Nach Gender gerechter Sprache: brauchen wir jetzt auch eine behindertengerechte Sprache?

Zurzeit wird viel darüber gestritten, ob die Bezeichnung Menschen mit Behinderung im 21. Jahrhundert noch zeitgemäß ist. Vermehrt werden Stimmen laut, die den Begriff Behinderung rassistisch finden und lieber von Menschen mit besonderen Bedürfnissen anstatt Menschen mit Behinderung sprechen.

Andererseits sind Menschen ohne ein Handikap verunsichert, wie sie am besten mit einem Menschen mit Handikap kommunizieren sollen. Sie fragen sich beispielsweise, ob man zu einem blinden Menschen Sätze wie „schön dich zu sehen“ oder „auf Wiedersehen“ sagen kann.

Brauchen wir nach der Debatte zur gendergerechten Sprache nun auch eine Debatte über behindertengerechte Sprache?

Sprache im Wandel

Unsere Sprache befindet sich, wie unsere gesamte Gesellschaft in einem stetigen Wandel. Redewendungen und Begriffe, die lange Zeit zur Alltagssprache gehört haben, kommen mit der Zeit aus der Mode, weil sie nicht mehr zeitgemäß sind, sich die Perspektiven verändert haben oder weil ihnen Diskriminierung von Minderheiten unterstellt wird. Als Beispiel dafür, wie sich Sprache verändert, kann das Wort Inklusion gelten. Als ich im Jahre 2006 von der Blindenschule auf eine Regelschule für sehende Schüler wechselte, sprach man nicht von Inklusion, sondern viel mehr von Integration. Der Begriff Inklusion hat sich erst in den letzten Jahren durchgesetzt und mittlerweile spricht man nur noch von Inklusion und im Zusammenhang von Menschen mit Behinderung kaum noch von Integration.

Mit dem Wandel von Integration zu Inklusion hat sich auch die Perspektive von der Eingliederung von Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft verändert. Während Integration meint, dass sich der Mensch, der in die Gesellschaft eingegliedert werden soll, an die Gesellschaft anpassen muss, bedeutet Inklusion, dass sich sowohl Gesellschaft als auch der Mensch der eingegliedert wird, aneinander anpassen. Inklusion geschieht also von beiden Seiten, während Integration in der Regel nur eine einseitige Geschichte ist.

Das sich Sprache mit Sichtweisen und Ansichten der Gesellschaft wandelt, ist also völlig normal und oftmals auch sinnvoll.

Schwieriger wird es jedoch, wenn von bestimmten Gruppen versucht wird, Sprache aufgrund von bestimmten Werte- vorstellungen zu verändern. Oftmals wird dieser Versuch mit Political correctness umschrieben.

Bestes Beispiel hierfür ist die gendergerechte Sprache, die für Gleichberechtigung aller Geschlechter im Sprachgebrauch sorgen soll. So wird aus Studenten Studierende und Kollegen werden zu Kolleg*Innen.

Auch vor Menschen mit Behinderungen macht die Political Correctness keinen Halt. Derzeit wird immer häufiger gefordert den Begriff Behinderung aus dem Wortschatz zu streichen und stattdessen von Menschen mit besonderen Bedürfnissen oder von Menschen mit Handikap zu sprechen. Auch bei den Bezeichnungen von Behinderungen soll eine Sprache etabliert werden, die sich behindertengerechter anhört. So findet man immer häufiger die Bezeichnung sehgeschädigte Menschen anstatt blinde/sehbehinderte Menschen.

Diese Forderungen nach einer behindertengerechten Sprache kommen zumeist von Menschen mit einer Behinderung selbst. Tatsächlich fühlen sich viele Menschen durch den Begriff Behinderung diskriminiert, da viele das Wort Behinderung negativ belegt ist und sogar des Öfteren als Schimpfwort verwendet wird.

Zu diesem Thema habe ichHier

bereits einen Beitrag verfasst.

Des Weiteren fordern immer mehr Menschen, dass sich die Sprache ihrem Handikap anpassen sollte. Dies würde dazu führen, dass man zu einem blinden Menschen nicht mehr auf Wiedersehen sagen kann, sondern sich eine alternative Redewendung überlegen muss. Menschen ohne Handicap versuchen mehr und mehr ihre Sprache einer Behinderung anzupassen, wenn sie sich mit einem Menschen mit Handicap unterhalten.

Die Grenzen der behindertengerechten Sprache

Doch ist es überhaupt möglich eine behindertengerechte Sprache zu etablieren? Stellt man sich diese Frage wird man recht schnell zu dem Ergebnis kommen, dass es unmöglich ist, die deutsche Sprache so zu verändern, dass alle oder zumindest viele Behinderungen berücksichtigt werden.

Der Widerspruch wird deutlich, wenn man einmal versucht eine alltägliche Redewendung wie „schön dich zu sehen!“ versucht behindertengerecht zu verändern.

Da wären zunächst blinde Menschen, die ihr Gegenüber nicht sehen können und einfordern, dass man statt sehen einen anderen Begriff verwendet. Da blinde Menschen ihren Gesprächspartner zumeist an der Stimme erkennen, würde es sich anbieten statt „Schön dich zu sehen!“ „Schön dich zu hören!“ zu sagen.

Dann würden aber die gehörlosen Menschen protestieren, da sie ihr Gegenüber natürlich nicht hören können.

An diesem Beispiel wird die Problematik und Sinnlosigkeit des Versuchs Sprache krampfhaft behindertengerecht zu gestalten offenbar.

Warum eigentlich behindertengerechte Sprache?

Des Weiteren wird durch den Widerspruch die Frage aufgeworfen, ob und wieso wir überhaupt eine behindertengerechte Sprache brauchen?

Warum fühlen sich Menschen durch das Wort Behinderung diskriminiert und negativ stigmatisiert? Und warum wünschen sich so viele Menschen, dass sich Sprache an ihrem Handikap orientiert und anpasst? In diesem Zusammenhang muss aber auch gefragt werden, warum Menschen ohne Handikap des Öfteren krampfhaft versuchen ihre Sprache behindertengerecht anzupassen, sobald sie mit einem Menschen mit Behinderung kommunizieren.

Sicherlich hat jeder ganz individuell seine eigenen Antworten auf diese Fragen und deshalb ist es nicht möglich, dass dieser Beitrag ausreichende Erklärungen abliefert.

Trotzdem möchte ich es wagen zumindest teilweise eine Erklärung zu geben.

Sprache ist in gewisser Weise immer auch Spiegel der Gesellschaft oder zumindest von demjenigen, der gerade das Gespräch führt. Als Beispiel sei hier an dem Wortwandel von Integration zu Inklusion erinnert, den ich am Anfang des Textes erläutert habe.

Wenn sich so viele Menschen von dem Wort Behinderung diskriminiert und negativ stigmatisiert fühlen, ist das Grund genug zu fragen, wie unsere Gesellschaft mit Behinderungen umgeht.

Oftmals gibt es noch große Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderung. Diese Vorurteile entstehen zumeist nicht aus Boshaftigkeit, sondern viel mehr aus Unwissenheit. Vorurteile stecken Menschen mit Behinderung meistens in eine Schublade, aus der sie so ohne weiteres nicht mehr herauskommen.

Allerdings muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass diese Vorurteile nicht immer nur von Menschen ohne Handicap verbreitet werden, sondern immer wieder auch von Menschen mit Handicap. Viele Menschen mit einer Behinderung haben selbst eine eher negative Wahrnehmung von sich selbst und ihrer Behinderung. Zwar kann dies auch auf die gesellschaftliche Wahrnehmung zurückgeführt werden, jedoch werden Vorurteile dadurch eher noch verstärkt.

Zur Behinderung stehen

Eine andere Möglichkeit, als die der zwanghaften Sprachenumwandlung wäre, dafür einzustehen, dass das Wort Behinderung nicht mehr so negative Gefühle auslöst. Meine persönliche Einstellung ist, dass meine Blindheit ein Teil von mir und meiner Persönlichkeit ist. Natürlich ist es nicht immer einfach damit zu leben, aber trotzdem ist mein Leben lebenswert und schön. Ich brauche keine besonderen Wortformulierungen und keine Veränderung der Sprache, um besser mit meiner Behinderung leben zu können. Ich habe eine Behinderung, die sich Blindheit nennt und dazu stehe ich. Deshalb ist es auch in Ordnung, dass ich ein Mensch mit Blindheit oder Behinderung bin.

In der Debatte um behindertengerechte Sprache würde ein wenig mehr Realismus gut tun. Wenn ich statt Mensch mit Behinderung ab heute nur noch Menschen mit besonderen Bedürfnissen sage, verändert sich ja nichts an der Grundeinstellung und Mentalität der Gesellschaft. Vielmehr muss darüber gesprochen werden, warum sich für einige Menschen der Begriff Behinderung diskriminierend anhört.

Wir Menschen mit Behinderung sollten den Menschen ohne eine offensichtliche Behinderung deutlich sagen, dass unsere Behinderung ein Teil von unserer Persönlichkeit ist, den man nicht durch zwanghafte sprachliche Veränderung klein reden oder leugnen sollte. Wir sollten ihnen zeigen, dass zu unserer Gesellschaft auch Menschen mit einer Behinderung ganz normal und ganz selbstverständlich dazu gehören sollten.

Das Statistische Bundesamt hat ermittelt, dass Ende 2017 9,4 % der deutschen Bevölkerung eine schwere Behinderung hatte. Das ist immerhin etwa jeder zehnte Bundesbürger.

Der Appell lautet deshalb: Lasst uns aufhören durch erzwungene Veränderung der Sprache Behinderungen klein zu reden oder zu verdrängen! Lasst uns auch durch den Gebrauch von Sprache zeigen, dass Behinderung ganz selbstverständlich zu unserer Gesellschaft dazugehören sollte.

Des Weiteren ist es trotz der Bemühungen eine behindertengerechte Sprache zu etablieren höchst fraglich, ob sich die Mehrheit der Menschen mit Behinderung dadurch wohler und weniger diskriminiert fühlt. In der Regel wünschen sich immer noch sehr viele Menschen, dass man mit ihnen ganz normal kommuniziert und komplizierte Sätze und Redewendungen, die die Behinderung verschleiern oder umgehen sollen, vermeidet. Deswegen sollten Menschen ohne eine Behinderung viel öfter Alltagssprache verwenden und zum Beispiel zu einem blinden Menschen auf Wiedersehen sagen.

Über den Autor

Johannes Schneider ist blind, Student der Politikwissenschaft und evangelische Theologie an der Universität Kassel und lebt mit seiner sehenden Frau in Kassel.

Dieser Artikel wurde zuerst auf perspektivwechsel.wordpress.com

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