Bitte nicht anfassen: ein Dilemma

Heute bin ich – wie schon des Öfteren – zum Metzger gegangen. In einem solchen Fall habe ich meinen weißen Langstock dabei und eine Signalweste über. Auf dieser Weste steht vorne relativ groß „taubblind“ und auf der Rückseite nochmal riesig das Gleiche. Auch hat die Weste reflektierende Streifen, ist also sehr auffällig. Ich brauche aber beide Hände – eine für den Stock, eine für Blindenampeln o.Ä. Deswegen trage ich einen Rucksack, um die Einkäufe transportieren zu können. Die große Aufschrift auf dem Rücken ist also verdeckt.
Heute dann also auf dem Weg zum Metzger: Ich gehe gerade recht zielstrebig den Bürgersteig entlang, als sich plötzlich eine durchaus sanfte Hand auf meinen Arm legt und mich versucht nach rechts zu schieben. Ich reagiere darauf wie immer (ungeachtet der Sanftheit): Ich bleibe wie angewurzelt stehen.
„Behinderte bitte nicht ungefragt anfassen. Wenn Sie glauben, dass der Behinderte Hilfe braucht, sprechen Sie ihn an oder tippen sie ihn an, und falls er die Hilfe akzeptiert, halten Sie ihm den Arm hin. Aber bitte nicht einfach anfassen.“, sage ich, aus meiner Perspektive ruhig und höflich, aber energisch. „So… Weshalb glaubten Sie, dass ich Hilfe brauche?“ Ich warte. Die Person ist weg gegangen.
Tja, und nun? Ich dachte, wenn ich ruhig und höflich rede, würde besagte Person auch ruhig und höflich stehen bleiben und sich anhören, was ich zu sagen habe. Blinde mögen es schlie#lich nicht, sich mit leerer Luft zu unterhalten. Oder… war ich zu unhöflich? Hätte ich mich zunächst für das Hilfs“angebot“ bedanken sollen?
Ich finde es immernoch erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit Menschen ohne Behinderung Menschen mit Behinderung anfassen – wenn sie allerdings (und sei es versehentlich) von Menschen mit Behinderung angefasst werden, reagieren sie oft sehr ablehnend.
Ich bin grundsätzlich für Hilfsbereitschaft dankbar und nehme sie auch gelegentlich in Anspruch. Beim Metzger lasse ich mich beispielsweise immer zur Tür bringen. Ich war aber gerade zielstrebig und selbstbewusst unterwegs. Ich brauchte keine Hilfe, ich wusste genau wo ich mich befand und was als nächstes zu tun ist. Und im schlimmsten Fall bringt mich ein plötzliches „Führen“ in eine bestimmte Richtung aus dem Konzept und ich verliere wirklich die Orientierung. Aber selbst, wenn Blinde mal ein Stück ihren Weg zurück laufen, heißt das oft nur, dass sie sich neu orientieren. Natürlich darf man jederzeit fragen. Aber bitte zuerst fragen oder antippen und danach fragen, dann ggf. anfassen und führen. (Dies aber nur bei expliziter Genehmigung durch den Behinderten oder Notwendigkeit aufgrund einer gefährlichen Situation (Blinder läuft auf eine Stange in Kopfhöhe zu o.Ä.).)
Die Weste hatten wir übrigens besorgt, damit Leute aufhören, mit mir interagieren zu wollen, solange ich nicht aktiv um Hilfe bitte – dies brachte mich nämlich oft aus dem Konzept. Aus meiner Perspektive hat dies aber nur die Wirkung, dass Menschen mich nicht mehr ansprechen sondern direkt zugreifen. Und, Höflichkeit in Ehren… Es nervt.
Daraus schließe ich: Als Mensch mit Behinderung sollte man natürlich trotz allem stets höflich bleiben. Aber vorallem sollten Menschen ohne Behinderung nicht ungefragt in die Privatsphäre der Behinderten eindringen.

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