Ein Tag auf der Bundesgartenschau in Heilbronn

Am Montag, den 26. August 2019, fuhr ich auf die Bundesgartenschau nach Heilbronn. Einfach so, ganz alleine. Was? Blind alleine? Na klar! Die wenigsten, die diese bekannte Sehenswürdigkeit besuchen, wissen von den hervorragenden Unterstützungsprogrammen des Deutschen Blinden-und Sehbehindertenverbands Württemberg. Hier bieten sich ehrenamtliche als Begleitpersonen an und geben Menschen mit Blindheit oder hochgradige Sehbehinderungen dadurch die Möglichkeit, einen Ausflug zu machen, ohne sich vorher im privaten Umfld nach einer sehenden Begleitung umsehen zu müssen.

Die Buchung ist denkbar einfach: anrufen, sagen, wann man kommen möchte und abwarten. Wenn man sich natürlich zu kurzfristig meldet, ist möglicherweise nicht mehr genug Zeit vorhanden, um eine Begleitperson zu finden, eine Woche im Voraus ist hier ein guter Wert, doch zumindest in meinem Fall war das alles völlig unkompliziert – und dann ging es los …

Als ich an der Haltestelle Neckar Turm in Heilbronn ankam, wurde ich bereits von meiner Begleitperson erwartet. Auf dem Weg zum Eingang wurde mir allerlei Wissenswertes über die Stadt mit der Experimenter, seiner Industrie und seinen sozialen Strukturen erzählt, gleichzeitig lag aber auch ein großes Augenmerk darauf, sich gegenseitig zu „beschnuppern“.

Das Gelände der Bundesgartenschau ist riesig, weshalb man da auf jeden Fall Prioritäten setzen muss und sich vorab im Internet einen Überblick über die Angebote verschaffen sollte. Wie gut, dass mein Begleiter sehr genau einschätzen konnte, was für mich als blinde interessant ist! In einem der Gewächshäuser konnte ich viele verschiedene Blumen und Pflanzen anfassen, beispielsweise verschiedenste Arten von Sonnenblumen. Wusstet Ihr, dass es Sonnenblumen gibt, die kein Loch in der Mitte haben, sondern geschlossen sind? Mit Alpenveilchen oder Dalien lernte ich weitere Balkon- und Gartenblumen kennen, es gab aber auch außergewöhnlichere Pflanzen, die beispielsweise in der Wüste wachsen und auch bei der Bundesgartenschau auf Sand angepflanzt wurden. Auf Wunsch las mein Begleiter mir auch die jeweils dazugehörigen Informationstafeln vor, wodurch ich noch mehr über die zuvor ertasteten Gewächse erfahren konnte.

Auch in der „Obst- und Gemüseabteilung“ gab es spannende Dinge zu ertasten: Dort ragte ein riesiger Kohl aus der Erde und es gab Bäume mit reifen Äpfeln einer Urapfelsorte, die gerade einmal so groß wie Kirschen waren. Es gab auch Reben mit Weintrauben, die ich anfassen konnte.

Mein persönliches Highlight war der Rosengarten. Hier fühlen sich die Rosen nicht nur unterschiedlich an, haben unterschiedliche Größen und Formen und so weiter, sondern riechen auch noch verschieden. Zudem konnte ich Rosen in verschiedenen Stadien, als Knospe, verblüht oder mit Blüten in den besten Wochen ertasten und so die Entwicklung einer Blume Tactil am Realobjekt erfahren. Auch hier gab es immer wieder Infos und Anmerkungen durch meinen Begleiter.

Neben der Bundesgartenschau an sich lädt das Gelände auch zum Verweilen und Entspannen ein. Deshalb haben wir uns noch bei einem Stück Kuchen gestärkt und sind zu einem Aussichtspunkt spaziert, wo man mir viel darüber erzählte, was mit dem Arial im Anschluss an die Bundesgartenschau passiert, was ebenfalls sehr spannend war.

Insofern man Interesse an der Natur hat und diese etwas genauer kennen lernen möchte, ist man hier genau richtig. Durch die Möglichkeit einer individuellen Begleitung ist es auch uns blinden möglich, selbstständig etwas zu unternehmen. Während man viele Pflanzen und Blumen sonst nur beschrieben bekommt oder gar keine Vorstellung davon hat, wie sie aussehen, kann man sie hier auch anfassen und riechen und dann etwas damit anfangen, wenn eine sehende Person zu einer anderen sehenden Person sagt: „Oh, schau mal, da sind ja Rosen!“ Davon abgesehen erhält man viele Informationen über die Stadt Heilbronn, das Areal der Bundesgartenschau und die ausgestellten Gewächse selbst, wobei alles sehr verständlich und anschaulich erklärt wird. Meine Begleitperson war sehr nett, ist gut auf meine Wünsche und Bedürfnisse eingegangen und hat sich wirklich Zeit für mich genommen, um mir alles bestmöglich näherzubringen.

Wer jetzt neugierig wurde, hat noch bis zum 6. Oktober die Möglichkeit, das Angebot in Anspruch zu nehmen. Ansonsten lässt sich dies bezüglich rückmelden, dass hiermit ein absolut gelungenes Modell der Barrierefreiheit und der Eigenständigkeit Blinder und Sehbehinderter auf die Beine gestellt wurde.

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