Taubblind klettern

„Halo.“
„Hi.“
„Möchtest du runter?“
„Jo. Ich sehe keinen Grund, weiter hier oben rumzugammeln.“
Mit „hier oben“ ist ein Punkt an einer Felswand etwa 20 Meter oberhalb des Bodens gemeint. Gut – das, was Kletterer in den Alpen „Boden“ nennen. Kritischere Menschen würden es als „extrem unebenes Felsplateau“ bezeichnen. Aber wie dem auch sei: Obwohl es dort oben eigentlich ganz schön ist – die Sonne scheint, ich sitze bequem und sicher in meinem Klettergurt und muss mich nicht mehr anstrengen – gibt es tatsächlich nicht allzu viel, was ich in dieser Höhe anstellen könnte.
Anders als in einer Kletterhalle kann ich hier allerdings nicht einfach abgeseilt werden – es gibt zu viele Risse und Ritzen, in denen ich mich „verirren“ könnte. Im schlimsten Fall würde sich dann das Seil verhaken und ich könnte nicht mehr weiter abgelassen werden. Um derlei Ärger zu vermeiden, ist eine andere Teilnehmerin der Kletterfahrt 2018 zu mir hinauf geklettert und hakt sich nun in mein Seil ein. Sie ist nun mit mir verbunden und kann mich führen.
„Tim?“
„Ja.“
„Komm mal näher zur Wand. Wenn das Seil so straff ist, kann ich mich nicht aushaken.“
„Oh, sorry.“
Denn da ich das eigentliche Kletterseil belege, kann sich meine Unterstützerin nur selbst sichern. Das tut sie, indem sie sich immer in Metallringe am Felsen einhakt, hoch oder runter klettert, bis der nächste ring in reichweite ist, und sich dort wieder einhakt. Wenn aber das uns verbindede Seil zu straff ist, klappt das nicht.
Aber wie bin ich überhaupt bis nach oben an dieser Felswand gekommen?
Ich bin natürlich geklettert. Dies tue ich allerdings aufgrund meiner Behinderung etwas anders als normale Kletterer. Prinzipiell ist beim Klettern wichtig, dass man nah an der wand bleibt. So minimiert man den Zug der Schwerkraft am Körper, oder sorgt idealerweise dafür, dass die Schwerkraft einen zur Wand hin zieht. Zweitens arbeiten Kletterer aus den Beinen heraus. Wir ziehen uns also eigentlich nicht hoch, sonern wir drücken uns mit den Beinen hoch. Ein erfahrener Kletterer weiß, dass die Beine i.d.R. wesentlich mehr Kraft ausüben können als die Arme – und somit es sinnvoll ist sich stärker auf die Beine zu verlassen. Die Arme bzw. Hände werden idealerweise nur locker auf die Griffe gelegt und dienen hauptsächlich zur Absicherung. Dabei bleiben die Arme, so gut es eben geht, gestreckt. Dies bedeuteq, dass man näher an der Wand bleiben kann und die Armmuskulatur weniger belastet wird. Alles andere könnte früher oder später zu Krämpfen führen. Last but not least: Während man eimen Griff oder Tritt zu erreichen versucht, dreht man sich ein. D.h. wenn man einen Tritt für den rechten Fuß oder einen Griff für die linke Hand erreichen will, dreht man sich mit der linken Körperseite zur Wand. Dadurch wird der Winkel des Arms zur Wand spitzer, und man kann höher greifen. Dabei drückt man das linke Bein so weit durch wie möglich. Das linke Bein trägt das volle Körpergewicht, das rechte ist entlastet und kann sich zu einem neuen Tritt begeben. Danach wiederholt sich der Pozess fürs linke Bein und die rechte Hand.
Dies tue ich ebenfalls. Aber zwischen den beiden Phasen (rechter Fuß, linke Hand und linker Fuß, rechte Hand) gibt es bei mir noch eine dritte Phase. In dieser Phase stehe ich mit dem Gesicht zur Wand, drehe ein bein mit der Fußspitze nach innen und taste die Wand mit der Außenseite des Unterschenkels nach Tritten ab. Wenn ich schließlich einen Tritt gefunden habe, drehe ich mich ein, trete auf diesen und taste mit dem näher an der Wand befindlichen Arm nach Griffen. Dies ist kräftezehrender als normal. Da ich aber so gut wie keine Kommandos mehr höre, wenn der Unterstützer/die Unterstützerin nicht wie in obigem Beispiel direkt bei mir ist, ist dies die einzige Möglichkeit, wie ich selbstständig klettern kann. Und es funktioniert.
Seit nunmehr vier einhalb Jahren gehe ich relativ regelmäßig in einer integrativen Klettergruppe klettern. D.h., Menschen mit und ohne Behinderung klettern gemeinsam. Anfangs konnte mir noch über die FM-Anlage Anweisungen gegeben werden, aber mit fortschreitender Schwerhörigkeit wurde dies schwierig. Deswegen klettere ich mittlerweile größtenteils selbstständig, ohne Anweisungen.
Beim Klettern trage ich einen Klettergurt, welcher so eingestellt wird, dass er nicht von meinen Hüften abrutschen kann. Außerdem werden noch Schlaufen um meine Beine festgezogen. Der Klettergurt hält eine Zugkraft von 2,2 Tonnen aus. Das Kletterseil hat einen Durchmesser von einem Centimeter und ist stark genug, einen Ozeandampfer zu vertäuen. Es wird im sog. Doppelachter am Gurt festgeknotet – einem Knoten, der sich nicht von selbst löst. Oben an der Wand läuft das Seil durch einen Karabinerhaken oder einen Ring eder etwas vergleichbares und zurück zum Boden, wo ein Partner mich sichert – sprich, das Seil stets straff hält, während ich klettere. Damit dies leichter ist, wird das Seil von einem am Klettergurt des Sicherers befestigtem Sicherungsgerät nochmal umgeleitet.
Wenn ich oben angekommen bin und runter möchte, lässt mich mein Partner kontrolliert ab. Hierbei stemme ich meine Beine gegen die Kletterwand, setze mich in den Gurt, und „laufe“ an der Wand runter. Dies funktioniert natürlich an unregelmäßig geformtem fels nicht so gut.
Natürlich werde ich mit meinem Kletterstil nie ein Turnier gewinnen. Dennoch, klettern ist sehr gut für meine Muskulatur und auch das Vertrauensverhältnis, welches man zum Sicherer entwickelt, ist positiv zu bewerten. Dementsprechend kann ich klettern nur empfehlen!

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