Wie Technik mein Leben ermöglicht

Hinweis: Dieser Artikel ist im Rahmen der Blogparade „Wie Technik mein Leben verändert“ enstanden.

Allgemein

Mein Name ist Tim Böttcher. Ich bin 19 Jahre alt, sehe aber jünger aus, als ich bin. Wenn ich eine Kapuze auf habe und meinen Stock nicht dabei habe, würdet ihr mich auf der Straße vermutlich anrempeln und euch ärgern, dass ich euch nicht ausgewichen bin. Oder ich würde euch versehentlich berühren und ihr würdet euch über die perversen Männer von heute aufregen.
Der vielen Worte kurzer Sinn: Ich sehe ziemlich normal aus. Okay, ich schiele stark, weil ich auf dem linken Auge (im Gegensatz zum rechten) noch etwas sehe. Aber das ist auch schon alles, was rein äußerlich auffällt, wenn mein Hörgerät und mein CI verdeckt sind.

Die Cyborgs haben die Gesellschaft infiltriert!

Nein, keine Sorge. Dies wird keine Verschwörungstheorie. Aber wenn wir verstehen wollen, wie stark Technik unser Leben mittlerweile dominiert, müssen wir uns bewusst sein, dass sie nicht nur um uns herum existiert, sondern auch in uns. Mein Cochlea Implantat mag äußerlich aussehen wie ein größeres Hörgerät. Doch dies ist eigentlich nur der Prozessor – also der Teil, welcher Schall aufnimmt und weiterleitet. Der andere Teil ist einoperiert, man sieht ihn nicht. Und es gibt noch wesentlich mehr Beispiele für derlei Symbiosen von Technik und Mensch, einige elektronisch, andere mechanisch und wieder andere nur als Schutz. Herzschrittmacher. Künstliche Hüft- und Kniegelenke. Metallplasten, mit denen Teile des Schädels nach Operationen ersetzt werden. Die Liste ist lang, und einige dieser „Cyborgmerkmale“ sind schon sehr alt – man denke nur ans Holzbein.

Ich denke man kann also getrost behaupten, dass technische Hilfsmittel seit Menschen gedenken auch von Personen mit Behinderungen genutzt wurden, um ihre Handicaps auszugleichen. Mit Fortschreiten der Technik ändert sich daran nur eines: Der Ausgleich wird immer erfolgreicher.

Was bedeutet das konkret für mich?

Es gibt nur wenige Behinderungsarten, die zu einer so starken Ausgrenzung führen wie die Taubblindheit. Man kann nicht hören, was andere einem mitteilen möchten. Man kann seine Umgebung nicht sehen. Wären alle Sinne gleichwertig, würden 40 % der Sinneseindrücke wegfallen. Der Mensch ist jedoch sehr audiovisuell ausgerichtet, de facto fällt also viel mehr des normalen Inputs weg. Wenn man gehörlos geboren wurde oder früh ertaubt, kann man zudem oft nicht oder nicht richtig sprechen, sodass auch der Output erschwert wird. Ich bin erst blind, dann an Gehörlosigkeit grenzend schwerhörig geworden, sodass mir zumindest diese Einschränkung erspart bleibt. Allerdings habe ich die Gebärdensprache auch erst spät für mich entdeckt und muss sie nun mühsam als eine Fremdsprache lernen – ohne die Gebärden sehen zu können. Das macht es nicht einfacher. Zwar kann man mit mir über Lormen kommunizieren, dies ist aber zeitaufwändig.

Hier kommt Technik ins Spiel

Ich bin mit Jammern fertig. Ab hier gehts aufwärts! Denn trotz der zuvor erwähnten Barrieren kann ich – Technik sei Dank – heutzutage sehr aktiv am alltäglichen Leben teilnehmen.
Das fängt schon mit meiner Schulausbildung an: Ich habe als erster Taubblinder an einem normalen Gymnasium in Deutschland Abitur gemacht. Ich hatte bei den Klausuren zwar Nachteilsausgleich (hauptsächlich mehr Zeit), aber die Klausuren wurden nach den gleichen Maßstäben bewertet, wie bei allen anderen auch. Dass ich dennoch einen Schnitt von 1,3 erreicht habe, ist sicherlich durchaus mein Verdienst – wäre aber ohne technische Hilfsmittel undenkbar. Dazu zähle ich neben meiner Braillezeile, dem Screen Reader JAWS, taktilen Abbildungen und Modellen, digitalen, barrierefreien Bücher und Arbeitsblättern etc. auch Dienstleistungen wie das Schriftdolmetschen. Und hier sind wir schon beim nächsten Punkt:

Es gibt viele textbasierte Kommunikationsalternativen, der Digitalisierung sei Dank

Ob E-Mails, Live-Chats, Messaging-Apps oder Diktierfunktionen – die Digitalisierung hat zu vielen Wegen geführt, wie man gesprochene Kommunikation durch Text ersetzen kann. Außerdem liefert sie gleichzeitig die Werkzeuge, um diesen Text auch ohne sehen oder hören zu können zu lesen.
Weil viele Informationen außerdem nicht mehr nur analog, sondern auch digital verfügbar sind, kann ich mir z.B. Speisekarten in Restaurants nun auch vorab schon ansehen. Dies ist natürlich in sehr vielen Aspekten des Lebens für mich essenziell.

Selbst Bilder werden erfassbar

Apps wie Seeing AI machen grafischen Inhalt mehr und mehr erfassbar – durch Tools, die den räumlichen Aufbau eines Fotos darstellen, sogar erfahrbar. Auch sind Braillegeräte in Entwicklung, die jegliches Foto in Braille darstellen – oder dies zumindest versuchen.

Ob in der Navigation auf der Straße, beim Buchen eines Zugtickets oder dem Bestellen eines Taxis – die Digitalisierung macht Taubblinde in jeder Hinsicht unabhängiger. Ganz zu Schweigen davon, dass ich als zukünftiger mathematisch-technischer Softwareentwickler ohne sie arbeitslos wäre…

Fazit

Kurz und bündig: Ohne Technik und die Digitalisierung wäre mein Leben so wie ich es führe nicht möglich.

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