Dem Wasser ganz nah – Kanu fahren ohne zu sehen

Mit anderen zusammen oder alleine unterwegs sein, sich sportlich betätigen, die Natur mal aus einem anderen Blickwinkel wahrnehmen, Action und Nervenkitzel – beim Kanufahren kann man gleich alles haben. Auch ich steige seit April 2019 in der Regel einmal in der Woche ins Kajak.

 

Wie ich zum Paddeln kam

Nahezu zufällig begegnete mir die Ausschreibung eines Kanu-Einstiegskurses. So ganz konnte ich nicht einschätzen, was da auf mich zukommen würde, aber da ich gerne Neues ausprobiere und ich das Angebot ziemlich spannend fand, schrib ich einfach mal die Kursleitung an. Kurz darauf hatte sich ein erfahrener Paddler des Vereins als individuelle Begleitung für mich zur Verfügung gestellt.

 

Während die anderen Teilnehmenden in ein Einzel-Kajak stiegen, übte ich in einem Zweier-Kajak. Das Zweier-Kajak ist nicht zwingend erforderlich, denn man kann blind auch problemlos in einem Einzel-Kajak fahren, wenn die anderen in Hörweite bleiben, jedoch hat das Zweier-Kajak in der Anfangsphase große Vorteile. So machte der Kursleiter Grundschlag, Bogenschlag, Ziehschlag etc vor und die Teilnehmenden schauten ihm dabei zu und konnten die Techniken recht leicht übernehmen. Ich hingegen brauchte eine viel konkretere Ansprache, die mir durch Worte oder auch mal durch Handführung erfahrbar macht, was zu tun ist. Das fing schon damit an, wie das Paddelblatt ins Wasser getaucht werden muss. Mit der Zeit bekommt man durch den Wasserwiderstand zwar ein taktiles Feedback darüber, ob es passt oder ob man das Paddel noch etwas drehen sollte, bis man aber dieses Gefühl hat, braucht man diesbezügliche Hinweise. Um den sehenden Mitfahrer dahingehend etwas zu entlasten, haben wir am Griff des Paddels ein Holzstück mit Klebeband als Markierung angebracht. Wenn das Holzstück in Fahrtrichtung zeigte, stimmte die Position des Paddelblatts. So konnte ich mir schnell einprägen, wie sich das Paddelblatt im Wasser anfühlen muss beziehungsweise wie nicht. Inzwischen brauche ich keine Markierung mehr, weil ich anhand des Wasserwiderstands genau spüre, wie ich das Paddel gerade halte.

 

Weiterer Vorteil des Zweierkajaks: Ich kann mich vollkommen auf die Paddeltechnik konzentrieren und brauche mich nicht um die Richtung oder um das Ausweichen von Hindernissen, die es im Wasser in Form von Treibholz, Büschen, Steinen, anderen Booten etc zuhauf gibt, kümmern – gerade bei längeren Touren oder wenn es auf den Rhein geht eine große Entlastung.

 

Herausforderung im Einzelkajak

Um ehrlich zu sein ist das Fahren im Einzelkajak immer noch konzentrationstechnisch herausfordernd für mich. Es ist nicht ungewöhnlich, dass man sich am Anfang immer wieder dreht und sehr oft die Richtung anpassen muss, um geradeaus zu fahren und auch Sehende müssen etwas üben, damit es klappt, aber ich glaube schon, dass man als Blinde noch ein deutlich besseres Gespür für Boot und Paddel braucht. Ich habe am Anfang beispielsweise gar nicht gemerkt, dass ich mich gedreht habe und war echt froh, dass man mir nicht erst noch den entsprechenden Paddelschlag zeigen musste, wenn man „rechts!“ oder „links!“ rief – das hätte mich vermutlich überfordert.

 

Auch die Orientierung auf dem Wasser ist wesentlich vielschichtiger als die Orientierung bei Sehenden: Idealerweise fährt immer jemand vor mir her und spricht mit mir oder jemand anderem. Die Person kann auch ein Glöckchen am Boot haben oder Ähnliches, hauptsache, sie macht sich (so durchgehend wie möglich) akustisch bemerkbar. Das ist die mit Abstand einfachste und entspannteste Methode, und wenn wir ohnehin in einer Gruppe fahren und sich die Paddler vor mir einfach über alles Mögliche unterhalten, bin ich vollkommen unauffällig dabei.

 

In mir bekanntem Gebiet nutze ich – insofern nicht von Wolken verdeckt – auch die Sonne als Orientierung. Wenn ich um die gewohnte Uhrzeit auf dem Wasser bin, weiß ich, wo die Sonne sein muss (vor mir, rechts/links von mir oder hinter mir) und mit ein paar geographischen Grundkenntnissen zur Umgebung kann ich die Sonne als Kompass einsetzen, um mich zu orientieren. Wenn Bäume die Sonne verdecken, ist das natürlich schlecht, aber mit dieser Kenntnis bin ich auch schon ein Stück komplett alleine gepaddelt.

 

In solch einer Situation bietet sich dann die „Echo-Ortung“ als Ergänzung an. Als „Echo-Ortung“ bezeichnet man spezielle Schnalzlaute, deren Echo mir akustische Informationen über mein Umfeld gibt, ähnlich wie bei Fledermäusen. Dadurch kann ich wichtige Informationen bekommen: Fahre ich näher am rechten oder am linken Ufer? Könnten während der nächsten Paddelschläge Büsche meine Haare streifen? Nicht alles hört man, ich bin auch schon gegen einen schwimmenden Baumstamm gefahren, und leider kommt das Echo oft genug von der Bootsspitze zurück, sodass man gar nicht hören kann, was sich davor befindet. Es gibt aber auf jeden Fall eine gewisse Sicherheit, immerhin wenige Informationen über seine Umwelt zu haben. Dennoch: Menschen, die nicht wenigstens noch einen kleinen Sehrest haben, sollten niemals komplett ohne sehende Begleitung auf dem Wasser unterwegs sein – schon gar nicht in fremden Umgebungen.

 

Theoretisch können blinde Menschen auch alleine im Wildwasser fahren (akustische Anhaltspunkte gibt es überall), ich persönlich steige aber schon bei Ausfahrten auf dem Rhein oder an mir unbekannten Orten aufs Zweier-Kajak um – ganz davon abgesehen, dass es sich im eigenen Boot einfach am schönsten fährt.

 

Apropos Fluss: Gerade hier ist es ungemein wichtig, das Wasser zu erspüren, um die Strömung richtig einzuschätzen. Dafür beobachtet man genau, wie sich das Paddel im Wasser verhält und wie das Wasser mit dem Boot interagiert: Schaukelt das Boot oder dreht es sich? Gibt es einen hohen Widerstand beim Paddeln oder geht alles ganz leicht? Gleichzeitig schätzt man als Blinde Gegebenheiten manchmal ganz anders ein als Sehende: Wir waren gerade eifrig am Paddeln, als ich ziemlich zentral vor uns ein Rauschen hörte, was von meinen Ohren als Gefahr aufgefasst wurde, obwohl in Wahrheit nur eine Buhne, die man gut überpaddeln kann, dafür verantwortlich war. Hier ist dann wieder die sehende Person wichtig, die einen dann über die Frage „Was ist denn das da vor mir?“ aufklärt. Spannend wird es auch, wenn ein Schiff in der Nähe ist. Während mich auf dem Altrhein alle kennen und mir mit ihren Booten konsequent ausweichen, liegt es auf dem Rhein an mir, dem Schiff rechtzeitig auszuweichen. Ein sinnvoller Weg ist hier, nahe des Ufers (außerhalb der Fahrrinne) zu fahren – und das bedeutet vor allem, schnell auf entsprechende Anweisungen des Vorfahrenden zu reagieren.

 

Fazit

Nicht immer ist die Präsenz auf dem Wasser einfach, erfordert Anstrengung und Konzentration. Doch das Paddeln ist auch eine wunderschöne und entspannende Aktivität: Es ist herrlich, sich vom Wasser treiben zu lassen, und wenn wir zu zweit in einem Boot sitzen, kann ich mich voll und ganz auf die Paddeltechnik konzentrieren und dahingehend auch mal etwas Neues lernen. Zudem muss ich nicht durchgehend zu 100 Prozent präsent sein, wodurch ich mich hier deutlich mehr entspannen kann, davon abgesehen, dass ich im Zweier-Kajak meist unauffälliger als im Einzelkajak bin und viele überhaupt nicht merken, dass ich blind bin. Manchmal paddeln wir minutenlang schweigend den Altrhein entlang und beobachten die Natur. Mein Begleiter beschreibt mir, was er sieht, und die gemütlichen, gleichmäßigen Bewegungen mit dem Paddel sind fast meditativ  – wunderschön!

Kerstin beim Paddeln im Einerkajak

Beides hat seinen Reiz: Alleine im Boot sitzen, für sich selbst verantwortlich zu sein, die Freiheit und Unabhängigkeit zu spüren, die ich empfinde, wenn ich mich trotz meiner Blindheit aus eigener Kraft mit meinem Boot fortbewege, aber auch die Entspannung, mal nicht auf die Richtung und eventuelle Hindernisse achten zu müssen, mich mit einem erfahrenen Paddler als Mitfahrer sicher zu fühlen und einfach loszulassen und zu genießen oder mich aber auch mal körperlich herauszufordern.

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