Mein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Kita

08.00 Uhr morgens: Der Gruppenraum füllt sich allmählich mit Leben. Ein Kind tippt mich mit dem Finger an und führt mich zu einem Stuhl am Maltisch. „Hier, kannst ja mal eine Sonne malen wie ich“, sagt es und legt ein Blatt Papier vor mich auf den Tisch. Ich taste nach den Stiftedosen, greife ziellos einen Stift heraus und male eine Sonne auf das Blatt. „Na, gefällt sie Dir?“, frage ich das Kind, als ich fertig bin. Dieses lacht: „Hey, Kerstin, Deine Sonne ist ja grün!“

 

Nein, diese Begebenheit stammt nicht aus irgendeinem Buch oder Film, sondern ist für mich Alltag – denn ich wie Ihr wisst, bin seit meiner Geburt blind. Ich habe letztes Jahr meinen Realschulabschluss gemacht und beginne im September dieses Jahres eine Ausbildung zur Verwaltungswirtin. Das Freiwillige Soziale Jahr in einer Kita ist quasi die Zwischenstation zwischen Schule und Beruf. Ich hatte einfach keine Lust mehr, immer am Schreibtisch zu sitzen, brauchte mal etwas praktisches, worin ich mich entfalten kann, Blindheit hin oder her – und deshalb sitze ich nun am Maltisch und male eine grüne Sonne.

 

Den ehrlichen Kommentar des Kindes nehme ich mit Humor, schließlich sind solche Situationen für mich vollkommen normal. Ich bin inzwischen dabei, die Stifte zu spitzen, da steht die Sprachfachkraft neben mir: „Ich möchte mit einem Kind ein Bilderbuch anschauen. Kannst Du mir dabei helfen?“ Klar kann ich das! Ich verfolge aufmerksam den Dialog zwischen Sprachfachkraft und Kind und notiere mit meiner Braillezeile, ein kleines Gerät, mit dem ich Blindenschrift lesen und schreiben kann, alles, was das Kind sagt. Beim späteren Durchlesen der Aussagen werde ich bereits eine erste Sprachanalyse durchführen, Auffälligkeiten notieren, das Ganze für die Sprachfachkraft ausdrucken und es mit ihr besprechen, denn Sprache ist etwas Wunderbares, das für mich nicht nur gut erfassbar, sondern auch unumgänglich ist. Ein Kind muss mir alles genau beschreiben, wenn es mir ein Bild zeigen möchte, mir akustisch antworten, wenn ich es rufe und mir auf die Frage „Was machst Du?“ eine ehrliche und klare Auskunft geben – Gestik und Mimik bringt mir hier gar nichts.

 

Etwas später gehen alle nach draußen. „Kerstin, spielen wir Verstecken?“, ruft ein Kind. „Na klar!“, erwidere ich und beginne sogleich zu zählen. Meistens finde ich die Kinder ziemlich schnell, denn die Verstecke sind vielleicht nicht einseh-, aber durchaus einhörbar, und ja, der Hof ist groß, aber hat man erstmal in ruhigen Momenten einen Streifzug unternommen, muss man nicht sehen zu können, um sich auch ohne Blindenstock sicher zu bewegen. Auch in den Räumlichkeiten habe ich die Wege von Anfang an ohne dieses wichtige Orientierungsmittel geübt. Dass das Gebäude relativ klein ist und es nicht zu viele verschiedene Räume gibt, kam mir dabei sehr zugute und sorgte dafür, dass ich kein gezieltes Orientierungstraining brauchte. Zum einen wurde ich in der Anfangsphase von A nach B geführt und ging die Wege dadurch immer wieder, aber vor allem nutzte ich ruhige Phasen am frühen Morgen oder am späten Nachmittag, um mir systematisch und in meinem Tempo alles nach und nach anzueignen. Im Laufe der Zeit lernte ich, die verschiedenen Räume zu erkennen, sei es am Geruch, an bestimmten Orientierungspunkten oder an der Akustik. Durch Erkundungstouren innerhalb der Räume konnte ich mir zudem ein Bild von den Möbeln und Gegenständen in dem jeweiligen Raum machen und dessen Aufbau immer mehr verstehen. Im Hof gibt es zwar keine verschiedenen Räumlichkeiten, aber Orientierungspunkte gibt es trotzdem – die, wie die Erfahrung zeigt, teilweise hervorragend als Versteck geeignet sind, wenn die Kinder suchen müssen …

 

Für die Ruhezeit nach dem Mittagessen habe ich heute ein etwas anderes Bilderbuch dabei: Alle Bilder sind tastbar, und Bildbeschreibungen sowie der Buchtext sind in Blindenschrift gedruckt. Die Kinder lieben das. Sie hören aufmerksam zu – und tasten auch beim zehnten Kontakt mit solchen Büchern noch fasziniert über die Punkte und die taktilen Bilder.

 

Die restliche Zeit sitze ich völlig unscheinbar im Raum herum. Nach außen hin wirkt es, als würde ich nichts tun, doch tatsächlich kriege ich sehr viel mit – keine visuellen Dinge, keine Bilder, keine Außenwirkung, keinen Blickkontakt, aber dafür umso mehr die soziale Interaktion, die Sprache – und natürlich die Musik. So lade ich manchmal eine kleine Gruppe von etwa vier Kindern in den Nebenraum ein, um mit ihnen gemeinsam meiner Leidenschaft nachzugehen: Ein musikalisches Spiel, die Arbeit mit Instrumenten, gemeinsames Musikhören, die Verknüpfung von Musik und Bewegung, Versuche gezielter Sprachförderung durch Musik oder auch einfach eine gemeinsame Singrunde – das Arbeitsfeld ist grenzenlos und vor allem unabhängig von der Sehkraft. In den kleinen Gruppen kann ich gut auf jedes Kind eingehen und meine Beobachtungen nutzen, gleichzeitig behalte ich noch den Überblick, denn in der großen Gruppe von 15 oder 20 Kindern bin ich mitunter ziemlich chancenlos: Visuelles bleibt mir verborgen und die Lautstärke ist zu groß, um jedes Kind im Fokus zu haben. Manchmal ist die Situation auch einfach nicht blind zu verfolgen, ganz nach dem Motto: Ich höre, das Dreirad fährt – aber hält sich das Kind darauf auch fest?

 

Solche Erfahrungen frustrieren, denn schließlich möchte man bestmöglich unterstützen. Die Erkenntnis, selbst manchmal Hilfe zu brauchen und bei manchen Arbeiten deutlich langsamer als eine sehende Person zu sein, machen es mir nicht unbedingt leicht. Andererseits habe ich meine Beobachtungsgabe für manche Dinge und das Arbeitsfeld Sprachförderung erst im Laufe der Zeit entdeckt. Das FSJ ist deshalb vor allem eine wichtige Zeit für mich selbst: Sehende sammeln Erfahrungen im Umgang mit anderen (und ich auch), aber vor allem werde ich dazu angehalten, mich intensiv mit mir selbst auseinanderzusetzen, meine Einschränkung besser und richtig einschätzen zu lernen und angemessen und souverän damit umzugehen. Nicht zuletzt ist das auch im Hinblick auf die Kinder wichtig. Auch sie müssen lernen, wie sie sich mir gegenüber verhalten sollen und auch sie haben Gedanken, die Erwachsene als Vorurteile bezeichnen: Die freche Aussage in einer Wartesituation „Dann hörst Du ja überhaupt nicht, wenn es mir zu langweilig wird und ich weggehe“ musste erst durch eine kleine Verfolgungsjagd durch den Gruppenraum entkräftet werden. Auch nutzen manche Kinder meine Blindheit aus, indem sie Dinge, die sie eigentlich an ein anderes Kind weitergeben sollen oder die ich gerade suche, gezielt verstecken oder mir, wenn sie dadurch z.B. mit weniger Ärger davonkommen, relevante und visuell wahrnehmbare Dinge verschweigen. Andererseits ist es toll, wie einige Kinder mich gezielt ansprechen oder antippen, um mit mir Kontakt aufzunehmen, mir beim Aufräumen oder Zusammensuchen von Sachen helfen, mich führen, Bilder durch Nachfahren mit der Schere fühlbar machen und viel beschreiben. Das Schöne bei Kindern ist, dass sie so ehrlich sind und alles sagen und fragen, wodurch Fragen zu meiner Blindheit ohne Hemmungen gestellt und auch beantwortet werden – bei Erwachsenen ist das leider oft anders.

 

Doch auch in dieser Hinsicht habe ich riesiges Glück mit meiner FSJ-Stelle gehabt. Es melden sich immer wieder Blinde bei mir, die nicht wissen, wo sie eine Arbeitsstelle finden sollen. Tatsächlich sind viele Arbeitgeber, obwohl sich alles im sozialen Bereich abspielt, sehr skeptisch bei der Einstellung einer seheingeschränkten Person. Bei der Kita Schwetzinger jedoch war das überhaupt nicht so: Ausnahmslos alle Mitarbeiterinnen sind mir gegenüber sehr offen und aufgeschlossen, waren von Anfang an hilfsbereit und gaben und geben mir dadurch das Gefühl, dass meine Blindheit eine Eigenschaft, wie Sehende auch ihre Schwächen, Stärken und Charakterzüge haben, ist. Diese Einstellung, einer blinden Person die Möglichkeit eines FSJ einzuräumen und die Blindheit nicht als „behindert“ abzustempeln, ist absolut nicht selbstverständlich. Umso mehr weiß ich das zu schätzen und merke, wie viel ein souveräner Umgang und eine gute Aufklärung bezüglich seines Handicaps ausmacht: Was ich nicht kann, kann ein anderer, dafür kann ich was anderes.

 

Zusammengefasst ist eine Blinde in der Kita für alle Neuland und tatsächlich weichen meine Aufgaben durchaus von den Aufgaben der sehenden Freiwilligen ab, doch auch wenn das ein oder andere vielleicht mit Herausforderungen verbunden ist oder man einsehen muss, dass manches eben einfach nicht wie bei Sehenden funktioniert, ergeben sich doch immer wieder Chancen für alle Seiten – und deshalb bedeutet soziales Engagement für mich nicht nur die Arbeit mit Kindern, sondern eine Zusammenarbeit, in der eine Behinderung keine Behinderung darstellt.

 

(Geschrieben von Kerstin)

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