Meine Zeit an der Uni

Nochmals Hallo an alle meine lieben Leser/Innen.

Ich denke, es ist Zeit fortzufahren mit meiner Geschichte. Habe ich Euch eigentlich erzählt, wie mein erstes Jahr, also die beiden ersten Semester an der Uni aussahen? Nun, müsst Ihr vorher wissen, dass ich Jura studiere und in diesem Fach ist es Gang und Gäbe, dass die ersten 3 bis 4 Semester die härtesten sind, damit nur die ins Hauptstudium kommen, die es wirklich wollen. Dh. für einen Menschen mit Behinderung, dass dieser schon von der ersten Vorlesung an, extra gut aufpassen muss, damit er mit all dem Druck fertig wird. Das wiederum bedeutet, dass die Hilfsmittel pünktlich beantragt werden können, damit sie pünktlich zu Semesterbeginn da sind.

Ich habe sie auch pünktlich beantragt, sogar mit der Unterstützung des Förderzentrums Sehen – Schleswig. Doch die Bearbeitungszeit für meinen Antrag dauerte leider bis zum Ende des zweiten Semesters an. Ja, genau. Ich musste knapp 1 Jahr darauf warten, dass mir die Hilfsmittel zur Verfügung gestellt wurden, auf die ich sowieso einen Anspruch habe, ja die ich sogar mit Hilfe einer mitunter hierfür eingerichteten Stelle, eben dem Förderzentrum Sehen, beantragt habe.

Somit sah mein erstes Jahr an der Uni so aus, dass ich zur Vorlesung kam, mich hingesetzt habe und zuhörte und mir selbst Notizen machte. Ich konnte aber nicht sehen, was vorne für eine Folie gezeigt oder an die Tafel geschrieben wurde. Ich versuchte meine Notizen kurz zu halten, was manchmal dazu führte, dass ich eine Woche später nicht mehr wusste, worauf sich der Stichpunkt überhaupt bezog. Warum kurz? Na ja, wenn der Professor redet, dann kann man mitschrieben, aber er redet meistens schneller als man mitschreiben kann und demzufolge musste ich abkürzen. Dann bekam ich im dritten Semester endlich meine Hilfsmittel. Jetzt hieß es für mich, früh da zu sein, damit ich meine Hilfsmittel anschließen konnte. Wenn jemand von Euch mal an der Uni Hamburg im Philosophenturm war, bzw. in den Vorlesungssälen im Erdgeschoss, der wird sich daran erinnern, wie groß diese Räume waren. Richtig, sie waren eben nicht gerade groß, sondern eher klein, so dass sie meistens ziemlich voll waren. Ich kann mich an Vorlesungen erinnern, wo Studenten/Innen auf Stufen saßen oder auf separaten Stühlen am Rand. Die Tische sind auch nicht gerade die größten. Ich war froh, wenn mein 17-Zoll Notebook auf einem Tisch stehen konnte. Ich hätte für die Kamera einen zweiten Tisch gebraucht, damit es überhaupt funktioniert hätte. Das heißt, ich hätte zwei Tische nahe der Steckdose belegen müssen. Das wird mitunter sehr schwer, wenn man zu spät kommt, da man die Leute, die an diesen Plätzen sitzen theoretisch bitten muss, sich auf die Stufen zu setzen. Jetzt kann man sagen, dass das doch okay sei, weil man als Sehbehinderter ja sonst gar nichts sieht. Aber ich glaube, dass die beiden Sehenden, sich auf dem Boden auch sehr schwer getan hätten der Vorlesung ordentlich zu folgen, da man weder eine gute Unterlage zum Mitschreiben hat, noch einen wirklich gemütlichen Platz zum Sitzen. Und wenn man selbst nicht früh genug da war, muss man eben abwägen, was man will.

Aus irgendeinem – mir völlig unbekannten – Grund, lichten sich die Vorlesungssäle zum Ende eines Semesters deutlich, was eigentlich wirklich schade ist, aber doch hilfreich. So kann man z. B. die ganze Pause genießen und in Ruhe in der Mensa essen und muss nicht bereits nach knapp 15 Minuten, die eh damit verbracht sind, dass man in der Warteschlange steht, in den nächsten Saal, und vergessen wir nicht, dass der Abbau der Hilfsmittel auch noch einmal extra Zeit in Anspruch nimmt, jedoch wirklich nicht so viel, wie man vielleicht denken mag.

Nun kann man die erste Vorlesungsstunde auch ohne Steckdose bewältigen, da der Notebook ja meistens genug Akku hat um 90 Miauten durchzulaufen und noch die Tafelkamera mitzuversorgen. Erst zur nächsten Vorlesung könnte das schwierig werden. Deshalb empfehle ich den sparsamen Umgang mit dem Notebook und das evtl. Zuklappen, wenn der Professor mal eine Story erzählt, was bei uns mitunter öfter vorkam.

Ausgerüstet mit Notebook, Tafelkamera, evtl. einem Diktiergerät – ich hatte eins – seid Ihr nun bekannt in der Uni! Herzlichen Glückwunsch! Das ist aber tatsächlich nicht negativ. Ich kann mich an ein einziges Mal erinnern, da fragte mich ein Student, was ich denn da alles habe und als ich es Ihm erklärte, fand er es ziemlich cool. Ich hatte daher tatsächlich nicht eine einzige negative Erfahrung mit den Hilfsmitteln. Worauf man achten sollte, könnten Studenten sein, die meinen nicht mehr zur Vorlesung kommen zu müssen, weil Ihr Ihnen die gesamte Aufnahme ja eh geben könntet. Das kann man natürlich ab und an machen, wenn jemand mal krank ist oder wirklich etwas sehr wichtiges vor hatte. Aber das zur Uni Kommen dient ja nicht nur dem Lernen sondern auch der Vorbereitung auf das spätere Leben, denn zur Arbeit muss man auch gehen, egal ob man will oder nicht. Jedoch kam selbst das nicht bei mir vor. Es wurde nur scherzhaft erwähnt.

Nun schrieb ich ja auch Klausuren und wusste am Anfang gar nicht, wo ich den Nachteilsausgleich beantragen kann und ich glaube am Anfang war es mal so mal so. Mal regelte es der Professor für mich, mal die Verwaltung. Inzwischen ist es aber vereinheitlicht wurden. Also ich habe keine Probleme mehr damit. Wie sieht denn so ein typischer Nachteilsausgleich für Klausuren aus? Nun, das kann man individuell mit dem/der Behindertenbeauftragten/In festsetzen. Aber es wird wohl häufig darauf hinauslaufen, dass Ihr

– mehr Zeit für die Klausuren habt (Das waren bei mir mal 50 % länger Zeit, mal 100 % länger Zeit.)

– in einem separaten Raum schreiben dürft. Die Uni Hamburg hat in der Staatsbibliothek einen Raum, der extra für blinde und sehbehinderte Menschen eingerichtet ist. Wenn alles gut geht, dürft t Ihr in einem solchen Raum schreiben, denn da stehen auch die guten, alten Lesegeräte, die man nutzen kann um Texte zu lesen. Jedoch kriegt man die Texte auch als Computerdatei. Ich brauchte das Lesegerät für die Gesetzestexte.)

– essen und trinken dürft. Das gehörte zwar nicht zu den Punkten, die explizit auf dem Schreiben standen, das die Behindertenbeauftragte für mich anfertigte, jedoch wurde mir auf Grund der Zeitverlängerung durch die Aufsichtspersonen stets erlaubt etwas zu trinken. Meine Prüfung für den Schwerpunktsbereich ging 7:45 Stunden. Das ohne etwas zu Trinken oder eine Kleinigkeit zu Essen wäre schon sehr hart. Ich war aber glaube ich so aufgeregt, dass ich nichts essen konnte, zumindest ist das der Stand meiner Erinnerung.

– ihr einen Notebook gestellt bekommt.

Kurz gesagt, Ihr dürft eure Prüfungen auf einem Notebook, in einem separaten Raum schreiben und habt auch noch mehr Zeit als die anderen.

Ich habe aber auch von Freunden gehört, dass ihre Prüfungen mündlich abgenommen wurden. Das geht in Jura sehr schlecht, da die Fallbearbeitung eher schriftlich Sinn macht.

Es gibt sogar für die Rechtsbibliothek einen Nachteilsausgleich. Während der Ottonormal-Student ein Buch nur von Freitag auf Montag ausleihen darf, also 4 Tage, darf ich mir Bücher für 4 Wochen ausleihen.

Hier habe ich extra Präsens gewählt, da ich es immer noch darf!

Die Prüfungen hingegen sind bis auf das Staatsexamen vorbei.

Doch man hat ja sogar noch mehr Vorteile. Man darf einen Härtefallantrag stellen, so dass man sich z. B. die Uni Hamburg als Uni aussuchen kann, wenn man in Hamburg lebt und wegen der Orientierungsprobleme ungern umziehen möchte.

Weiterhin wird nicht auf den NC, den Numerus Clausus, also die Durchschnittsnote im Abi geschaut, wenn man sich als Mensch mit Behinderung bewirbt.

Man darf, soweit ich weiß, knapp 100 Euro im Monat für einen Vorleser beantragen, der einem z. B. in der Bibliothek Texte vorliest o.ä.

Nutzt man all die Vorteile, so sollte es durchaus möglich sein zu studieren

Ich bin aber ganz ehrlich mit Euch. Ich hatte wirklich Schwierigkeiten meine ganzen Hilfsmittel rauszuholen und aufzubauen. Wenn es möglich war, so ließ ich es lieber sein und holte nur meinen Notebook raus. Vielleicht war ich zu sehr daran gewöhnt ohne Hilfsmittel zu arbeiten oder aber zu schüchtern oder zu faul, so genau weiß ich das nicht mehr, aber was ich Euch ans Herz lege, nutzt die Hilfsmittel. Ich hatte ja noch den großen Vorteil, dass in unserem Studienfach fast alles als PDF bzw. Powerpointpräsentation online gestellt wurde, so dass ein Notebook ausreichte, da an der Tafel nichts stand. Aber das ist nicht in jedem Studienfach so – also Hilfsmittel immer nutzen!

Ich habe auch schon drei Praktika während meines Studiums absolviert. Bei allen drei Praktika erhielt ich eine positive Bewertung und die Praktika an sich verliefen richtig gut. Alle Anwälte trauten mir durchaus zu Schreiben aufzusetzen oder Verträge auszuarbeiten oder in einer Sache Recherchen anzustellen. Das fand ich wirklich gut und es war eine Herausforderung. Es hieß eben nicht: „Du bist behindert, also koch Kaffee und lächel ab und zu mal, damit wir sehen, dass du lebst“, sondern es hieß „du willst diesen Job irgendwann mal machen, also sieh dir an was dich erwartet!“ Und das ist die richtige Einstellung. Ich bin meinen Praktikagebern echt dankbar dafür, dass ich wirklich viel lernen konnte. Aber, und das ist ein wesentlicher Punkt für meine blinden und sehbehinderten Leser/Innen, ich habe mich in meinem Praktikum nie als hilflos beschrieben. Ganz im Gegenteil. Ich habe gesagt, dass ich bereit bin, alle Aufgaben zu erledigen, die mir gegeben werden und dass ich durchaus in der Lage bin souverän mit meiner Behinderung umzugehen, also auch Lösungen finden kann, wenn mir etwas schwer fällt. Wenn Ihr euch also für einen Job bewirbt und sagt: „Ja, aber ich kann das nicht und hier brauche ich Hilfe und das kann ich sowieso nicht“, dann fragt Euch doch einmal, ob Ihr jemanden einstellt, der die Hälfte der Aufgaben, die der Job mit sich bringt, anscheinend nicht erledigen kann. Dabei kann man sie in den allermeisten Fällen doch erledigen. Selbstbewusstsein und ein positiver Umgang mit der eigenen Sehbehinderung sind meiner Meinung nach grundlegend dafür, ob man eine Stelle bekommt oder nicht. Ich stieß in einem meiner Praktika auch an meine Grenzen. Ich wurde gefragt, ob ich eine Aufgabe übernehmen könne, auch mit dem Hinweis, dass dies schon eine schwerere Aufgabe sei, aber anstelle zu sagen, dass ich es mir wegen meines Sehens nicht zutraue, antwortete ich, dass ich die Aufgabe gerne versuchen möchte zu erledigen. Ich probierte es, versuchte es weiter, bis ich merkte, dass es auch teils wegen des Sehens einfach nicht mehr möglich war und sagte Bescheid. Ich sollte einiges am Bürocomputer erledigen, was schon wegen der mega hohen Auflösung echt schwierig war. Doch alleine dafür, dass ich es versucht habe und eben schon einen Teil der Arbeit erledigt hatte, hat es sich gelohnt. Es gab kein Wort der Kritik, sondern im Gegenteil wurde es, so war mein Gefühl, für richtig gut befunden, dass ich es zumindest probiert habe. Evtl. sollte ich erwähnen, dass es dabei um das Ausrechnen eines Honorars ging, für einen Fall, der so viel Papierkram hatte, dass, wenn ich mich richtig erinnere, mehrere Aktenordner angelegt wurden.

So, eine Sache, die ich auch in der Uni gelernt habe. Wenn Ihr jemand neuen kennenlernt und der weiß nicht, dass Ihr sehbehindert seid, dann kann es durchaus mal geschehen, dass die Person von Weitem „Hey, na, wie geht’s?“ ruft und Ihr euch nur denkt „Meint er mich? Wer ist das überhaupt? Hmm, sollte ich antworten? Was ist wenn er mich nicht meint …“ Manchmal hilft es Menschen zu sagen, dass man sehbehindert ist und, dass sie, wenn sie einen das nächste mal sehen, ihren Namen bei der Begrüßung sagen und am besten auch noch so nahe sind, dass man weiß, dass wirklich man selbst gemeint ist.

Ich persönlich mache das oft scherzhaft, denn wie gesagt es ist ein Teil von mir und somit ist es nichts, was mit negativem Unterton zu sagen ist. Man kann z. B. mit einem netten Lächeln sagen: „So, du weißt, durch die Sehbehinderung werde ich dich nicht wiedererkennen, also wenn du mich siehst, dann musst du mich zuerst grüßen und mir am besten sagen wer du bist.“

Nun noch was zu meinem Tagesablauf während meiner Vorlesungszeit. Da ich nicht innerhalb Hamburgs wohne, sondern in einem Vorort, musste ich immer ziemlich früh aufstehen, wenn ich um ca. 8 Uhr eine Vorlesung hatte. Denn meine Fahrtzeit von Haustür zu Haustür betrug knapp 1 Stunde 10 Minuten. Allein die Bahnfahrt betrug 51 Minuten, was mich morgens aber kaum gestört hat, da ich in der Bahn noch relaxen konnte, aber wenn man dann am späten Nachmittag endlich nach Hause wollte, war es natürlich um so anstrengender. Nutzt man die Zeit jedoch richtig, so ist es sogar manchmal ganz gut, dass die Bahnfahrt lange dauert. So lese ich ab und an bei langen Bahnfahrten Bücher o. Ä. Jedoch brauchte ich eine Weile um zu lernen, dass das eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung ist. Zuhause hieß es denn lernen, wenn ich denn gelernt habe, aber an Tagen, an denen ich früh morgens zur Uni fahren musste und erst gegen knapp 17:45 Uhr Uhr nach Hause konnte, war ich gegen 19:00 Uhr Zuhause und hatte erstmal genug von Jura. Schließlich konnte es bis zu 4 Vorlesungen an einem Tag geben, wobei eine Vorlesung bzw. AG 90 Minuten dauert. Es konnten aber auch 3 Vorlesungen mit einer Freistunde sein. Freistunden waren für mich eher Zeitverschwendung. Zwar konnte ich in Ruhe essen, aber was tun mit dem Rest der Zeit? Meine Hilfsmittel aufbauen und irgendwas lesen, wäre wohl sinnvoll gewesen, aber mit der Tafelkamera Bücher lesen war für mich immer schwer, da ich das Buch die ganze Zeit unter der Kamera hin und her bewegen musste, was bei einem Buch mit bis zu 400 Seiten auf Dauer anstrengend wird. Im Nachhinein betrachtet, hätte es sich aber gelohnt.

Momentan bereite ich mich auf mein Staatsexamen vor, dh. dass ich keine Vorlesungen mehr und somit mehr Zeit habe mich auf mein Examen vorzubereiten. Daneben gehe ich 2 – 3 mal die Woche zum traditionellen Taekwon-Do Training und an zwei Tagen in der Woche arbeite ich. Als praktizierender Muslim bete ich auch jeden Tag 5 mal und dafür hat die Uni z. B. extra einen Bereich im Rechtshaus vorbereitet, so dass ich auch in meinen Pausen beten konnte.

Letzter Punkt: Seid aktiv! Wenn es Gruppen in der Uni gibt, wie z. B. Lerngruppen oder Organisationen, die für Vitamin B sorgen oder was auch immer – beteiligt Euch daran! Es wird Euch helfen, nicht nur neue Leute kennenzulernen, sondern Euch viel besser zu integrieren und den anderen auch zu helfen einen Schritt in Richtung Inklusion zu tätigen, denn wenn Ihr mit Sehenden zusammen seid, lernen diese den richtigen Umgang mit sehbehinderten und blinden Menschen.

So das war der zweite Teil meines Artikels. Ich hoffe, dass er Euch gefallen hat. Ich bedanke mich bei Carina, für die Chance meine Erlebnisse mit Euch teilen zu können!

Macht’s gut!

Euer Rasim

(geschrieben von Rasim Camoglu)

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