Ju-Jutsu für Behinderte

Ein (barriere)freies Selbstverteidigungssystem

Ju-Jutsu ist meine Passion. Ich übe diesen Kampfsport bereits seit sechs Jahren aus und bin nach wie vor der Ansicht, dass Ju-Jutsu hält, was es verspricht: Es ist wirklich für jeden geeignet.

Was ist Ju-Jutsu?

Ju-Jutsu steht für „die sanfte Kunst“ – ein ziemlich irreführender Name, da man im Ju-Jutsu durchaus auch lernt, ordentlich drauf zu hauen. Die Grundausrichtung ist jedoch eher defensiv. Charakteristisch ist in dieser Hinsicht, dass Ju-Jutsu schon eine geringe Anzahl an Abwehrbewegungen zu einer großen Anzahl von möglichen Verteidigungskombinationen verbindet. Diese sind variabel und werden mit zunehmendem Können des/der Ju-Jutsuka personalisiert.

Genau aus diesem Grund ist Ju-Jutsu meines Erachtens auch ideal für Behinderte aller Arten: Durch die hohe Variabilität lässt sich im Grunde für jeden ein personalisierter Stil entwickelm, jede Technik lässt sich passend abändern.

Entstanden ist Ju-Jutsu 1969 in Deutschland, und zwar im Auftrag des Innenministeriums. Dieses hatte Mitgliedern des Dan-Kollegiums den Auftrag gegeben, ein neues Selbstverteidigungssystem zu entwickeln. Dieses sollte sowohl stilunabhängig, alsauch stilübergreifend sein – d.h. sämtliche traditionellen Stile sollten aufgenommen werden, falls sinnvoll, und gleichzeitig sollten Techniken unabhängig von Stilen miteinander kombinierbar sein. Ju-Jutsu gewann aufgrund dieser Voraussetzungen bei den Sicherheitsbehörden Deutschlands schnell an Popularität. Aber auch die Zivilbevölkerung entdeckte Ju-Jutsu für sich – somit entstand 1990 der Deutsche Ju-Jutsu Verband (DJJV).

Die Grundlage für Ju-Jutsu bildeten Aikido, Judo und Karate. Mittlerweile sind aber viele weitere Techniken hinzugekommen. Aus jedem Stil werden Techniken entnommen, welche ins Verteidigungskonzept von Ju-Jutsu passen, es gilt das Motto: „Aus der Praxis für die Praxis“. Manche bezeichnen Ju-Jutsu als den Zehnkampf des Kampfsports, da alle Technikformen vorkommen – Tritte, Schläge, Würfe, Hebel, Bodentechniken, Nervendrucktechniken, Würgetechniken, Fallschule, Stockkampf, Messerkampf/-Abwehr etc.

Wie praktiziere ich als Taubblinder Ju-Jutsu?

Während des Trainings muss ich mein Hörgerät und mein CI ausziehen, da mir diese durch die häufigen Stürze bei Ju-Jutsutechniken zu oft flöten gingen. Daher ist es faktisch unmöglich, mir Techniken verbal zu erklären. Aus diesem Grund habe ich bei den meisten Trainingseinheiten seit Winter 2018 eine Taubblindenassistenz dabei. Die Assistenz vermittelt mir, was andere gesagt haben – entweder über Lormen oder über taktile Gebärden. Meine Trainingspartner können mir jedoch auch über vorab abgesprochene Zeichen Kommandos übermitteln (z.B. kräftifes Klopfen auf den rechten Arm = Sturz links). Wenn ich eine neue Technik erlerne, führt in der Regel ein Sensei (Lehrer/Meister) diese Technik an mir durch und ich fühle mir genau an, wie seine/ihre Hände liegen, wie die Beine stehen, welche Schritte gemacht werden, etc. In selteneren Fällen führt der Trainer die Technik an jemand anderem durch und ich fühle dann bei beiden, wie sich die Haltung und Position im Laufe der Technik verändert.

Wie gut funktioniert das?

Da ich eine tolle Gruppe habe, in der ich Ju-Jutsu praktiziere, funktioniert dies sehr gut. Ich bin zwar der einzige Taubblinde (oder überhaupt Blinde) in dieser gruppe, aber cas macht überhaupt nichts – ich werde akzeptiert, wie ich bin. Und – noch wichtiger – insbesondere die Trainer fassen mich nicht mit Samthandschuhen an. Nach jeder Einheit fühle ich mich ziemlich zerschlagen – aber es ist schön, mal behandelt zu werden, wie jeder andere auch. 😉

Wie gefährlich ist Ju-Jutsu?

Grundsätzlich besteht bei Ju-Jutsu Verletzungsgefahr – wie bei jeder anderen Sportart auch. Da die Bewegungen bei Kampfsportarten jedoch kontrolliert durchgeführt werden, ist die Verletzungsgefahr geringer als bei Ballsportarten.

Allgemein ist es in einer tatsächlichen Kampfsituation auf der Straße wichtig, sich auf Techniken zu verlassen, die man gut beherrscht – ansonsten ist man mindestens genau so gefährlich für sich selbst wie für den Gegner. Macht euch nichts vor: Ob behindert oder nicht, ihr werdet nicht von heut auf morgen zu Bruce Lee.

Gibt es sonst noch Vorteile von Ju-Jutsu gegenüber anderen Sportarten?

Ich betone hier explizit nochmal: Es gibt keine besseren oder schlechteren Kampfsportarten. Jede Kampfsportart, jeder Stil hat seine einzigartigen Merkmale und ist daher situationsabhängig und abhängig von den jeweiligen Bedürfnissen des Ausübenden besser oder schlechter geeignet. Im Vergleich zu anderen Sportarten hat Ju-Jutsu (genau wie viele andere Kampfsportarten) jedoch einige Vorteile:

  • Vielseitigkeit – Ju-Jutsu beansprucht viele Muskelgruppen
  • Selbstbewusstsein – man lernt, wie man Gefahrensituationen vermeidet und übersteht
  • Sicherheit – durch die intensive Fallschule lernt man, Stürze auch im Alltag relativ unbeschadet zu überstehen
  • Vertrauen – das Training mit einem Sparringspartner fördert die Bindung und das gegenseitige Vertrauen.

Und wie finde ich einen Verein?

Der Dachverband DJJV hat seinerseits Landesverbände, in denen jeder Ju-Jutsuka früher oder später Mitglied wird. In meinem Fall ist dies der NWJJV. Dort kann man entweder eine Liste der Vereine einsehen, oder Kontakt aufnehmen, um den nächst gelegenen Verein zu finden. Oft hilft auch eine simple Suche im Internet. Hat man einen Verein gefunden, muss man die genauen Details mit den dortigen Verantwortlichen klären. Kosten sind von Verein zu Verein unterschiedlich – bloß die Kosten der Jahressichtmarke für den Ju-Jutsupass und die Kosten für Prüfungen werden vom Verband festgelegt.


Ich hoffe, ich konnte euch Ju-Jutsu näher bringen. Egal ob behindert oder nicht, dieser Kampfsport ist für jede/n in der einen oder anderen Form geeignet, ausnahmslos.

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