gut. Alle Wesen hier hatten Unterricht bei ihr“, erläuterte die nette Lisa. Sie hatte große, goldene Flügel, ein rundes, freundliches Gesicht und ein langes, silbernes Kleid. „Interessant, nicht?“, meinte Tim zu den Anderen. Er war extrem stolz darauf, so eine gute Frage gestellt zu haben. „Was hieltet ihr davon, wenn wir nun in den Süßigkeitengarten gehen?“, fragte Rudolf seine Gäste. „Au ja! Das ist eine prima Idee!“, stimmten ihm die Kinder begeistert zu. Gesagt. Getan.

Der Süßigkeitengarten

Kaum waren sie ein paar hundert Meter gegangen, da erreichten sie einen riesengroßen Garten. Dieser sah eigentlich genauso aus wie jeder andere. Es gab jedoch ein paar Unterschiede, die sich Hannah von Annika erklären ließ. „Also“, begann das Mädchen ihre Erklärung, „an den Bäumen hier hängen keine Früchte oder so. Hier hängen Lebkuchen, goldene Nüsse und silberne Äpfel an den Bäumen. Außerdem gibt es ein Feld, auf dem Schokoladentafeln wachsen. Mitten durch den Garten fließt ein langer Schokoladenfluss.“ „Der Schokoladenfluss erinnert mich irgendwie an das Buch ,Charlie und die Schokoladenfabrik’, welches ich kürzlich erst gelesen habe“, bemerkte Hannah. „Echt, ,Charlie und die Schokoladenfabrik’ gibt es auch als Buch. Ich kenn‘ nur den Film und der ist echt gut. Wie ist denn das Buch?“, wunderte sich Tim, der ständig auf der Suche nach spannender Literatur war. „Ja, das Buch ist echt gut. Darin wird genau gesagt, dass…“, fing Hannah an zu schwärmen. Doch Rudolf unterbrach sie sanft: „Es ist zwar gut, dass ihr viel lest, aber ich würde euch gern den tollen Garten und sein System erklären.“ „Einverstanden“, sagten die beiden Leseratten betrübt. Gemächlich wanderten sie durch den wundervollen Garten und genossen die Bilder, die sie erblickten. Es versteht sich von selbst, dass alle ihr Bestes taten, um Hannah die Augen zu ersetzen. Dies erwies sich jedoch als schwierig, da es nicht so einfach ist, etwas Irreales mit Worten aus der realen Welt zu beschreiben. Hannah konnte sich trotzdem alles lebhaft vorstellen oder tat zumindest so. Auf einmal rief Max, der für seine Adleraugen bekannt war: „Da hängt etwas total Komisches im Schokolebkuchenbaum direkt neben dem Strauch mit den Zuckerkringeln!“ „Ich komme und schau mal nach“, entgegnete Rudolf und machte sich auf den Weg zu Max. In besagtem Baum hing tatsächlich etwas. Es sah aus wie ein Mensch mit sehr langen Armen und Beinen. Außerdem fiel auf, dass er sehr, sehr groß war und lange, spitze Ohren hatte. „Hierbei handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um ein besonders großes Exemplar eines Wichtels“, stellte Julian fest, der Wichtelfilme liebte. „Das stimmt“, bestätigte ihm Rudolf. „Entschuldigen Sie da oben, können wir Ihnen irgendwie helfen?!“, schrie Hannah nach oben. „Ja, indem ihr seltsamen Wesen mich aus diesem Baum befreit“, stöhnte der Wichtel von dort oben. „Wie heißt du denn?“, fragte Svenja. Sie hasste es, wenn sie nicht wusste, wie ihr Gegenüber hieß. „Ich bin Laurenz, der Boss des Süßigkeitengartens. Wer oder was seid ihr?“, erkundigte sich Laurenz neugierig. Seiner Stimme war zu entnehmen, dass ihm ziemlich kalt war. „Das erklären wir dir, wenn wir dich befreit haben. Es scheint so, als ob es dir super kalt wär‘“, schlug Svenja vor. „Hör dir nur unsere Schwester an, Tim. Wie die sich mal wieder aufführt“, raunte Jana ihrem Bruder zu. „Ja, du hast Recht“, hauchte er kaum hörbar zurück. Svenja hatte nichts gehört und unterbreitete den Anderen ihren Plan: „Hannah und ich klettern auf das Geweih von Rudolf. Ich schätze, dass wir dann hoch genug sind, um die Beine vom Wichtel zu erreichen.“ „Sie macht auch noch weiter“, flüsterte Tim stöhnend und kichernd. Jana nickte ihm zustimmend zu. „Hört auf zu tuscheln und äußert euch lieber zu Svenja Vorschlag“, beendete Annika die Tuschelstunde. „Ich finde ihren Vorschlag gut. So machen wir das. Mein Geweih hält zwei von euch aus und vielleicht kommt ja auch noch ein Engelchen vorbei, welches uns helfen kann“, entschied Rudolf. Nun wurde Svenja Plan in die Tat umgesetzt. Gekonnt schwangen sich Hannah und Svenja auf Rudolfs Rücken und machten sich daran, an seinem Geweih hochzuklettern. Es war den beiden nicht schwer gefallen, das Rentier zu besteigen, da beide über eine gute Reitausbildung verfügten. Sie hatten gerade die Füße von Laurenz erreicht und damit begonnen, sie aus dem Geäst befreit, als ein kleiner Engel vorbeiflog. Verwundert über diesen Anblick blieb es in der Luft direkt über den Kindern stehen und sagte: „Hallo Kinder. Ihr seid doch Kinder, oder? Ich heiße Lena und ihr? Könnte ich euch vielleicht auf irgendeine Art und Weise weiterhelfen?“ „Na, das ist doch mal ein sehr netter Engel“, dachten Hannah und Svenja. Hannah ergriff das Wort: „Ja, du könntest uns helfen, Lena. Wir haben Laurenz entdeckt, der in diesem Baum festhängt. Wir sind auch schon dabei ihn zu befreien, aber wir kriegen nur seine Füße los. Kannst du möglicherweise von oben mithelfen?“ „Na klar“, rief Lena erfreut und machte sich so gleich an die Arbeit. „Ich wollte noch wissen, ob ihr Kinder seid und wie ihr heißt?“, wiederholte Lena geduldig ihre Fragen. „Du hast ganz richtig erkannt, dass wir Kinder sind. Ich bin Svenja und das ist meine blinde Schwester Hannah. Unter uns sind noch unsere Geschwister Julian, Tim, Annika, Andre und Max. Rudolf mit der roten Nase kennst du ja sicher. Wir haben sein stabiles Geweih benutzt, um auf diesen tollen Baum zu gelangen“, antwortete Svenja fröhlich, während sie das linke Bein des Wichtels befreite. „Das ist interessant. Wie habt ihr denn zu uns gefunden?“, wollte das Engelchen nun wissen. Hannah erzählte nochmals die lange Geschichte vom Bauern, dem Schneesturm und von dem Licht, dass Jana entdeckt hatte. Lena lächelte und befreite die Handgelenke des Wichtels von einem widerspenstigen Lebkuchenast befreite. Bei dieser Aktion brach er leider ab und fiel dem kleinen Julian direkt vor die Füße. Verdutzt bückte er sich und hob ihn auf. „Laurenz, dürfen wir den Ast bitte, bitte mitnehme?“, bettelte de sechsjährige. „Na klar. Dann könnt ihr euren Eltern auch beweisen, dass ihr wirklich hier wart“, erlaubte Laurenz den Kindern. „Mist, warum habe ich nicht an die Sache mit dem Beweis gedacht“, dachte Julian ärgerlich. „Rudolf! Stell dich mal unter mich, damit du mich gleich auffangen kannst“, befahl Laurenz. Rudolf gehorchte widerstandslos und postierte sich genau unter dem noch im Baum hängenden Wichtel. Lena und die Kinder lockerten noch die letzten winzigen Äste und mit einem „Plumps“ fiel der Befreite vom Baum. Um ein Haar wäre er auf dem Schnee aufgekommen, doch dem klugen Rudolf gelang es in letzter Sekunde, ihn mit seinem Rücken aufzufangen. „Vielen Dank für eure Hilfe“, keuchte Laurenz atemlos. „Gern geschehen“, erwiderten Hannah, Lena und Svenja freundlich. „Jetzt interessiert es mich aber brennend, wer und was ihr seid“, fragte der Gerettete erneut nach. „Das kann ich dir erklären“, fing Hannah an. „Dann schieß mal los“, forderte Laurenz in einem spaßigen Tonfall. „Wir sind Menschenkinder und haben alle Namen. Ich heiße zum Beispiel Hannah und meine Geschwister sagen dir gleich auch ihre Namen. Noch ein Wort über mich: Ich bin blind“, beantwortete Hannah die Frage des Wichtels. „Was bedeutet blind“, erkundigte dieser sich. „Blind ist, wenn man nichts sieht“, antwortete Svenja für Hannah. „Halt den Mund. Er hat nicht dich, sondern mich gefragt“, zischte Hannah wütend. Sie hasste es, wenn man Fragen für sie beantwortete. Sie konnte zwar nichts sehen, aber hatte keine Probleme mit ihrer Sprache. Ihrer Meinung nach sollte sie alle Fragen beantworten, die auch an sie gestellt wurden. Svenja hatte sich also in ihren Augen völlig falsch verhalten. „Jetzt fang doch keinen Streit an, Hannah. Ich hab‘ doch nicht dich gefragt, sondern keinen angeredet“, beruhigte Laurenz die ganze Situation. „Schon okay“, murmelte Hannah bedrückt. Statt sich weiter zu streiten, stellte Svenja lieber eine Frage: „Sag‘ mal Laurenz, was machst du eigentlich als Süßigkeitengartenboss so und woran erkennt man eigentlich ob die Süßigkeiten reif sind oder nicht?“ „Diese Fragen beantworte ich dir sofort. Als Boss muss ich entscheiden, was meine Mitarbeiter zu tun haben. Außerdem muss ich die Sachen zur Packstation bringen und neue Bäume pflanzen. Du wolltest doch wissen, woran man reife Süßwaren erkennt. Das ist so: Wenn die Schokolade von einem Lebkuchen an diesem Baum schön braun und der Lebkuchen angenehm weich ist, ist er reif und kann geerntet werden. Bei normalen Lebkuchen und ähnlichem Gebäck zählt nur die dieses Gebäck typische Farbe und Konsistenz. Zuckerkringel und Zuckergras müssen aber gut knuspern, bevor wir sie an euch verschenken“, erklärte der Süßwarenchef. „Wer gehört denn zu deinen Angestellten“, fragte Annika. „Wichtel und Engel sowie ein paar Tiere“, antwortete er. „Á propos Tiere. Da kommt Bambi“, rief Julian erfreut und tänzelte auf das Rehkitz zu.

Dieses hatte inzwischen die gesamte Lichtung erkundet und sehnte sich nun nach einem Fläschchen Milch und ein paar Händen zum streicheln. Hannah freute sich besonders, denn sie hoffte, dass Bambi sie als Mutter wählen würde. Es wäre doch grandios, wenn sie in ihrer Blindenschule erzählen könnte, dass sie ein Rehkitz aufzöge und zugleich auch noch einen Führhund zu Weihnachten bekommen hätte. Allein der Gedanke an all die schönen Dinge ließ ihr Gesicht strahlen. Bambi kam in kleinen Schritten auf Hannah zu und stupste sie sacht an. „Ach, es mag mich“, dachte Hannah zufrieden. Zaghaft streckte sie ihre Hand aus und strich dem Kleinen über den kuscheligen Kopf. Langsam kam es immer näher und blieb schließlich genau vor ihr stehen. Das blinde Mädchen spürte die Wärme des Tieres an ihrem Bein und Hannah war vollkommen glücklich. „Schaut mal“, sprach Lena, „Dieses Reh dort schmust mit eurer blinden Schwester. Vielleicht ist es ja wild und trotzdem so zahm.“ „Nein, das stimmt nicht“, widersprach Hannah Lena. „Dieses Rehkitz hier haben wir auf unserem Weg zu euch gefunden. Es war rehmutterseelenallein und wir haben es mitgenommen, damit es nicht stirbt. Nun denkt es, ich wär‘ seine Mama und kommt zu mir. Fließt hier vielleicht irgendwo auch Milch?“ „Natürlich. Womit sollten wir denn sonst die Schokoladenstückchen mit Milchfüllung machen“, erläuterte der Chef. „Wo ist denn die Milch?“, hakte Hannah nach. „Ich führ dich hin, einverstanden?“, schlug Laurenz hilfsbereit vor. Hannah nickte. Laurenz schritt auf sie zu und packte sie am Arm. „Bitte etwas lockerer“, bat Hannah mit schmerzverzerrtem Gesicht. Augenblicklich wurde der Griff erheblich lockerer. Die Geführte lächelte zufrieden und achtete darauf, dass Bambi keinen Fluchtversuch unternahm. Hin und wieder versuchte die neugierige Bambi, etwas Neues zu entdecken. Ihrer „Mutter“ gelang es aber gerade noch rechtzeitig dies zu vermeiden. „Fünf Meter von uns entfernt liegt der „Milkriver“. Ich habe den „Milkriver“ ausgewählt, weil hier die beste Milch fließt“, verkündete Laurenz. Vorsichtig und mit kleinen Schrittchen näherten sich Hannah und ihr Kitz diesem überaus kuriosen Gewässer. „Halt! Bleib stehen!“, warnte Andre. Doch es war bereits zu spät. Hannah war mit ihren hohen Stiefeln geradewegs in den weißen Fluss geraten. Glücklicherweise war dieses Missgeschick an einer der niedrigsten Stellen des „Milkrivers“ geschehen, sodass nichts Gravierendes passiert war. Sie stieg einfach aus der Milch und ging ans Ufer zurück. Sofort kam Bambi angesprungen und leckte ihr die Stiefel sauber. Anschließend lief es munter auf den milchigen Fluss zu und begann gierig zu trinken. Als Bambi fertig war, schob es mit seinen winzigen Hufen etwas Schnee zur Seite und knabberte schmatzend an etwas. „Was frisst es denn da?“, erkundigte sich Hannah interessiert. „Wahrscheinlich hat dein Findelkind unser Zuckergras entdeckt. Aus diesem Gras stellen wir meistens Zuckerguss oder Zuckerstreusel her“, mutmaßte Laurenz. Alle Kinder bückten sich gleichzeitig und suchten sich ebenso etwas Zuckergras zum probieren. Lautes Knuspern verriet sie jedoch. „Na, macht ihr Bambi nach“, stellte Lena belustigt fest. „Dürfen wir auch nen‘ Schluck Milch kosten?“, wollte Jana wissen. Für sie war es total unfair, dass Bambi Milch trinken durfte und sie bisher noch nicht. „Nur zu“, forderte Laurenz alle auf. Lena, Rudolf und die Kinder auf, um selbst auch Milch trinken zu gehen. Die Milch schmeckte vorzüglich. Sie war lauwarm und schön süß. „Hm“, machten alle während des Trinkens. Nachdem alle getrunken hatten, leckten sich alle die Milchbärte von den Lippen. „Nun haben wir weiße Weihnachtsmannbärte aus Milch“, dachten Julian und Svenja und kicherten da bei. „Was gibt es denn so lustiges?“, fragte Jana. „Nichts, nichts“, erwiderten die beiden schnell. Ihnen wäre es unangenehm gewesen, wenn sie den großen Geschwistern ihre Gedanken mitgeteilt hätten. „Ihr habt bestimmt an was lustiges gedacht“, vermutete Lena. Kaum merklich nickten sie ihr zu. „Was war’s denn?“, wollte sie nun wissen. Unauffällig griffen sie sich an ihre Münder und malten die Umrisse eines Bartes. Lena begriff und schmunzelte. „Gibt’s hier noch mehr Beweise zum Mitnehmen?“, erkundigte sich der kleine Julian freundlich. Er hielt immer noch den Ast mit den Schokolebkuchen in Händen. Statt ihm seine Frage zu beantworten, rupfte Laurenz etwas Zuckergras für sie aus. Außerdem schnitt er noch Zweige mit Zuckerkringeln und anderem Gebäck ab. Julian nahm sie dankend entgegen. Leider konnte er nicht alles fassen, sodass Svenja ihm zu Hilfe eilen musste. „Wo tun wir die Sachen denn hin? Vielleicht auf den Schlitten? Nein! Da ist leider kein Platz mehr wegen des Korbs“, überlegte Svenja laut. „Dein Gedanke ist aber gar nicht so schlecht“, widersprach ihr Hannah. Anschließend bat sie: „Lena, könntest du nicht unseren Schlitten holen fliegen? Du bist die schnellste von uns.“ „Das kann ich machen, wenn ihr mir erstens sagt wo er ist und mir zweitens versprecht, mich mit nach Hause zu nehmen. Dann habt ihr auch einen Beweis dafür, dass ihr Engel getroffen habt“, entgegnete der Engel listig. Einen Moment lang herrschte nachdenkliches Schweigen. Dann sagte Hannah: „Wir sind einverstanden.“ Begeistert erhob sich Lena in die Lüfte und flog zu dem Ort, den Rudolf ihr zuvor beschrieben hatte. Währenddessen erfuhren die Kinder die nächsten Stationen auf ihrer Reise durch die Weihnachtswelt: Zuerst sollte es zu den Produktions- und Industriehallen gehen. Anschließend standen ein Besuch bei Frau Holle, die Besichtigung des Post- und Packamtes sowie die Bekanntschaft mit dem Weihnachtsmann und seinen Helfern auf dem Programm. Wenn sie dies alles gesehen hatten, sollte die Heimreise beginnen. Mittlerweile war Lena mitsamt des Schlittens wieder zurück. Lächelnd parkte sie den Schlitten vor den Kindern und bat sie, ihre Beweise aufzuladen. Sacht legten die Kleinen die Zweige auf den Schlitten und bedeckten den Korb mit Zuckergras. „Alle Beweise verstaut“, sagten sie hastig. „Gut gemacht“, lobte Hannah. „Sollen wir nun in die Produktions- und Industriehallen gehen?“, fragte Max nach. „Wenn ihr wollt“, antwortete Rudolf. „Ja!!!“, brüllten die Kinder.

Produktion und Industrie

Wenige Augenblicke waren vergangen, da erreichten sie ein paar kleine Häuschen aus Holz. „Endlich keine Baumzelte mehr“, freute sich Jana. Sie war es satt, immer nur diese blöden Baumzelte zu sehen. Auch die anderen freuten sich über den Anblick echter Häuser. „Jetzt sind wir nicht mehr in der Antike, sondern immer hin im Mittelalter oder in der Renaissance“, meinte Hannah. Lena hatte einen Strick um Bambis Hals gelegt und führte es wie einen Hund. „Was heißen denn diese Wörter?“, fragte Svenja. „Das sind Namen von vergangenen Zeiten“, erklärte Hannah ihrer kleinen Schwester. „Lasst uns reingehen“, schlug Rudolf vor. Alle waren einverstanden und folgten ihrem rotnasigen Gefährten, welcher sich dazu bereiterklärt hatte, den Schlitten zu ziehen. Kurz vor dem ersten Haus machten sie Rudolf vom Schlitten los und stellten ihn an einen sicheren Platz. „Alle Häuser sind miteinander verbunden“, flüsterte Annika Hannah zu. Diese nickte. Das war eine spannende Info, fand die Blinde. Sie gingen auf das erste Haus zu und Rudolf stieß mit seinem Geweih die Tür auf. Sie betraten einen großen Raum, in welchem mehrere Wichtel Spielzeuge und Süßigkeiten produzierten. Ein Wichtel im Anzug stolzierte umher. „Hallo, wer bist denn du?“, sagte Jana. „Ich bin Domminnick, der Industrie- und Produktionsleiter hier“, antwortete dieser. „Und wer seid ihr?“, fügte er hinzu. „Wir sind Kinder, die wegen eines Schneesturms hierher gekommen sind“, beantwortete Hannah seine Frage. „Was machen denn alle hier so?“, wollte Hannah wissen. „Wir produzieren Spielzeug und Süßwaren. Außerdem bilden wir junge Wichtel aus“, erläuterte Domminnick. „Kannst du uns mal rumführen?“, bat Svenja. „Na klar“, entgegnete er freundlich. Der Wichtel schritt voran und führte seine Gäste in einen Raum, in welchem viele Wichtel und Engel an Fließbändern standen und diverses Spielzeug bastelten. Einer der Engel drehte andauernd eine Kurbel. „Warum musst du immer an dieser Kurbel drehen?“, fragte Max. „Ich treibe das Fließband an. Aber geht jetzt bitte weiter. Ich habe keine Zeit für eine Plauderei“, antwortete der Engel knapp, während er weiterdrehte. Langsam gingen sie weiter. Auf dem Weg zum nächsten Häuschen sahen sie noch so manchen Arbeitern zu, die mit verschiedenen Werkzeugen an zukünftigen Geschenken bastelten. Im nächsten Haus duftete es himmlisch. Hier schien sich die Süßwarenfabrik zu befinden. „Hier riecht’s fantastisch. Ist hier etwa die Süßigwarenproduktion?“, spekulierte Hannah. „Das hast du sehr gut erkannt, obwohl du ja blind bist“, lobte der Produktions- und Industriechef. „Woher wussten sie das denn?“, fragte Hannah verblüfft. „Das ihr hier seid, hat mir Laurenz gerade von einem Boten sagen lassen. Er erwähnte, dass du blind bist“, erklärte der Wichtel. „Ach so“, sagte Hannah beruhigt. Sie hatte schon vermutet, dass Domminnick Zauberkräfte besaß und daher über sie Bescheid wusste. „Was wird hier denn Leckeres gemacht?“, wollte Julian wissen. „In den Süßwarenhäusern werden Pralinen, Schokofiguren, Lebkuchenhäuser und solche Sachen gemacht“, gab er Auskunft. „Jetzt zeige ich euch noch unseren Ausbildungstrakt und dann sind wir schon fertig“, verkündete ihr Führer. „Schade“, schluchzte Lena und flatterte matt mit ihren Flügelchen. Sie liefen noch an etlichen Abeitern vorbei, die etwas herstellten oder kontrollierten. Nach einigen Augenblicken erreichten sie endlich den Ausbildungstrakt. „Hannah. Hier stehen viele Arbeiter rum und erklären anderen Wesen ungefähr in deinem Alter was sie zu tun haben“, beschrieb Jana. „Danke“, erwiderte das blinde Mädchen erfreut. Es war sehr angenehm, wenn sie nicht immer alle um eine Beschreibung bitten musste. Domminnick erklärte ihnen, dass es sehr viele Ausbildungssberufe gab und führte ihnen die Übungsgeräte vor. „Die Übungsgeräte brauchen wir, damit unsere Lehrlinge nichts beschädigen können“, fügte er hinzu. Nachdem sie alles gesehen hatten, wollten sie Frau Holle einen Besuch abstatten.

Auch Kissenschütteln und Deckenfalten muss man lernen

Sie waren bereits eine halbe Stunde durch den tiefen Schnee gestapft, als sie eine Frau und einen Jungen erblickten. Sie hockten in einem Zelt und schüttelten Kissen. „Hallo! Sie müssen Frau Holle sein. Wir sind Menschenkinder und durch den Schneesturm hierher gelangt“, plapperte Svenja los. „Das hast du gut erkannt. Der Junge neben mir ist Yannic und gerade in Ausbildung. Er kann euch alles zeigen und erklären“, antwortete Frau Holle. „Mach ich, Frau Holle“, stimmte ihr ihr Azubi zu. Lächelnd führte Yannic seine Besucher in ein weiteres Haus. Dort standen überall Betten herum. Sehr viele Engelkleinkinder schüttelten eifrig Kissen und falteten Decken. „Wie ihr seht, …“, begann ihr Führer. „Ich seh‘ nichts“, sagte Hannah dazwischen. „Oh! Warum denn nicht?“, fragte Yannic teilnahmsvoll. „Ich bin blind“, erklärte die 13-jährige schnell. Es klang so, als ob es nichts Besonderes wäre, blind zu sein. „Was ist denn blind genau?“, hakte Yannic nach. „Wenn man blind ist, kann man nichts sehen“, berichtete Julian sachlich. Er wollte unbedingt beweisen, dass er auch über die Behinderung seiner Schwester Bescheid wusste. In diesem Moment hörte man ein leises klicken. Alle drehten die Köpfe herum und erblickten Bambi. Dieses kleine, verflixt clevere Reh hatte es tatsächlich fertiggebracht, sich von Lenas Strick zu befreien und sie aufzuspüren. „Ist dieses Reh etwa dein Blindenführreh?“, fragte Yannic neugierig. „Nein, das ist Bambi. Wir haben ihr das Leben gerettet. Sie lag ganz allein im Schnee ohne ihre Mutter“, berichtete Hannah stolz. „So ist das also. Aber nun will ich euch erklären und zeigen, was Frau Holle, die Engelchen und ich den ganzen Tag so machen“, meinte ihr Referent lachend. Gemeinsam gingen sie auf einen Raum zu, an dessen Tür „Übungsraum“ geschrieben stand. „In diesem Raum lernen wir alles“, sagte Yannic, als sie durch die hölzerne Eingangstür schritten. „Wenn ihr nur Schneeregen haben wollt, müsst ihr die Wattekissen ganz leicht klopfen und ab und zu schütteln“, erläuterte er fachkundig. „Dürfen wir das, was du uns erzählst, auch ausprobieren?“, fragten die Kinder. „Natürlich. Deshalb bin ich auch mit euch in den Übungsraum gegangen. Was immer ihr auch tut, es wird nur in diesem Raum geschehen“, antwortete der Auszubildende. „Hä?“, machte Svenja. „Also, wenn du hier die Kissen schüttelst, schneit es nur in diesem Zimmer hier“, erklärte ihr Yannic das Prinzip des Raumes. Svenja hatte verstanden. Zielsicher schritt sie auf ein Bett zu und nahm ein Wattekissen in beide Hände. Sacht klopfte sie auf das Kissen und schüttelte es ab und zu heftig durch, sodass sich die Watte wieder verteilte. Auf einmal rief Hannah: „Ich, es ist ja ganz nass geworden!!“ Erst jetzt sahen alle, was geschah. Von irgendwoher kamen Unmengen von Schneeregen. Auch Svenja blickte nach oben und bekam eine gewaltige Ladung Schneeregen ins Gesicht. „Ich bin erst seit ein paar Minuten völlig trocken. Wie soll ich bis zu Hause wieder trocknen? Und das Christkind bringt nassen Kindern garantiert keine Geschenke?“, maulte Svenja beleidigt. „Ach, das ist doch kein Problem, Lass mich nur machen. Du wirst in wenigen Minuten wieder trocken sein“, beschwichtigte Yannic. Interessiert sahen ihm alle dabei zu, wie er eine kleine Schneeflocke in Decken wickelte und darüber rieb. Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis alle einen warmen Sommerwind spürten. „Wir bestimmen das Wetter auf der ganzen Welt“, erklärte Yannic voller Stolz. „Und wie erzeugt man Pulverschnee?“, fragte tim. „Ganz einfach. Du schüttelst die kleinen Wattekissen“, erwiderte der angehende Herr Holle. „Darf ich das mal probieren?“, wollte Tim wissen. „Nur zu“, erlaubte der Führer. Zügig marschierte Tim auf ein anderes Bett zu und schüttelte ausgiebig ein Kissen. Sofort verebbte der Sommersturm. Stattdessen setzte Schneefall ein. Langsam fielen kleine, feine Schneeflocken zu Boden. Hannah bückte sich und berührte die weiße Pracht mit den Fingern. Es handelte sich wirklich um Schnee, der sehr kalt war. Das blinde Mädchen hob etwas Schnee hoch und ließ ihn durch ihre Finger rutschen. „Gut gemacht, Tim. Du hast tollen Pulverschnee erzeugt“, lobte Hannah. „Nur ich darf loben“, schimpfte Yannic. Hannah senkte beschämt den Kopf. Ihr Lehrer sah dies und fügte rasch hinzu: „Aber du hast Recht, das Ergebnis ist erstklassig.“ Tim sprang freudig in die Luft und wirbelte dabei Schnee auf. „Und wie geht Pappschnee?“, erkundigte sich Julian. „Hm, ich weiß es zwar, aber vielleicht habt ihr ja eine Idee“, entgegnete der Azubi. „Man muss die großen Federkissen schütteln“, vermutete Hannah. „Goldrichtig“, sagte Yannic. Er fand es verwunderlich, dass ausgerechnet das blinde Mädchen die richtige Antwort wusste. „Darf ich das ausprobieren?“, bat Hannah. „Wenn du dir das zutraust, gern“, meinte Yannic. Hannah ging vorsichtig auf ein Bett zu und tastete alle Kissen ab. Als sie ein passendes Kissen entdeckt hatte, schüttelte sie es so heftig, als ob es um ihr Leben ginge. Kurz darauf begann es stark zu schneien und alle waren auf einmal mit dem weißen Schnee bedeckt. Kaum hatte Hannah aufgehört zu schütteln, da hörte das Schneien auch schon wieder auf und der Schnee schmolz. „Wie macht man denn Kälte und Wind?“, wollte Andre wissen, der bemerkt hatte, dass noch Wettererscheinungen fehlten. „Das werde ich euch nun demonstrieren“, verkündete ihr Lehrmeister. Selbstsicher schritt er auf ein riesiges Bett zu. „Er nimmt eine Decke in die Hand und schüttelt sie“, beschrieb Jana. Dankbar nickte Hannah ihrer kleinen Schwester zu. Mal wieder eine Beschreibung, um die sie nicht bitten musste. Wellenartig bewegte er die Decke und schüttelte sie kräftig. Ein Wirbelsturm ging los und riss Svenja fast um, wenn sie sich nicht in letzter Minute an einem Bett festgeklammert hätte. „So geht also Wind“, stellte Annika fest, die Bambi festgehalten hatte, damit sie nicht davonflog. „Exakt“, erwiderte Yannic. „Und wie geht Kälte?“, hakte Andre nach. Schließlich hatte der Azubi seine Frage nur halb beantwortet. „Das zeige ich euch jetzt“, sagte der Gefragte. Routiniert ging er auf einen Schrank zu und nahm eine kleine Nachbildung einer Sonne heraus, die gelblich leuchtete. Behutsam legte er sie auf eine Decke und wickelte sie darin ein. Augenblicklich sank die Temperatur in diesem Übungsraum und die Kinder begannen zu frösteln. Hastig nahm der Junge die Sonne wieder aus den Decken und brachte sie an ihren Stammplatz zurück. „Endlich ist es wieder warm hier drin“, stellte Hannah fest. Dann fuhr sie fort: „Ich frag‘ mich nur, wie du als normaler Mensch hierher kommen konntest.“ „Das ist eine berechtigte Frage“, erklärte Yannic. „Ich bin der kleine Bruder von Knecht Ruprecht. Dieser hat mich hierher geholt, als ich gerade sprechen konnte. Mittlerweile wohne ich schon 12 Jahre bei Frau Holle und werde in vielen, vielen Jahren ihr Nachfolger werden müssen, wenn mich niemand mit in die Menschenwelt mitnimmt“, fügte er hinzu. „Wir können dich doch mitnehmen“, schlug Svenja vor. Das kleine Mädchen war für ihre Gutherzigkeit bekannt. „Da müsst ihr aber erst mit meiner Chefin, Frau Holle, verhandeln“, empfahl Yannic. „Kommen wir den auch wieder pünktlich zur Bescherung nach Hause?“ sorgte sich Svenja. „Aber natürlich“, beschwichtigte Yannic und strich dem kleinen Mädchen liebevoll übers Haar. Gemeinsam gingen sie wieder zu Frau Holle zurück. „Na, hat Yannic euch alles gezeigt?“, erkundigte sich Frau Holle und sah die Kinder streng an. „Hat er und wir durften sogar Sachen ausprobieren“, versicherte Svenja. „Ich hätte noch eine Frage“, begann Hannah vorsichtig. „Und die wäre“, bohrte Frau Holle nach. „Dürfen wir Yannic mitnehmen?“, setzte Hannah ihren Satz fort. Frau Holle dachte einen Moment lang nach und sagte anschließend: „Eigentlich benötige ich ihn dringend, aber ich weiß genau so gut, wie sehr sich in die Menschenwelt zurücksehnt. Vielleicht kann er ja in eurer Welt für das Wetter sorgen.“ „Heißt das etwa, dass ich mitdarf?“, freute sich ihr Azubi. „Hmm“, machte Frau Holle, ehe sie weitersprach: „Du darfst.“ Jubelnd sprang Yannic hinter den Kindern, Rudolf und Lena her. „Hör das Schneien auf, damit wir nach Haus‘ kommen“, riefen ihr alle hinterher.

Verpacken, verladen, verschicken? und auspacken

Wenig später erreichten sie zwei Häuser, über deren Türen ein langes Stoffschild prangte auf dem stand: „Post- Verladungs- und Packstation“. „Ich bin gespannt, wer hier arbeitet“, sagte Svenja zu Hannah. „Vielleicht Elfen“, spekulierte Hannah munter drauf los. „Ihr werdet es rechtzeitig genug erfahren“, murmelte Rudolf geheimnisvoll. Sie betraten eines der Häuser und steuerten zielstrebig auf zwei Wesen zu. Bei diesen „Wesen“ handelte es sich um zwei Elfenkinder, die sich liebevoll um ein paar Vögel und Geschenke kümmerten. „Wer seid ihr denn?“, fragte Hannah lächelnd. „Ich bin Bruna“, sagte das jüngere Elfenkind. „Und ich bin Inês“, fügte das Andere hinzu. „Und ihr?“, fragte Inês.
„Wir sind Kinder, die ein Schneesturm hierhin verschlagen hat“, antwortete Jana. „Ey du, warum siehst du mich nicht an!“, meckerte Inês Hannah an. „Wenn ich dich anschauen würde, würde ich dich trotzdem nicht sehen können“, erklärte Hannah ruhig. „Hä“, machte Bruna. „Ganz einfach. Ich bin blind. Und ehe ihr fragt, was blind eigentlich bedeutet, erklär’ ich es euch: Blind sein heißt, dass jemand nichts sehen kann“, meinte Hannah sachlich. „Achso“, erwiderte Bruna. Sie hatte verstanden, was Hannah gemeint hatte. „Warum hast du sie hierhin geführt, Rudolf?“, wollte die neugierige Inês wissen. „Ich dachte, dass es interessant sein könnte, zu erfahren, wie die Geschenke verpackt und verschickt werden“, gestand Rudolf. Das Rentier hatte Angst davor, was die beiden kleinen Elfen als Nächstes sagen würden. Doch es geschah etwas Unerwartetes. „Oh, habt ihr da ein süßes Reh. Darf ich es mal anfassen“, bat Inês. „Natürlich“, sagte Hannah. Das kleine Elfenmädchen streckte seine Hand aus und berührte liebevoll das weiche Fell. „Wie heißt das niedliche Tierchen denn?“, erkundigte sich Inês. „Sie hört auf den Namen Bambi“, plapperte Svenja los. „Psst. Plapper nicht, bevor du nicht gefragt wurdest“, zischte Hannah. „Sollen wir euch mal alles zeigen“, schlug Bruna vor. „Gute Idee“, stimmten ihr alle im Chor zu. „Dann fangen wir mal mit diesen Vögeln hier an. Dies sind Posteulen, die die Geschenke zu Kindern fliegen, die für unseren Schlitten zu weit weg wohnen begann Bruna. „Die Eulen erinnern mich an Harry Potter“, sagte Hannah. „Was ist denn das schon wieder?“, fragte Inês. „Das ist ein total bekanntes Buch bei uns in der Menschenwelt“, erläuterte Hannah. „Warum nehmt ihr denn Lena und Yannic mit? Die sind doch so nett“, trauerte Bruna. „Ich möchte wieder zurück in die Menschenwelt“, antwortete Yannic. „Und ich möchte die Menschenwelt kennen lernen“, ergänzte Lena. „Kommt ihr uns denn mal besuchen?“, bat Bruna. „Wenn wir können“, garantiert. Ihr müsst wissen, dass wir nur hier her finden, solange wir hier leben. Natürlich kann man trotzdem hier her gelangen, wie ihr so schön an diesen Kindern seht, aber diese werden den Weg nicht mehr finden“, berichtete Lena. „Vielleicht lässt der Weihnachtsmann ja mit sich reden“, ermutigte Yannic die beiden Kleinen. „Wir wollten euch doch etwas über die Eulen erzählen. Also, die Eulen haben gelernt, Päckchen herum zu fliegen. Sie fressen….“, sprudelte es aus Inês heraus. Nun mussten sich die Kinder einen minutenlangen Vortrag über Eulen und deren Pflege anhören. Glücklicherweise gelang es ihnen irgendwann, die kleinen Eulenexperten dazu zu bewegen, ihnen etwas anderes zu zeigen. „Hier sind wir bei den packern“, sagte Bruna und deutete auf ein Grüppchen von Elfen, die diverse Geschenke in Papier oder Kartons packten. „Hierfür müssen sie nur das Packen lernen, was aber ganz schön schwer ist“, ergänzte Inês eilig. Sacht schob Rudolf die Elfchen weiter und die Kinder erfuhren noch so manche Dinge. Sie erfuhren zun Beispiel, dass man ein Jahr brauchte, um ein fertiger Packer zu werden. Irgendwann meinte Bruna: „Hier werden die Süßigkeiten verpackt.“ Plötzlich drehten sich alle Kinder um und riefen: „Hallo Laurenz!!“ „Woher kennt ihr denn Laurenz?“, fragte Inês sofort. „Sie hatten bereits die Ehre, mich kennen zu lernen“, antwortete Laurenz für die Kinder. „Bruna, ich hab’ noch ein paar Schlitten voll Süßwaren für euch. Könntet ihr die bitte noch heute verpacken und auf die Reise schicken“, trug Laurenz auf. „Wird gemacht“, erwiderte Bruna und eilte mit Inês davon, um die Schlitten herein zu holen. „Könnt ihr mich auch noch mit in die Menschenwelt nehmen?“, bat der Wichteljunge. „Wir würden dich gern mitnehmen, wenn wir könnten“, entgegnete Hannah. „Du kannst uns aber immer besuchen kommen, wann immer du möchtest. Einverstanden?“, schlug Svenja vor. Mal wieder versuchte das kleine Mädchen die Situation zu retten. „Svenjas Idee ist auch in Ordnung“, nahm Laurenz Svenjas Vorschlag dankbar an. „Wohin soll eure Reise denn als Nächstes gehen?“, erkundigte sich Laurenz bei den Kindern. „Wir müssen nur noch zum Weihnachtsmann“, erklärte Julian. „Kennst du den Weg, Rudolf?“, vergewisserte sich der Wichtel. „Klar doch!“, versicherte das rotnasige Rentier. „Ich begleit’ euch trotzdem“, bot Laurenz an. „Mach das“, stimmten ihm alle zu. So machten sie sich dann auf den Weg zum Weihnachtsmann.

Die Wahrheit über Nikolaus, Christkind und Weihnachtsmann

Nach ungefähr zehn Minuten erreichten sie die Mitte der Lichtung. Hier stand der wundervolle Weihnachtsbaum, dessen Licht sie im Wald gesehen hatten. Rund um den Weihnachtsbaum saßen Weihnachtsmänner, Nikoläuse und Christkinder. An dieser Stelle verabschiedete sich Laurenz von den Kindern. Er müsse wieder nach den Süßigkeiten sehen, sagte er den Kindern. Aber er versprach, sie bald wieder zu besuchen. Rudolf brachte sie zu einem besonders alten Weihnachtsmann und flüsterte ihnen zu: „Das ist unser Ältester. Er kann euch all eure Fragen beantworten. Ich werde jedenfalls mal den Rentierschlitten dort hinten besuchen.“ „Hallo Weihnachtsmann. Ich dachte immer, dass Coca Cola dich erfunden hat“, plapperte Julian. „Nein, nein. Das ist die Geschichte, die den Eltern vorgegaukelt wird, damit sie nicht an uns glauben“, sagte der Weihnachtsmann mit seiner tiefen, ruhigen Stimme. „Warum gibt’s denn so viele von euch“, sagte Julian mehr zu sich selbst. „Ganz einfach, die Arbeit wäre für einen von uns zu viel“, erklärte der bärtige Weihnachtsmann. „Die Lichtung ist so groß und trotzdem konnten mir meine Geschwister diesen Mittelpunkt beschreiben. Wie kann das den sein?“, erkundigte sich Hannah. „Ich weiß, dass du blind bist und deshalb finde ich es merkwürdig, dass ausgerechnet du diese Frage stellst. Wir haben diese Lichtung einfach verhext, sodass sie kleiner erscheint“, erläuterte der Weihnachtsmannälteste. Hannah nickte ihm verständnisvoll zu. Es leuchtete ihr ein, dass jeder, der diese Lichtung sah, sie für eine ganz gewöhnliche Lichtung halten würde. „Hast du Kinder?“, fragte Julian neugierig. Er hatte sich schon immer gefragt, ob der Weihnachtsmann Kinder hat. „Aber natürlich!“, antwortete er und drehte sich um. Wenig später hörten sie, wie der Weihnachtsmann zwei Namen rief. Kurz darauf erschienen zwei Kinder in Hannahs Alter. „Wer seid ihr denn?“, fragte Hannah freundlich. Sie hatte die Kinder zwar nicht gesehen, aber das blinde Mädchen hatte ihre Schritte wahrgenommen. „Wir sind die Kinder vom Weihnachtsmann“, sagten sie stolz. „Das wissen wir bereits“, stellte Jana knapp fest. „Ich wollte wissen, wie ihr heißt und nicht wessen Kinder ihr seid.“, stellte Hannah streng klar. „Ach so, sag das doch gleich“, nörgelte eines der Kinder. „Und wie heißt ihr jetzt?“, half Hannah nach. „Ich bin Adina“, sagte das eine Mädchen. „Und ich heiße Yassemin“, sagte die andere. „Und wie alt seid ihr?“, fragte Hannah. „Ich bin zwölf“, sagte Yassemin. „Und ich dreizehn. Und wie alt bist du?“, entgegnete Adina. „Ich bin auch dreizehn“, erwiderte Hannah. Beide Mädchen lachten. Es war schon ein lustiger Zufall, dass beide genau gleich alt waren. „Helft nur ihr beiden eurem Vater?“, wollte Max wissen. „Wir bringen Geschenke zu manchen Kindern, aber wir haben auch noch zwei andere Helfer“, erklärte adina. „Holt sie doch mal“, bat sie Hannah. „Schon dabei!“, rief Adina und rannte los. „Bist du blind oder wie das heißt?“, wandte sich Yassemin an Hannah. „Ja, bin ich“, gab Hannah zu. „Da bin ich wieder“, keuchte Adina. Ihr folgten zwei etwas jüngere Mädchen. „Dies sind unsere Helferinnen Miriam und Anna. Übrigens, Anna ist auch so wie du“, berichtete Adina. „Hi Anna!“, sagte Hannah. „Wo ist ein Hai?“, erkundigte sich Anna erschrocken. „Nirgendwo ist ein Hai. Hi ist bei uns ein anderes Wort für hallo“, beruhigte sie Hannah. „Achso“, erwiderte das blinde Mädchen. „Kommt, wir zeigen und erklären euch alles“, forderten sie die Kinder auf. Bereitwillig folgten die Kinder den Mädchen, die geradewegs auf einen Nikolaus zuliefen. „Hallo Nikolaus“, riefen alle Kinder im Chor. „Hallo Kinder“, brummte der Nikolaus mit seiner tiefen, rauhen Stimme. „Hast du auch Kinder?“, wollte Svenja wissen. „Nein, aber Engel. Die Engelchen helfen mir eure kilometerlangen Wunschzettel zu lesen“, gab der Nikolaus als Antwort. „Mein Wunschzettel ist aber nur 30 Zentimeter lang“, verteidigte sich Hannah. „Das wissen wir auch“, entgegnete der Nikolaus. „Meine Aufgabe ist es, alle Geschenke für blinde zu beschaffen und Punktschriftwunschzettel vorzulesen“, erzählte Anna stolz. „Und ich muss die Wunschzettel in Schwarzschrift übersetzen“, fügte Miriam hinzu. Auf einmal sprang Anna erschrocken zur Seite und schrie: „Achtung, ein Rentier ist entlaufen!“ Doch ehe ein Weihnachtsmann hätte eingreifen können, rief Hannah: „Nein, das ist nur Bambi, unser Reh!“ „Ihr habt ein Rehkitz?“, fragte Anna erstaunt. „Ja. Warte, ich bringe es zu dir“, antwortete Annika, während sie das Tierchen zu Anna lockte. Hannah und Anna verdrückten sich mit Bambi in eine Ecke, um sich einen Moment lang zu unterhalten. Hannah erzählte ihrer Leidensgenossin, welche Hilfsmittel es für Blinde in ihrer Welt gab. Anna bekam manchmal vor Staunen ihren Mund nicht zu. Im Gegensatz dazu erklärte Anna Hannah, wie sie hier mit ihrer Blindheit zurecht kam. „Wir wollen weiter“, mahnte Adina irgendwann. Schweren Herzens folgten die beiden Mädchen den Anderen und lauschten, was diese über das Geschenke verteilen zu erzählen wussten. Sie erfuhren, dass nicht nur die Menschenkinder, sondern auch die Tierkinder Geschenke erhielten. Außerdem fanden sie heraus, dass manche Engel als Menschen verkleidet in der Menschenwelt Einkäufe machten. Adina verriet ihnen auch noch, dass die Eltern mit dem Weihnachtsmann gemeinsame Sache machten. Die Eltern verrieten den Helfern des Weihnachtsmannes, was sich ihre Kinder wünschten und der Weihnachtsmann oder das Christkind besorgten sie und brachten sie den Kindern. „Du hast gerade das Christkind erwähnt. Ich glaube, die Kinder möchten es gern kennen lernen“, erwähnte Lena. Sie hatte ein Gespür dafür entwickelt, was genau diese Kinder zu interressieren schien. Zustimmend nickten alle mit den Köpfen. „Also auf zum Christkind“, sagte Yassemin. Einen Augenblick später standen alle vor einem großen Engel. Mit warm blickenden, braunen Augen sah er die Kinder, den Engel, das Rehkitz und Rudolf an. „Hallo. Bist du das Cristkind?“, meldete sich Andre zu Wort. „Ja, das bin ich“, antwortete das Christkind mit seiner hohen, hellen Stimme. „Du hast es gut. Du musst wahrscheinlich nur einen Sack Geschenke nehmen, ihn dir umbinden und losfliegen“, mutmaßte Hannah. „Ungefähr“, bestätigte das Christkind. „Es war nett mit dir zu plaudern, aber wir müssen langsam wieder nach Hause“, unterbrach Hannah die Unterhaltung. „Wenn ihr noch was wissen wollt, schreibt uns einfach“, schlug das Christkind vor. „OK und auf Wiedersehen!“, riefen alle, ehe sie zum Weihnachtsmannältesten zurückkehrten. „Habt ihr alles gesehen?, erkundigte sich dieser bei den Besuchern. „Ja, haben wir“, erwiderte Tim begeistert. „Wir würden jetzt gern wieder nach Hause zurückgehen, aber da gibt’s ein kleines Problem“, begann Hannah. „Welches Problem denn?“, hakte der Weihnachtsmann nach. „Wir wissen nicht, wie wir dorthin gelangen sollen“, vervollständigte Hannah. „Wenn das das einzige Problem ist, weiß ich, wie ihr es lösen könnt. Wir binden einfach euren Schlitten an meinen Rentierschlitten und fliegen euch bis in die Nähe eures Hauses. Einverstanden?“, schlug der Weihnachtsmann vor. „Einverstanden“, erwiderten die Anderen. Gemeinsam wurden alle Sachen auf dem Schlitten der Kinder festgeschnürt. Anschließend holte der Weihnachtsmann seinen größten Rentierschlitten und spannte seine Rentiere ein. Natürlich war auch Rudolf unter den Zugtieren. Nun war es so weit. Aber bevor die Kinder auf den Schlitten kletterten, verabschiedeten sie sich von Adina, Anna, Yassemin und Miriam. „Können wir starten?“, fragte Rudolf, als die Kinder auf denSchlitten geklettert waren. „Noch nicht. Unser Schlitten ist noch nicht mit eurem verbunden“, stellte Jana fest. Hastig verbanden die vier Kinder, von denen sich die Gäste der Weihnachtslichtung bereits verabschiedet hatten, beide Schlitten miteinander. „Auf geht’s in Richtung Heimat“, riefen alle ausgelassen.

Endstation Heimat

Einige Sekunden später befanden sich alle in der Luft. Sie flogen noch einmal über die Lichtung, ehe sie sich in Richtung zu Hause bewegten. Während ihres Rundflugs über die Lichtung, winkten ihnen alle nach, die sie kennen gelernt hatten. Doch auf einmal war die Lichtung verschwunden. Sie befanden sich nun wieder in dem Wald, in welchem ihr Abenteuer begonnen hatte. Hier bekamen sie auch tüchtig den Schneesturm zu spüren, welcher immer noch wütete. „Ich dachte, der Sturm wäre schon weg“, flüsterte Svenja ihren Geschwistern zu. „Zum Glück kommen wir noch rechtzeitig zur Bescherung“, murmelte Julian seiner Schwester zu. Svenja nickte. In diesem Punkt waren sich die Nesthäkchen mal wieder einig. „Bald verlassen wir den Wald“, verkündete der Weihnachtsmann. Kurz darauf lichtete sich der Wald und die Kinder überflogen den Bauernhof am anderen Ende ihres Dorfes. Lena warf dem Bauern ein paar Lebkuchen hinunter, die sie heimlich in einen Sack gesteckt hatte. „Schließlich hab‘ ich’s dem Bauern zu verdanken, dass ich jetzt hier bin“, dachte sie dabei. „Wir setzen zur Landung an“, hörten die Kinder die Rentiere rufen. Mit einem samften Ruck setzte der Schlitten auf dem verschneiten Boden auf. „Ich sehe unser Haus. Aber der Schhnee liegt hier so hoch. Wir müssen uns durchkämpfen“, berichtete Annika. „Auf Wiedersehen Weihnachtsmann“, riefen die Kinder und stapften los. Im Gehen verabschiedeten sie sich auch von Rudolf und sprachen ihm ihren Dank aus. Nach einer halben Ewigkeit – so kam es den Kindern zumindest vor, erreichten sie endlich ihr Zuhause.

Bescherung, Wiedersehen und Geschichten

Bei den Kinderzu Hause. Die Eltern der Kinder machten sich Sorgen über den Verbleib ihrer Kinder. Jessica fragte immer wieder: „Where is Hannah?“ „Hannah is my Tochter”, antwortete Hannahs Mutter. Aber dies wusste Jessica bereits. Das Mädchen hatte danaach gefragt, wo Hannah war. Doch die Mutter hatte „where“ (Wo) mit dem deutschen Wort „Wer“ verwechselt. Jessica lief durch die Wohnung und rief nach ihrer Brieffreundin. Endlich verstand Hannahs Mutter, was sie wissen wollte. „No Ahnung“, sagte sie. Plötzlich klingelte es. „It rings“, stellte Jessica fest. „May that’s Hannah“, fügte die Engländerin hinzu. „May“, wiederholte die Mutter und ging zur Tür. Jessica folgte ihr. Sie hoffte, dass Hannah und ihre Geschwister nun endlich wieder da waren. Es war schwierig gewesen, sich in ihrer Abwesenheit mit der Mutter zu verständigen. „Wenigstens bin ich nicht verhungert“, dachte sie. Währenddessen öffnete Hannahs Mutter die Tür. Ihr bot sich ein seltsamer Anblick: Vor der Tür standen ihre Kinder. Sie waren von oben bis unten mit Schnee bedeckt. Außerdem war ein Rehkitz, ein Engel und ein fremder Junge bei ihnen. Ihre Mutter hielt nach dem Schlitten Ausschau. Als sie ihn entdeckt hatte, blieb ihr der Mund offen stehen. Neben dem Obst und Gemüse lagen dort noch seltsame Äste mit Weihnachtsgebäck. „Kommt rein und erzählt mir, wo ihr gesteckt habt“, presste sie mühevoll hervor. Es gelang ihr nicht ihrer Stimme einen strengen Klang zu verleihen. Stattdessen klang ihre Stimme matt und kraftlos. „Hannah? Are you here? Wat’s happened this evening?“, fragte Jessica. „Yes, I’m here”, antwortete ihr Hannah und schritt auf sie zu. Bevor sie ihr auf Englisch alles erklärte, sagte sie: „Jessica hat mich gefragt, ob ich da wäre und was heute passiert ist.“ Da Hannah nur Englisch redete, verstand die Mutter und ihr Vater, der gerade zu ihnen gestoßen war, nur Bahnhof. Annika entschloss sich dazu, ihren Eltern alles zu erklären. „Wir waren beim Bauern und haben Obst und Gemüse geholt. Dann sind wir noch mal in den Wald gegangen, um spazieren zu gehen. Im Wald legte dann der Schneesturm los und wir verirrten uns. Irgendwann sind wir auf die Weihnachtslichtung gelangt. Dort…“, begann sie. Gemeinsam erzählten die Kinder nun die ganze Geschichte. Als sie geendet hatten, war auch Hannah mit ihren Ausführungen fertig. Deshalb sagte sie: „Der Engel heißt Lena und der Junge heißt Yannick. Und das Reh hab‘ ich Bambi getauft.“ Jana hatte Jessica Hannahs Worte übersetzt. Nun fragte sie für das englische Mädchen: „Jessica fragt, ob sie Bambi mal anfassen darf?“ Statt ihr zu antworten holte Hannah das Reh herein und stellte es vor die tastenden Finger der blinden Engländerin. „This is Bambi“, sagte sie dazu. „She is soft“, stellte das Mädchen fest, nachdem sie das Tier angefasst hatte
(Sie ist weich) “Da habt ihr euch aber eine tolle Geschichte einfallen lassen“, meinte die Mutter. Sie schien ihnen nicht recht zu glauben. Deshalb holten sie ihre Beweise und ließen Lena durch die Wohnung fliegen. Yannick beschrieb den Eltern und Jessica, für die dies natürlich übersetzt wurde, wie man Schnee und andere Wetterphänomene erzeugt. Endlich glaubten ihnen alle ihre Geschichten und schwiegen erstaunt. „Wir wollen Bescherung, wir wollen Bescherung“, sprachen Svenja und Julian im Chor. „Genau“, pflichteten ihnen die Anderen bei. „OK. Alles ist bereit für die Bescherung“, verkündete die Mutter. „Auf zur Bescherung!“, brüllten alle, sogar Jessica. Bei ihr klang es aber eher wie „Ouf surr Beserung“.

Wenige Augenblicke später betraten alle das Wohnzimmer. In der Mitte des Raumes stand ein prächtiger Weihnachtsbaum. Er war zwar nicht so schön wie der auf der Lichtung, aber dafür lagen jede Menge Geschenke darunter. „Jessica, her eis a present for you“, erklärte Hannah, während sie Jessica ein Paket gab. „Das ich ein Geschenk kriege, hätte ich nie gedacht“, dachte sie glücklich. Freudig riss sie das Geschenkpapier ab und hielt einen Karton in der Hand. Vorsichtig öffnete sie den Karton und ertastete einige Kassetten und ein Braillebuch. „What’s this?“, fragte sie neugierig. „That’s a German learn programme“, sagte Jana. „Thank you“, bedankte sie sich bei ihrer Besuchsfamilie und strahlte. Die Anderen erhielten Bücher, Spielzeug, Süßigkeiten und so mancherlei Anderes. Ganz zum Schluss blieb nur noch ein einziger, riesiger Karton übrig. „Dieser Karton ist für dich, Hannah“, wandte sich ihre Mutter an ihre älteste Tochter. „Aber ich hab‘ doch schon einen DAISY-Player, ein paar Bücher, Hörspiele und Hörbücher und Hörfilme gekriegt. Außerdem habt ihr mir ja vor zwei Wochen eine sprechende Hightech-Uhr vorträglich zu Weihnachten geschenkt“, wunderte sich Hannah. „Möchtest du dein Geschenk denn nicht?“, erkundigte sich ihre Mutter. „Jessica würde es auch gerne nehmen“, fügte ihr Vater hinzu. „Doch, doch“, sagte Hannah rasch. Sie wollte sich gerade auf den Karton stürzen, als sie merkwürdige Geräusche vernahm. Als sie dann im Begriff war den Karton zu öffnen, nahm sie auch noch Bewegungen wahr. „Das muss aber ein komisches Geschenk sein, dass Geräusche macht und sich bewegt“, dachte Hannah bei sich. Mutig öffnete sie den Karton. Ein weißer Border Collie sprang heraus und schleckte ihr das Gesicht ab. „Ein Hund!“, rief Hannah erfreut aus. „Fühl mal weiter“, forderte sie ihr Vater auf. Vorsichtig glitt ihre Hand in denKarton. Sie fand ein Buch, dessen Titel lautete: „Wie arbeitet man am besten mit Blindenhunden? Was muss man über Hunde wissen?“. Außerdem fand sie Hundezubehör und ein auf sie zugeschnittenes Führgeschirr. „Ein Blindenhund! Vielen, vielen Dank!“, jubelte sie und vollführte einen Freudentanz, der von Sammi, so hatte sie den Hund bereits getauft, mittanzte. „Im neuen Jahr kommt jemand vorbei und hilft dir dabei, ihn richtig zu handhaben“, erklärte ihre Mutter. Während der gesamten Weihnachtsfeirtage verbrachten alle eine wunderbare Zeit mit Bambi, Sammi, Lena und Yannick. Sie spielten mit ihren Geschenken und genossen die verbleibenden Tage mit Jessica.

Ungefähr ein Jahr später

Mittlerweile hatte Hannah gelernt, mit Sammi umzugehen. Die Beiden waren ein unzertrennliches Team geworden und folgten einander überall hin. Lenas Flügel waren verschwunden und tauchten nur manchmal auf. Yannick und Lena gingen mit den Kindern in die Schule und nahmen am ganz normalen Leben der Menschen teil. Bambi war zu einem ausgewachsenen Reh geworden. Julian und Svenja hatten ihr ein Geweih gemacht und ritten mit Hannahs Führung oft auf ihr. Sie hätten die Begebenheiten von vor einem Jahr fast vergessen, wenn Yannick und Lena nicht gewesen wären. Die Kinder waren gerade dabei, Julian auf Bambi spazieren zu führen, als Jana plötzlich ausrief: „Seht mal dort oben. Da fliegt der Schlitten, mit dem wir vor einem knappen Jahr hierher geflogen hat!“ „Du hast Recht“, stimmten ihr die Anderen zu. Der Schlitten setzte zur Landung an. Joana, Frau Holle, Frau Engels, Domminnick, Lisa, das Christkind, der Nikolaus, Adina, Yassemin, Anna, Miriam, Inês und Bruna sowie der Weihnachtsmann stiegen aus. Annika erblickte auch Laurenz, der auf Rudolfs Rücken saß. „Hallo Kinder. Wir wollten euch doch besuchen“, sagte Rudolf. „Ah. Das freut uns sehr“, erwiderte Hannah. „Das ist übrigens Sammi, mein Blindenhund“, fügte Hannah hinzu. „Mama! Mama! Komm mal schnell! Die Weihnachtslichtler sind da!“, rief Julian. Augenblicklich erschien ihre Mutter auf der Bildfläche. Neugierig musterte sie alle und begann glücklich mit allen ein Gespräch zu führen. Es dauerte lange, bis die Besucher wieder verschwanden. Besuche dieser Art wiederholten sich noch oft, sogar noch, als alle Kinder selbst Kinder hatten. Sie erzählten ihnen dann immer diese Geschichte, die ihr gerade gelesen habt. Ich bin unglaublich gespannt, wie ihr sie weitererzählt.
Ich mache es jedenfalls so:
„Es war früh am Morgen des 24. Dezember.“

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