Jacqueline, die sehbehinderte Veranstaltungstechnikerin

„Entschuldigen Sie, aber mit Ihrer Behinderung können Sie niemals arbeiten, wir können Ihnen nur einen Platz in einer Behindertenwerkstatt anbieten.“. Mit dieser Aussage wollte mich die Sachbearbeiterin der Arbeitsagentur abfertigen. Diese Situation geschah kurz nach meinem Abitur im Sommer 2015, als ich noch nicht wusste, ob ich studieren oder eine Ausbildung absolvieren möchte. Auf meine Aussage, dass ich mich mit etwas Unterstützung durchaus in der Lage sehe eine Ausbildung oder Studium zu absolvieren, wurde nur gesagt, dass das nur Träume seien und ich niemals arbeiten werden können. Meine beruflichen Vorerfahrungen wurden gekonnt ignoriert.
Ich bin Jaqueline, 25 Jahre alt, komme gebürtig von der Nordsee und habe Eventmanagement und -technik in Gießen studiert, aktuell studiere ich neben meinen zwei Berufen noch Informatik. Als ich damals die Aussage der Arbeitsagentur hörte, konnte ich es nicht akzeptieren, dass ich als unvermittelbar eingestuft wurde. Ich wollte nicht akzeptieren, dass ich „zu behindert“ bin, somit fasste ich den Entschluss, ihnen das Gegenteil zu beweisen. Aufgewachsen bin ich in und auf Bühnen, auf Events und Konzerten, das war schon immer mein Leben und wird es auch für immer bleiben, mein Vater nahm mich überall mit hin und dass, obwohl ich hochgradig sehbehindert und Epileptikerin bin, mein Vater traute mir alles zu. Bin ich nun behindert? Nein, ich werde behindert. Bereits in meiner Schulzeit war ich für Ton- und Lichttechnik in unserer Schule zuständig, machte die Technik bei Theateraufführungen – auch im Ausland – und war selbstständig tätig in der Eventbranche. Meine Stärken liegen vor allem in den Bereichen der Tontechnik und des Eventmanagements, im Theater betreue ich auch sehr gerne das Licht. Mein Arbeitsalltag sieht ganz unterschiedlich aus. Ich bin sehr viel unterwegs, häufig auch nachts und an Wochenenden, je nach Auftragsart. Dabei erstelle ich z.B. Personalpläne, verhandle mit Drittdienstleister, spreche Zeiten und Verträge mit denen am Eventort zuständigen Personen ab und kümmere mich um behördliche Genehmigungen. Im Bereich des Tons bin ich involviert in die Planung der Soundsystems und bin auf vielen Events hinterm Mischpult zu finden. Dort mixe ich gerne Rockbands oder, wenn es auch mal leiser sein soll, gerne im Theater.
Dank meiner Fahrassistenz ist es mir möglich, alle Jobs anzunehmen, für die ich angefragt werde, ohne auf die Anbindung an ÖPNV angewiesen zu sein. Mal sitze ich im Büro in einem Meeting, mal telefoniere ich den ganzen Tag, mal erledige ich nur Papierkram, aber ein Großteil der Arbeit macht die Planung und Durchführung von Events aus, was immer im Team geschieht. Ein perfektes Team ist der Grund, warum man auch mit einem Handicap ganz normal arbeiten kann. Meine Kollegen wissen darum, was mir Schwierigkeiten bereitet also bin ich die Expertin für alle Fragen und Aufgaben, die ich ohne Probleme selbst erledigen kann.
Es gibt mehrere Möglichkeiten in der Eventbranche zu arbeiten. Je nach Interesse kann man eine Ausbildung zur/m Veranstaltungskaufmann/-frau oder Veranstaltungstechniker/in machen oder so wie ich, viel Berufserfahrung mitbringen und z.B. Eventmanagement und Eventtechnik studieren.
Auch Menschen mit Behinderungen können im Beruf erfolgreich sein, dafür sind einzig zwei Eigenschaft zwingend notwendig: Zum einen muss man sich durchsetzen können aber noch viel wichtiger ist, zu erkennen, wo die persönlichen Stärken liegen und diese realistisch einzuschätzen und dabei im Beruf erfolgreich einzusetzen. Das man sich selbst völlig unter- oder überschätzt in seinen Fähigkeiten, ist oft der Grund, warum es beruflich nicht so klappt wie man es gerne möchte.
Ich arbeite als Frau in einer Männerdomäne, da muss man sich durchsetzen können. Aber als Frau mit einer Beeinträchtigung, ist das nochmal ein Kampf mehr. Kunden reagieren meist sehr offen auf mein Handicap. Manchmal bekommen sie es gesagt, meistens aber nicht. Es gelingt eigentlich immer, das keiner aufs Handicap schaut, wenn die fachlichen Kompetenzen überzeugend sind. Dahingegend muss man schon mehr kämpfen, als eine Person ohne Handicap. Arbeitsplatz in einer Behindertenwerkstatt? Nein danke, für mich nicht. Als Abschluss zwei Zitate:
Aussage meines Chefs nach meiner Probezeit:
„Mir egal ob du behindert bist oder nicht, du hast es drauf.“

Aussage eines Kunden, nachdem wir schon zwei Wochen gemeinsam an einem Projekt arbeiteten und ich ihn bat, mir die Handschrift auf der Rechnung vorzulesen:
„Ach, Sie sehen schlecht? Das habe ich ja gar nicht gesehen, da muss ich wohl blinder sein als Sie.“

(geschrieben von Jacqueline)

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