Autismus und priorisierte Coronaimpfung – Mein Brief an das Bundesgesundheitsministerium

Angesichts der aktuellen Lage habe ich mich mit der Frage auseinandergesetzt, ob und warum Autist:innen meiner Meinung nach einer priorisierten Impfgruppe angehören sollten. Da ich finde, das Thema sollte an die Öffentlichkeit gelangen und da ich anderen Autist:innen bei der Argumentation helfen möchte, teile ich heute einen Brief, den ich diesbezüglich an das Bundesgesundheitsministerium geschrieben habe:

„Sehr geehrte Damen und Herren,

leider sind in den priorisierten Impfgruppen für COVID-19 Autist:innen nicht erwähnt. Ich bin der Meinung, dass Autismus als Grund zur Priorisierung in Stufe 3 eingeordnet werden sollte. Meine Argumente hierfür werde ich Ihnen im Folgenden darlegen:

Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen gehören laut dem Dokument „Stufenplan der STIKO zur Priorisierung der COVID-19 Impfung“1 des RKI der Stufe 3 an. Die priorisierte Impfung von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen wird von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V. in der Stellungnahme2 vom 24.11.2020 folgendermaßen gerechtfertigt:

-Leiden unter „erheblichen psychosozialen Beeinträchtigungen“

-seien „in besonderem Maße Umweltfaktoren ausgesetzt, welche als Risikofaktoren für COVID-19-Infektionen gelten“, darunter „niedriger sozioökonomischer Status“ und „unsichere Arbeitsbedingungen“

-„Somatische Erkrankungen und Risikofaktoren“ würden „aufgrund von Stigmatisierung, Diskriminierung und Unwissen bei Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen schlechter erkannt und später behandelt“
-„Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen haben außerdem mehr Schwierigkeiten bei der Befolgung und Umsetzung der komplexen und sich ständig ändernden Regeln und Verpflichtungen zur Eindämmung des Corona-Virus“

-„haben auch ohne Berücksichtigung von COVID-19 eine zwei- bis dreifach höhere allgemeine Sterblichkeitsrate […]“

Das Ärzteblatt schreibt im Artikel „Das Asperger-Syndrom im Erwachsenenalter“3 von 2009: „Erhebliche psychosoziale Beeinträchtigungen erstrecken sich über berufliche, soziale und partnerschaftliche Lebensbereiche.“

Das Autismus Institut Lübeck schreibt auf seiner Website im Artikel „Wie geht es weiter?- Verlauf und Prognose“4: „Nach Lehnhardt (2013) kommt es bei der Hälfte dieses Personenkreises-“, (gemeint sind Menschen mit Asperger-Autismus), „trotz eines hohen Bildungsniveaus und eigenständiger Lebensführung- zu Arbeitslosigkeit und einem geringen sozioökonomischen Status.“

Aufgrund von häufig vorliegender Hypo- oder Hypersensibilität bei Autist:innen ist es bei dieser Personengruppe ebenfalls schwieriger, Risikofaktoren zu erkennen. Durch Hyposensibilität können solche über lange Zeiträume unentdeckt bleiben und ein erhebliches Risiko für einen schweren COVID-19 Verlauf darstellen. Zudem ist das deutsche Gesundheitssystem leider nach wie vor nicht vollständig barrierefrei, weshalb viele Autist:innen auch ohne Berücksichtigung von COVID-19 keine adäquate und regelmäßige medizinische Betreuung erhalten. Auch bei einer COVID-19 Infektion von Autist:innen stünde einer erfolgreichen Behandlung die oft nicht vorhandene Barrierefreiheit von Krankenhäusern für Autist:innen im Weg. In dieser Hinsicht sind Austin:innen also zusätzlich häufig im Erhalt von barrierefreier gesundheitlicher Hilfe behindert.

Zum Thema „geregelter Tagesablauf und Routinen“ möchte ich aus einer Dissertation von Constanze Schröck5, vorgelegt im Jahr 2014, an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau, zitieren: „Im Störungsbild des Asperger-Autismus spielen auch feste Gewohnheiten, sogenannte Routinen oder Rituale eine große Rolle. Im Tagesablauf der Patienten finden sich unzählige Routinen, viele von ihnen wünschen sich sogar einen immer gleichen Tagesablauf. Zumindest die Rahmenstruktur eines jeden Tages sollte gleich sein.“
Mit dem Befolgen der sich ständig ändernden Regeln zur Eindämmung des Corona Virus, haben viele Autist:innen demnach ebenfalls große Probleme, abgesehen davon, dass durch die Pandemie ohnehin bereits der gewohnte Tagesablauf der meisten erheblich gestört ist.

Hinzu kommt, dass das Tragen eines Mund-Nasenschutzes von angemessener Qualität für viele Autist:innen nicht umsetzbar ist. Die Probleme diesbezüglich resultieren vor allem aus sensorischen Überempfindlichkeiten und generell sensorischen Problemen, die das Tragen einer Maske gänzlich unmöglich oder zu einer extremen, kaum zu bewältigenden Stresssituation machen.

Auch bei Autist:innen liegt ohne Berücksichtigung von COVID-19 bereits eine niedrigere Lebenserwartung vor. Laut dem Artikel „Gesundheit autistischer Menschen“6 von Linus Müller auf der Webseite „autismus-kultur.de“ sterben Autist:innen „durchschnittlich 16 Jahre früher als die allgemeine Bevölkerung.“
An diesem Punkt möchte ich auch erneut auf die oft fehlende Barrierefreiheit des Gesundheitssystems für Autist:innen hinweisen. Im selben gerade erwähnten Artikel wird folgende Aussage von Lauren Bishop, einer Dozentin für Soziale Arbeit an der Universität von Wisconsin-Madison, zitiert: „Diese hohen Sterblichkeitsraten könnten an der schlechten Pflege liegen, die autistische Menschen in Kliniken tendenziell erhalten.“

Autist:innen erfüllen demnach alle Argumente, die zur Rechtfertigung der priorisierten Impfung von psychisch schwer kranken Menschen herangezogen werden. Weshalb kommen Autist:innen dann nicht in der selben priorisierten Impfgruppe wie diese vor?

Eine weitere ausschlaggebende Einschränkung, die seit der Pandemie für viele Autist:innen besteht, ist die Einschränkung in Bezug auf die Wahrnehmung wichtiger Therapiemaßnahmen. Viele Autist:innen sind in ambulanter Psychotherapie, Ergotherapie oder anderen Therapieformen. Durch die häufige Unfähigkeit einen Mund-Nasenschutz zu tragen, sind Autist:innen durch regelmäßige Therapiebesuche einem extrem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt. Hinzu kommt, dass viele überhaupt nicht zur Therapie gehen können, da dies entweder ohne Mund-Nasenschutz unmöglich ist oder aber der Mund-Nasenschutz einen essentiellen Teil der Therapie, wie zum Beispiel das Lesen von Gesichtsausdrücken das vielen Autist:innen ohnehin schon schwer fällt, beeinträchtigt.

Der Zugang zu wichtigen Therapiemaßnahmen würde durch eine Impfung demnach erheblich erleichtert und das Infektionsrisiko wieder tragbar für alle Beteiligten.

Zuletzt möchte ich noch auf die Impfung in Impfzentren eingehen. Der Besuch eines Impfzentrums ist ebenfalls für viele Autist:innen nicht barrierefrei. Leider wird bei der Organisation dieser nicht über physische Barrierefreiheit hinausgedacht. Meist ist ein langer Anfahrtsweg von Nöten, den viele Autist:innen nicht allein und/oder nur unter extremem Stress bewältigen können. Der Ablauf der Impfprozedur ist im Vorfeld unbekannt. Autist:innen haben bekanntlich meist Schwierigkeiten mit Unvorhergesehenem und generell mit einem fremden Umfeld. Auch das Personal, das für die Impfung zuständig ist, ist den zu impfenden Autist:innen fremd, was die Situation erheblich erschwert.

Die Möglichkeit für Autist:innen, sich von bereits bekanntem Personal in der gewohnten Praxis impfen zu lassen, ist demnach unerlässlich.

Ich fordere Sie hiermit dazu auf, „Autismus“ umgehend in die Impfgruppe Stufe 3 mit aufzunehmen, da Autist:innen alle und sogar mehr Argumente für eine priorisierte Impfung erfüllen als die in dieser Gruppe bereits erfassten Personengruppen. Dies ist ein wesentlicher und längst erforderlicher Schritt um die gesundheitliche und therapeutische Fürsorge für Autist:innen in der Pandemie zu gewährleisten.

Vielen Dank und freundliche Grüße“

Wie seht Ihr die aktuelle Situation? Kennt Ihr weitere Gruppen die bei der Impfpriorisierung auch vergessen wurden?

 

Quellenverzeichnis:

1 https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Impfen/ImpfungenAZ/COVID-19/Stufenplan.pdf?__blob=publicationFile

2 https://www.dgppn.de/presse/stellungnahmen/stellungnahmen-2020/covid19-impfstrategie.html

3 https://www.aerzteblatt.de/archiv/63173/Das-Asperger-Syndrom-im-Erwachsenenalter

4 https://autismus-institut-luebeck.de/autismus-im-detail/wie-geht-es-weiter-verlauf-und-prognose.html

5 https://freidok.uni-freiburg.de/fedora/objects/freidok:10012/datastreams/FILE1/content

6 https://autismus-kultur.de/autismus/gesundheit.html

Ein Kommentar

  • Carina T

    Hallo Annika, danke für deinen tollen Beitrag. Deine Argumente sind echt gut nachvollziehbar. Nachdem ich deinen Text gelesen habe, wäre ich auch dafür, dass Autist*innen früher geimpft werden können. Jedoch glaube ich, dass nicht nur Autist*innen priorisiert werden sollten. Blinde Menschen zum Beispiel sind auch einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt. Das liegt an vielen Punkten: Wir als Blinde müssen (fast) alles anfassen, sind bei Assistenz häufig auf Körperkontakt angewiesen und können den nötigen Abstand oft nicht oder nur schlecht einhalten. Außerdem können wir schlecht überprüfen, ob sich unsere Mitmenschen an alle nötigen Maßnahmen wie Masketragen, Abstand und Handhygiene halten. Unter anderem deshalb plädiere ich dafür, dass auch blinde und sehbehinderte Menschen in die Priorisierung aufgenommen werden.

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