Barrierefreie Webentwicklung: Von der Rücksicht auf die Benutzer

Informationen zum Autor

Marc Haunschild
Webentwickler seit 1995 (www.mhis.de),
seit 2001 u.a. im öffentlichen Dienst;

Beschäftigung mit Barrierefreiheit seit 2001;
Autor, Dozent und Praktiker

Einleitung

Ein Web für alle zu schaffen, war mal ein Traum von mir. Heute ist es mein tägliches Brot, also ganz normale Arbeit. Das ist gut so, denn wie immer gilt: es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Und das bedeutet in meinem Fall, dass ich Webseiten erstelle. Eigentlich ganz normale Webseiten. Nur eben mit Rücksicht auf die Menschen, die die Webseite bedienen müssen.

Rücksicht

Ich denke, das beschreibt es am besten. Denn wohlwissend, dass es immer Menschen geben wird, die auch mit meinen Seiten nicht zurecht kommen, bemühe ich mich doch, möglichst viele Hürden schlicht weg zu lassen.
Die Welt ist so, wie wir sie designed haben. Das gilt für Häuser mit Stufen (wer ist auf die eigentlich angewiesen?) ebenso wie für Webseiten, die ihre Inhalte vor Screenreadern verbergen.

Vorsicht

Erstaunlich oft ist es nämlich so, dass wir Barrieren erst einbauen. Die Natur kennt zwar Täler und Höhen. Daher ist es manchmal mühsam, einen Ort zu erreichen, aber Stufen, Schlagbäume oder Grenzen legen wir Menschen uns selber in den Weg.
Auch wenn eine Webseite künstlich ist, gilt hier ebenso: es gibt schwer oder leicht zu lesende Texte, aber keine, die sich vor Screenreadern selbständig verstecken.
Webseitenbetreiber müssen eingreifen, um Screenreader auszusperren. Beispielsweise Text in ein Grafik-Programm eintippen und dann als Bild exportieren. Sieht schön aus (na ja, Geschmacksache), funktioniert aber nicht mehr für Screenreader.
Dieses Beispiel lässt sich auf viele andere Barrieren übertragen. Die Standard-Schriftgröße beträgt üblicherweise 16 Pixel. Ein guter, vermutlich der beste Kompromiss für die Lesbarkeit – wem das nicht gefällt, stellt einfach eigene Schriftgrößen im Browser ein. Aber viele Designer meinten lange, das besser zu können als die Browserhersteller. Im Ergebnis hatten wir Sehenden lange mit winzigen Schriften zu kämpfen, die uns den Zugang zu den Texten erschwerten.
Apropos Kleinigkeiten! Buttons, Icons und viele andere Elemente haben sich auch lange nahezu unsichtbar gemacht. Nicht nur ärgerlich, dass man winzige Zeichen kaum erkennen kann, es kostet auch Mühe sie mit dem Mauszeiger zu treffen.
Jedem Blinden, der so einen Button vergleichsweise leicht anspringen und bedienen kann, sei ein wenig Schadenfreude gegönnt, dass manche Dinge für Screenreadernutzer leichter sind, als für Sehende.
Tatsächlich ist es auf einer Webseite aufwändiger Sehende zu unterstützen, als Blinde. Blinden reicht es, dass die Seite Texte enthält. Komfortabel wird es, wenn diese sauber strukturiert sind. Dann funktionieren Tastaturkürzel und der Screenreader kann Informationen beispielsweise über die Anzahl der gefundenen Links ausgeben – oder wie viele Einträge eine Liste hat.
Menschen die sehen haben viel unterschiedlichere Bedürfnisse. Wer ein stark eingeschränktes Sichtfeld hat, möchte sich Webseiten oft klein machen können, wenigstens um erst mal einen Überblick zu bekommen. Wer dagegen unscharf sieht, möchte Texte eher größer als vom Design vorgegeben. Farbfehlsichtigkeiten wiederum führen dazu, dass vor allem Rot auf Grün schlecht erkennbar ist und uns alle nerven generell schlechte Kontraste wenn wir auf einem spiegelnden Handy im hellen Sonnenschein etwas anschauen wollen.
Auch hier gilt: Webseiten haben ohne Anpassungen in allen Browsern schwarzen Text auf weißem Grund. Wenn mal wieder schlechte Kontraste nerven, denkt immer dran: irgendjemand hat das so gemacht.
Meist bedeutet Barrierefreiheit im Web also gar nicht etwas besonders Kompliziertes zu machen. In vielen Fällen geht es nur darum, etwas schlechtes sein zu lassen.

Umsicht

Trotzdem sollen Webseiten gestaltet werden. Ein gutes Design hilft beim Lesen und Verstehen.
Design ist auch keine rein optische Kunst. Auch Benutzerführung, Arbeitsabläufe aus mehreren Arbeitsschritten oder andere zusammenhängende Abläufe sinnvoll aufeinander aufzubauen gehört zum Thema „Design“.
Es ist auch nicht erstrebenswert, Webseiten langweilig oder gar hässlich zu machen. Man sollte Webseiten nicht ansehen, dass sie barrierefrei sind.
Aber all das ist kein Problem mehr. Inzwischen gibt es für alle Herausforderungen best practices, also Beispiele, wie man etwas bestmöglich umsetzt.

Im Web gibt es nicht nur die Beispiele, sondern auch Anleitungen. Allen voran die Standards des W3C-Konsortiums, die sogenannten WCAG (offizielle deutsche Übersetzung).
Viele andere Webseiten bemühen sich, diese zu erläutern. Es gibt Bücher darüber und Fachartikel auf allen großen Internetseiten über Webdesign. Wer sich lieber berieseln lässt findet unzählige Podcasts oder Videos mit der Suchmaschine seines Vertrauens.
Es gibt Konferenzen zu dem Thema, es gibt Beiträge auf den großen Konferenzen wie beyond Tellerand in Deutschland und es gibt sogar Livestreams wie den Inclusive Day 24 (der nächste findet am 16. November 2017) statt.
Wer will, kann also wissen, wie man Barrieren vermeidet! Mit wohlüberlegten Layouts werden Webseiten besser. Und zwar nicht „nur“ für Menschen mit Behinderungen, sondern für alle!

Aussicht

Und was meinen Traum vom barrierefreien Web angeht? Trotz all der Initiativen und kostenlos verfügbaren Informationen ist es ein Traum geblieben. 9 von 10 Webseiten sind voller Barrieren. Warum? Ich habe keine Ahnung. Barrieren zu vermeiden ist kein Hexenwerk.
Wer wissen will, wie es geht, kann ja mal in meinen Leitfaden für Entwickler (HERDT Verlag für Bildungsmedien) schauen. 😉
Ich würde mich freuen, wenn mehr Menschen Rücksicht nehmen, auf uns alle. Wir – das sind die Besucher Eurer Webseiten!

(geschrieben von Marc Haunschild)

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